Tyron Ricketts im Interview

        Tyron Ricketts Interview    


Tyron Ricketts begegnet uns gut gelaunt und voller Elan und gibt uns einen tiefen Einblick in seine zukünftigen Projekte, sowie in vergangene Lebenserfahrungen, die ihm zu dem gemacht haben, was er heute ist.

 

Was waren deine Beweggründe nach so einer langen Zeit zurück nach Berlin zu kommen? Was hast du vermisst?

Ich habe Berlin vor etwa vier Jahren verlassen, weil ich neue Erfahrungen, Eindrücke und Perspektiven suchte. Ich denke, gerade in einem kreativen Beruf ist es sinnvoll, die unterschiedlichsten Blickwinkel auf das Leben einzunehmen. In der Zeit in der ich in Los Angeles und New York gelebt habe, durfte ich viele Erfahrungen sammeln und hatte die Möglichkeit, einige Seiten an Berlin wieder schätzen zu lernen, die mir erst durch die Distanz und den zeitlichen Abstand bewusst geworden sind. Konkret vermisse ich meine Freunde und den Fakt, dass es in Deutschland einfacher ist, tiefgründige und ehrliche Gespräche zu führen ohne, dass sich der andere auf den Schlips getreten fühlt. Ich bin einfach kein Freund von Oberflächlichkeit.

Was ist für dich typisch Berlin und was verbindest du damit?

Wenn ich an Berlin denke, sehe ich Menschen in der Sonne im Café sitzen und sich unterhalten. Deutschland ist ein funktionierender Sozialstaat in dem die Menschen neben ihrem Beruf tatsächlich noch Zeit für ein Privatleben finden, sofern sie das möchten. Da Berlin von den Lebenshaltungskosten momentan noch günstiger ist als viele andere Städte in Deutschland, besitzt man hier die Freiheit, sein Leben etwas losgelöster von monetären Zwängen leben zu können. Ich mag es, dass dadurch viele unterschiedliche Menschen angezogen werden denen das Zwischenmenschliche wichtiger ist als das bloße Streben nach Profit.

Du bist gerade mit der Umsetzung von “Rip Tide”, einem Kinofilm den du zusammen mit Christian Alvart drehst, beschäftigt. Wie bist du auf die Idee gekommen und warum ist es in der heutigen Zeit wichtig, solche Filme zu machen?

„Rip Tide“ ist eine Geschichte über einen deutschen Arzt der bei einem Surfunfall auf Lanzarote aufs offene Meer getrieben und dort von einem afrikanischen Flüchtlingsboot aufgegriffen wird. Als die spanische Küstenwache das Schiff findet, denkt er zunächst, dass er gerettet wurde. Doch weil er schwarz ist, wird er versehentlich für einen Flüchtling gehalten. Plötzlich, aller Privilegien beraubt die zuvor selbstverständlich waren, beginnt für ihn eine lebensbedrohliche Reise zurück zur Festung Europa die dem Zuschauer eine neue Perspektive auf die Globalisierung, die weltweite Güterverteilung und die Flüchtlingskrise eröffnet. Ich finde es wichtig, Filme zu machen, die innovative Betrachtungsweisen aufzeigen. Ich bin der Meinung, dass wir heutzutage zu viel Zeit damit verbringen über Symptome zu sprechen, aber uns nur selten trauen, über die Wurzeln des Übels zu diskutieren. Ich glaube fest daran, dass wir in der heutigen Zeit nur Lösungen finden wenn wir die Welt als gemeinsamen Nenner sehen und nicht mehr in Grenzen, Mauern oder Religionen denken.

 

Tyron Ricketts im Gespräch

 

Du hast mehrfach erwähnt, dass du genug davon hast in Rollen gesteckt zu werden, die Migranten- oder Farbigen-Klischees erfüllen. Wie bist du privat mit dieser Art des Erstellens von Stereotypen umgegangen?

Lustigerweise habe ich mit den gängigen Klischees privat kaum Berührungspunkte. Ich kann weder toll singen noch besonders gut tanzen oder Basketball spielen. Ich habe Abitur gemacht und studiert, spiele gerne Tischtennis und liebe Bücher von Hermann Hesse. Ein Stück weit ist es sicherlich normal, dass in Film und Fernsehen gängige Klischees durchdekliniert werden, allerdings sehe ich auch die Gefahr, dass bestehende Ängste in der Bevölkerung dadurch untermauert werden könnten. Wenn wir in einer friedlichen Welt leben wollen, müssen auch die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen unterschiedlicher Herkunft beleuchtet werden. Es ist wichtig Menschen mit Migrationshintergrund auch in normalen, von den Stereotypen losgelösten Rollen zu zeigen die, wie mein persönlicher Lebenswandel in Deutschland zeigt, durchaus vorhanden sind.

Was kannst du jungen Menschen empfehlen, wie sie mit solchen Klischees am besten umgehen sollen um in Deutschland in der Film- oder Musikbranche Fuß fassen zu können?

