Tom Wlaschiha: Der Mann ohne Gesicht aus „Game of Thrones“ zeigt uns, wer er wirklich ist

        Tom Wlaschiha Interview    


Wir trafen den charismatischen Schauspieler in Berlin zum Interview und sprachen mit ihm über seine Rolle Jaqen H’ghar in der Erfolgsserie „Game of Thrones“, darüber, wie schwer es ist, in der Branche Fuß zu fassen und haben herausgefunden, welche Projekte als nächstes anstehen.

 

Ajouré: Wer bist du?

Tom: Definitiv jemand.

Ajouré: Wie bist du zu deiner Rolle in „Game of Thrones“ gekommen?

Tom: Ganz normal durch ein Casting. Seit einigen Jahren habe ich eine Agentur in England. „Game of Thrones“ wird zum Großteil dort bzw. in Nordirland gedreht; in London fand dann das Casting dazu statt. Im ersten Schritt habe ich aber selber ein Video aufgenommen und eingeschickt – und zufälligerweise hat das dann geklappt.

Ajouré: Hat dich deine Rolle vor eine Herausforderung gestellt?

Tom: Jaqen H’ghar hat eine seltsame Art zu reden – er spricht von sich immer in der dritten Person. Die Herausforderung war also, es so rüber zu bringen, dass es trotzdem natürlich klingt und nicht zu gestellt.

Ajouré: Schaust du dir die Serie eigentlich selber an?

Tom: Ja, na klar! Aber bei mir ist es nicht so, dass ich nicht die nächste Folge abwarten kann. Sobald eine Staffel erschienen ist, schaue ich sie mir dann meistens in einem Rutsch an.
 

Jaqen H'ghar in Game of Thrones
Foto: HBO

 

Ajouré: Hast du die Bücher vorab gelesen?

Tom: Als ich wusste, dass ich die Rolle spielen werde, habe ich die ersten beiden Bücher gelesen. Da ich aber tendenziell eher ein bisschen faul bin, ist es dabei auch geblieben. Um so ein dickes Buch durchzulesen brauche ich immer einen Strandurlaub – sonst schaffe ich das nicht (lacht).

Ajouré: Was ist dir von den Dreharbeiten am stärksten in Erinnerung geblieben?

Tom: Am meisten hat mich tatsächlich die Größe der Produktion beeindruckt. Das geht bereits damit los, dass meistens drei bis vier Teams parallel in unterschiedlichen Ländern drehen. Am Set direkt ist es wirklich faszinierend, was an Set-Design alles auf die Beine gestellt wird – da werden ganze Schiffe in Originalgröße angefertigt. Ich dachte davor immer, dass viel vor dem Green Screen gedreht wird, aber das ist gar nicht so. Für die fünfte und sechste Staffel habe ich viel im „Haus von Schwarz und Weiß“ und in der „Halle der Gesichter“ gedreht – dort ist alles tatsächlich so komplett hingebaut, mit unzähligen Gipsabdrücken von Gesichtern und riesigen Säulen – das Set ähnelte einer halben Kathedrale, was schon ziemlich imposant war.

Ajouré: „Game of Thrones“ zählt zu den weltweit erfolgreichsten Serien. Was hat sich seitdem für dich verändert?

Tom: Viel – und doch nichts. Viel natürlich hinsichtlich dessen, dass es für einen Schauspieler ein Geschenk ist, in so einer erfolgreichen Serie dabei sein zu dürfen. Und die Tatsache, dass man dann automatisch auf einen Schlag viel bekannter ist, was den praktischen Nutzen hat, bei Castern und Produzenten auf den Vorschlagslisten zu landen. Ich bekomme jetzt wesentlich mehr Angebote als vorher.

Und nichts in dem Sinne, dass ich weiterhin ganz normal wohne und lebe wie zuvor.
 

Tom Wlaschiha
Foto: Paul Partyzimmer
 

Ajouré: Du hast schon unterschiedliche Charaktere verkörpert. Wen spielst du lieber – den good oder bad guy?

