Nachtmodus

Die neuen Updates der mobilen Betriebssysteme für Smartphones und Tablets haben viele neue Funktionen. Über den Mehrwert und Nutzen der angebotenen Möglichkeiten und Einstellungsoptionen, die die Updates beinah im Wochenrhythmus liefern, ist die Nutzergemeinschaft gespalten. Der neue Trend der aktuellen Versionen von iOS und Android: Well-Being-Funktionen. Mit anderen Worten: Die Programmierer der Smartphone- und Tabletsoftwareprodukte sorgen sich um unser Wohl und möchten unsere Gesundheit durch angepasste Funktionen nachhaltig verbessern. Doch wie steht es um neue Funktionen wie den Nachtmodus oder Ruhemodus, der uns am Abend sanft in den Schlaf befördern soll?

Neue Studien zeigen: Der Schuss könnte sogar nach hinten losgehen! Tierversuche im Rahmen neuer Studien aus England haben gezeigt: Die Nachtmodi, die uns ein Farbspektrum auf dem Display bieten, das unseren Einschlafprozess in den Abendstunden unterstützen soll, könnten sogar einen gegenteiligen Effekt auslösen und uns unnötig länger wachhalten als wir dies ohne das Nutzen der neuen Softwarefunktionen wären.

Melanopsin im Blick der Smartphone- und Softwareentwickler

Doch zurück zum Ausgangspunkt. Um zu verstehen, was neuste Studien zu untersuchen und aufzudecken versuchen, empfiehlt sich zunächst ein Blick auf die Neuerungen und die Überlegungen der Smartphone-Entwickler, die hinter der Einführung von Nacht- und Ruhemodi stecken: Forscher haben in neusten Untersuchungen herausgefunden, dass das menschliche Auge insbesondere auf Licht mit kurzen Wellenlängen reagiert. In unserem Tageslicht sind es die kurzwelligen, blauen Anteile, die unsere Aufmerksamkeit in besonderem Maße ansprechen. Diese herauszufiltern und stattdessen auf gelbe und warme Lichttöne zu setzen, macht im Rahmen der eingeführten Nachtmodi also auf den ersten Blick durchaus Sinn.

Gelbe, warme Lichttöne doch kontraproduktiv für unsere Nachtruhe?

Ins Wanken gebracht haben die oben vorgestellten Erkenntnisse eine neue Studie einer renommierten Universität aus England: Forscher fanden in ihren Untersuchungen an Tieren heraus, dass es nicht nur der kurwellige Lichtanteil sei, der unsere Augen anspricht und damit für den Schlaf- und Ruheprozess hinderlich sein kann. So stellten sie fest, dass es neben dem Melanopsin noch weitere Parameter gäbe, die uns wach machen und unsere Aufmerksamkeit durch die optischen Lichtreize erhöhen würden.

Ein aufmerksamkeitsgenerierender Effekt wird in diesem Zusammenhang außerdem durch die Zapfenzelle in unserer Netzhaut generiert. Die Zapfenzelle der menschlichen Netzhaut spricht insbesondere auf gelbe und warme Lichttöne an. Geht es nach dem Forschungsleiter Tim Brown, könnte der Nachtmodus der aktuellen Smartphones also tatsächlich dazu führen, dass die Nutzer der Endgeräte länger wach liegen, wenn sie die entsprechenden Funktionen an ihren Geräten nutzen. Die Studien wurden zunächst an Mäusen durchgeführt. Die Forscher erwägen jedoch, dass die Ergebnisse auch auf den Menschen zu übertragen wären.

Einfluss auf die Fotorezeptoren des menschlichen Auges wiegen schwerer

Die Sach- und Ergebnislage der neusten Erkenntnisse legt die Schlussfolgerung nahe, dass sich die Vor- bzw. Nachteile der unterschiedlichen Wellenlängen des Lichtes gegeneinander aufwiegen und es somit keinen Unterschied mache, ob die Nutzer der Smartphones nun in den Abendstunden kurz vor dem Zubettgehen ihren Nachtmodus am Smartphone oder Tablet einschalten oder nicht. Untersuchungen der menschlichen Aktivität und des Hormonanteils, der sich durch die Wellenlänge des Lichtes aktiv beeinflussen lässt, schlagen jedoch Alarm: Somit führe der Anteil warmer und gelber Lichttöne in höherem Maße zu einer gesteigerten Hirnaktivität. Die Gleichung ist also nicht gleich null und das Einschlafen könnte durch die Nutzung der neuen Smartphone-Modi also mehr gestört werden, als dass es durch das Herausfiltern des blauen Lichtes gefördert würde.

Nachtmodus: Weitere Studien stehen aus

Ob der Betrieb des Smartphones im Nachtmodus nun tatsächlich einen negativen Einfluss auf das menschliche Einschlafverhalten hat, lässt sich abschließend noch nicht wirklich festlegen. Vor allem das individuelle Empfinden und die eigenen Schlaf- und Konsumgewohnheiten der Smartphone-Nutzer bestimmen, ob und wie schnell das Einschlafen am Abend tatsächlich passiert. Wer am Abend vor dem Schlafengehen ein letztes Mal kurz auf das Smartphone schaut, um wichtige Nachrichten für den anstehenden Tag zu checken, für den wird es wohl kaum einen Unterschied machen, ob die blauen oder die gelben Lichttöne auf dem Display überwiegen.

Dennoch lohnt es sich, die Entwicklung zu verfolgen: Sollten weitere Untersuchungen die ersten Erkenntnisse bestätigen, könnte dies ggf. sogar zu einer Umprogrammierung der derzeit verfügbaren Modi führen. In letzter Instanz wird es zunächst ausstehen, in weiteren Tests und Studien zu überprüfen, inwiefern die Erkenntnisse aus den Tierversuchen tatsächlich 1:1 auf den menschlichen Organismus übertragen werden können.

Smartphone und Nachtruhe: So steigerst du deinen nächtlichen Erholungswert

Für viele Menschen ist das Smartphone der unverzichtbare Wecker-Ersatz. Somit sind Empfehlungen, die immer wieder predigen, das Smartphone aus dem Schlafzimmer zu verbannen, nicht für jeden eine praktische und sinnvolle Lösung. Andere Nutzer wiederum nutzen gängige Einschlafapps oder überwachen mit Hilfe von Gesundheitsapps die Dauer und Intensität ihrer Schlafphasen.

Grundsätzlich gilt: Wer die Nutzung des Smartphones zu Zwecken der Kommunikation am Abend einschränkt, der muss wohl kaum um seine gesunde Schlafqualität besorgt sein. Auch das abendliche Hörspiel via Podcast muss kein Tabu sein, wenn es dem Einzelnen tatsächlich beim täglichen Einschlafen unterstützt. Der Nachtmodus sollte Vibrationen verhindern und Anrufe auf stumm schalten. Wer Probleme beim Einschlafen hat und seine Schlafqualität verbessern möchte, sollte verhindern, dass das Display des Smartphones in den Nachstunden aufblinkt. Die meisten Smartphones lassen bereits einen vorprogrammierten Schlaf- bzw. Nicht-Stören-Modus einstellen, der hilft, die Nacht ohne äußere Störungen durchzuschlafen. Zur Not tut es aber natürlich auch der Flugmodus, der alle drahtlosen Verbindungen zu den umliegenden Netzwerken kappt und dafür sorgt, dass keine Nachricht, keine Newsmeldung und kein Anruf die nächtliche Ruhe stören.

 

Foto: stockme / stock.adobe.com