Ich glaube ein wichtiger Schritt ist es eigene Geschichten zu erzählen. Heutzutage kann man mit relativ einfachen Mitteln Musik machen und Filme drehen. Oft ist die Idee wichtiger als die bis ins letzte Detail ausgefeilte professionelle Umsetzung. In eigenen Geschichten kann man sich darstellen wie man sich selber sieht oder sehen möchte. Je mehr es von diesen eigenen Geschichten gibt desto besser. Sie dienen als Augenöffner für die Ewiggestrigen und sind der Wegbereiter für eine neue weltoffenere Sichtweise, auch in den deutschen Medien. Ich denke allerdings, dass durch den Vormarsch der Inhalte im Internet schon ganz von alleine ein frischer Wind reinkommt …
Was sind deiner Meinung nach die Vorteile davon anders zu sein?

Der Vorteil ist, dass es leichter ist aufzufallen. Ob man das jedoch immer möchte, ist eine andere Frage. Da das Gras auf der anderen Seite ja bekanntlich grüner ist, habe ich es sehr genossen in den vier Jahren, die ich in den USA gelebt habe, endlich einmal als Teil des Ganzen durchzugehen. Eigentlich traurig, wenn man bedenkt, dass ich 36 Jahre in Deutschland gewohnt habe und nur selten das Gefühl hatte, so richtig dazuzugehören.
 

Tyron Ricketts Interview
 

Wer ist dein größtes Vorbild und warum?

Wenn ich nach meinem großen Vorbild gefragt wurde, hatte ich bis vor kurzem selten eine Antwort darauf. Das hat sich geändert seit ich die Gelegenheit bekommen habe Harry Belafonte kennenzulernen und sogar mit ihm zusammen arbeiten zu dürfen. Was mich an Harry besonders fasziniert ist, dass er seine Bekanntheit nie dafür genutzt hat um sich selbst zu beweihräuchern sondern sich stets in den Dienst sozialer Gerechtigkeit und damit in den Dienst von anderen gestellt hat. Ob es die Unterstützung von Martin Luther King im Civil Rights Movement oder die Organisation von “We are the world” gewesen ist, der Support den er John F. Kennedy gegeben hat oder die Kritik an Jay Z und Obama … Immer nutzte Harry, und er tut es auch heute noch, seine Position um etwas zum Besseren zu verändern. Wenn man den heute fast 90-Jährigen Belafonte immer noch voller Enthusiasmus sprühen sieht und wenn man beobachtet mit welchem Interesse er sich seinem Gegenüber und sei es im Gespräch mit dem Hausmeister zuwendet, kann man nicht anders als diesen Menschen als Vorbild zu sehen.

Was ist die größte Angst in deinem Leben?

Ich glaube es gibt nicht viel wovor ich Angst habe. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir viele Weichen in unserem Leben selber stellen können und das man selbst aus Abbiegungen, die man nicht vorhersehen kann, auch immer noch etwas Gutes herausziehen kann. In diesem Sinne blicke ich relativ gelassen in die Zukunft. Ich wünsche mir weiterhin Gesundheit und Liebe in meinem Leben. So lange das da ist, ist für mich alles im grünen Bereich.

Was war das witzigste Erlebnis, dass du auf deiner Weltreise hattest?

Wenn ich auf meine Weltreise zurück blicke, bei der ich ein halbes Jahr an den schönsten Surfspots der Welt war, ist „witzig“ einfach nicht das richtige Wort um meine Erlebnisse zu beschreiben. Was definitiv hängen geblieben ist, ist das Gefühl tatsächlich im Moment zu leben ohne mit seinen Gedanken in der Zukunft oder in der Vergangenheit zu schwelgen und dabei das Hier und Jetzt zu verpassen. Ich habe viel über mich und die Liebe zu mir selbst, mit allen Stärken und Schwächen, gelernt und bin auf jeden Fall reifer zurückgekommen.
 

Tyron Ricketts im Gespräch

 

Wenn du nochmal die Gelegenheit hättest die Zeit zurückzudrehen, gäbe es etwas was du in deinem Leben gerne anders gemacht hättest?

Wenn ich noch mal von vorne anfangen könnte, würde ich vielleicht früher damit beginnen mich selber besser kennenzulernen. Ich denke dadurch wäre ich einigen Menschen in meinem Leben freundlicher gegenüber getreten, bei denen ich mich in der Vergangenheit aufgrund meiner eigenen Unsicherheit eventuell von einer arroganten Seite gezeigt habe. Gerne hätte ich auch früher angefangen ein Instrument zu spielen, aber das macht jetzt auch noch Spaß. Ansonsten bin ich sehr zufrieden damit wie mein Leben bisher verlaufen ist.

Bist du mehr Berliner oder mehr New Yorker?

Ich sehe mich tatsächlich als Weltenbürger und fühle mich sowohl in Berlin als auch in New York, Los Angeles, Costa Rica, Panama, Grenada oder Neuseeland zu Hause. Wenn ich aber zwischen Berlin und New York wählen müsste, würde meine Wahl auf Berlin fallen.

Was für einen Gegenstand würdest du jedem empfehlen für eine Weltreise in den Koffer einzupacken?

Auf jeden Fall einen Rucksack anstatt eines Koffers. Die Hände frei zu haben, macht Sinn. Je weniger man in den Rucksack packt, desto leichter fallen einem die Schritte die man geht. Unbedingt dabei haben, sollte man eine Badehose und die Aufgeschlossenheit, all‘ das mit offenen Armen zu empfangen, was die Reise einem schenkt.

Vielen Dank, Tyron.
 

Fotos: Timur Emek

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