Tom: Wenn ich Drehbücher geschickt bekomme, schaue ich immer, ob die Rolle, die mir angeboten wird, vielschichtig ist und eine Entwicklung durchmacht. Ob man verschiedene Seiten der Figur kennenlernt, ob sie Probleme hat, für oder gegen etwas kämpft. Solange es keine eindimensionale Figur ist, ist mir das Genre und die Tatsache ob good oder bad guy eigentlich egal. Obwohl ich sagen muss, dass bad guys tatsächlich interessanter sind, da sie meist etwas zu verbergen haben. Aber im Grunde kommt es mir immer auf die Komplexität der Figur an – und natürlich auch auf die Leute, mit denen man zusammenarbeitet. Man selber kann nämlich immer nur so gut sein, wie das ganze Team ist. Von daher gucke ich auch immer, wer die Regie macht und wer meine Schauspielpartner sind.

Ajouré: Gibt es denn ein Film-Genre, das du bevorzugst?

Tom: Vor „Game of Thrones“ hätte ich immer gesagt, dass mich Fantasy so gar nicht interessiert, weil ich das richtige Leben meist spannend genug finde. Aber jetzt habe ich gar kein Genre mehr, das ich abwählen würde.

Ajouré: Drehst du lieber Filme oder Serien?

Tom: Das Kino hat natürlich den Reiz der großen Leinwand und die Möglichkeit, Geschichten sehr bildgewaltig zu erzählen. Das wird auch immer die Stärke des Kinos bleiben. Dennoch hat auch das Fernsehen in den letzten zehn, fünfzehn Jahren hinsichtlich der technischen Entwicklungen und Erzählweise, hauptsächlich dank der amerikanischen Serien, die mittlerweile auch zu uns herüberkommen, einen Riesensprung gemacht. Viele neue Serien werden in einer horizontalen Erzählweise erzählt. Der Reiz liegt dabei darin, dass man viel tiefer in eine Figur eintauchen und mehr Facetten zeigen kann, als es in einem 90-minütigen Kinofilm möglich ist.
 

Tom Wlaschiha Shooting
Foto: Paul Partyzimmer
 

Ajouré: Eine Zeit lang warst du auch auf Theater-Bühnen zu sehen. Reizt dich das noch?

Tom: Unbedingt! Nur ist das in Deutschland mit unserem Stadttheater-System etwas problematisch, so toll es auch ist, dass wir es haben. Es macht es etwas schwierig zwischen den Medien zu wechseln. Wenn man einen Festvertrag hat, hat man selten Zeit zu drehen. Wenn man als Gast ein Stück spielt, muss man sich auch über einen längeren Zeitraum verpflichten und jeden Monat mehrere Aufführungen geben, was dann meistens auch mit den Drehplänen kollidiert.

Ajouré: Als Synchronsprecher bist du hin und wieder auch noch tätig. Was macht es für dich so besonders, einem Charakter die Stimme zu verleihen?

Tom: Mir macht es großen Spaß! Das sind Arbeitsmöglichkeiten, die man als Schauspieler jenseits der Bühne und Kamera machen kann, an die ich früher so nicht gedacht hätte. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel einen Animationsfilm synchronisiert. Man hat die Möglichkeit, nur mit seiner Stimme einen Charakter zum Leben zu erwecken, wo man sonst auch noch Mimik und Gestik zur Verfügung hat – das fällt so ja weg.

Momentan tun sich generell viele neue Tätigkeitsfelder auf. Ich mache auch viele Lesungen, die mir Freude bereiten. Kürzlich habe ich auch zum ersten Mal bei einer großen Umweltkonferenz moderiert. Es bleibt also immer abwechslungsreich und spannend.

Ajouré: Was würdest du jungen Schauspielern oder die, die es noch werden wollen, mit auf dem Weg geben?

Tom: Was man tatsächlich braucht, wenn man diesen Beruf lange machen möchte, ist extremes Durchhaltevermögen – es ist definitiv ein Marathon und kein Sprint!
Es geht weniger darum, dass man Erfolg haben will, als dass man wirklich liebt, was man tut. Es ist kein einfacher Weg; man muss gut mit Unsicherheiten leben können, denn dieser Job ist sehr unsicher. Man weiß nur selten, wie die nächsten Monate werden, aber genau das mag ich so sehr daran.

Ajouré: Gab es bei dir auch Momente, in denen deine Ausdauer schwand?

Tom: Ständig! Nach meinem Studium habe ich etwa fünf Jahre am Theater gearbeitet, wollte dann aber auch drehen, weshalb ich den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt habe. Es ist am Anfang wahnsinnig schwer auch nur an kleine Jobs heran zu kommen, weil es ein knallhartes Geschäft ist. Es ist schwierig, Leute zu finden, die dir einen Vertrauensvorschuss geben, wenn du noch nichts vorzuzeigen hast. Mich hat es einige Jahre gedauert, Fuß zu fassen. Zwischendurch habe ich schon öfters überlegt gehabt, ob ich meine viele Energie, die ich hatte, nicht besser in einem anderen Job sinnvoller einsetzen kann.
 

Tom Wlaschiha im Gespräch
Foto: Paul Partyzimmer
 

Ajouré: Was würdest du in Zukunft gerne mal machen?

Tom: Das Tolle an meinem Beruf ist ja, dass man im besten Fall immer überrascht wird. Ich weiß überhaupt nicht, was in einem halben Jahr sein wird – und das finde ich auch gut so. Momentan tun sich viele neue Sachen auf. Ich habe aber keinen Masterplan, sondern genieße gerade die vielfältigen Möglichkeiten des Berufs.

Ajouré: Gibt es jemandem mit dem du gerne mal zusammenarbeiten möchtest?

Tom: Ja, obwohl ich mich immer scheue, Namen zu nennen. Es gibt viele tolle Kollegen und Regisseure, von denen man lernen kann. Wenn ich jetzt ein paar Namen nennen würde, werden es diese garantiert nicht.

Ich habe aber auch nicht die eine Lieblingsrolle, die ich unbedingt spielen möchte.

Ajouré: Was steht als Nächstes an?

Tom: Im Frühjahr habe ich mit Ken Duken den Roadmovie/Thriller „Berlin Falling“ gedreht – das war gleichzeitig auch sein Regie-Debüt. Der Film wird wahrscheinlich im Januar oder Februar 2017 in die Kinos kommen, worauf ich mich wirklich sehr freue, da es eine intensive Arbeit war.

Im Sommer habe ich die Komödie „Eltern lügen besser“ gedreht, die auch im kommenden Jahr erscheinen wird.

Als nächstes freue ich mich aber erst einmal auf einen Fernsehfilm, bei dem Lars Kraume Regie führt. In dem Film geht es um die NSU-Morde – ein wirklich spannendes Drehbuch. Es bleibt also alles sehr abwechslungsreich, was mir wichtig ist, da ich mich ungerne auf ein Genre festlegen lassen möchte.

Ajouré: Du bleibst also auch weiterhin deutschen Produktionen treu …

Tom: Unbedingt! Sprache ist nämlich ein ganz wichtiger Faktor bei einem Schauspieler. Deutsch ist ja meine Sprache – zu der ich einen ganz anderen emotionalen Zugang habe, als ich ihn zum Englischen je haben werde. Egal wie gut man eine Fremdsprache spricht, man kann sie nur lernen. Den emotionalen Rucksack, den eine Sprache samt ihrer vielen natürlichen Assoziationen für Worte mit sich bringt, bekommt man nicht mitgeliefert. Von daher möchte ich unbedingt auch weiterhin hierzulande arbeiten.

Ajouré: Die letzte Frage wird sicher alle „Game of Thrones“-Fans brennend interessieren: Wirst du bis zum Ende der Serie zu sehen sein?

Tom: Das könnte ich dir jetzt verraten, aber dann müsste ich dich töten.

 

Fotos: Paul Partyzimmer; HBO



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