Hardy Krüger jr.
#Interview

Berlin hat seit kurzer Zeit einen neuen Mitbewohner – und es kann gut sein, dass Schauspieler Hardy Krüger jr. der wohl interessante Zuwachs seit langer Zeit ist. Kaum jemand, den wir bisher getroffen haben, hat mehr erlebt, hat größere Höhen gefeiert oder sich in schmerzlicheren Tiefen befunden. Was ihm damals aus deiner Lebenskrise geholfen hat, wieso er mit seiner neuen Frau lieber nach Berlin anstatt nach Afrika gezogen ist, wie sein Buch „Der leise Ruf des Schmetterlings“ entstand und was seine Pläne für die nächsten zehn Jahre sind, erzählt uns Hardy Krüger jr. in unserem Interview. Wir haben nur selten so spannende Worte eines unfassbar weltoffenen Menschen zu hören bekommen.

Seit einiger Zeit stehen bei dir alle Zeiger auf Veränderung. Erst einmal: Du ziehst nach Berlin – wie kam es zu dieser Entscheidung? Wo hast du bisher gewohnt?

Ich bin sogar schon nach Berlin gezogen. Ich habe die letzten Jahre in Österreich gewohnt, weil meine Ex-Frau Oberösterreicherin ist. Nach der Trennung wollte ich in der Nähe der Kinder bleiben und bin dann ins Atelier gezogen, in dem ich auch male und arbeite. Als ich dann meine jetzige Frau kennengelernt habe, wussten wir, dass wir uns zwischen Österreich und Berlin entscheiden müssen.

Da ihre Kinder sowieso hier zur Schule gehen und dieser Schritt für mich auch beruflich gesehen viel interessanter ist, haben wir uns für Berlin entschieden. Ein weiterer Vorteil ist, dass in Berlin nicht nur die Kunstszene sehr groß ist, sondern hier ebenfalls sehr viele Produzenten leben. Beim Spazieren gehen haben wir dann ein Grundstück gesehen und sofort gewusst: „Das soll es werden!“

Der Plan ist bereits da. Nur an der Umsetzung hapert es noch etwas. Wären wir in letzter Zeit öfter in Berlin gewesen, dann wäre das Projekt zwar schon ein ganzes Stück weiter, aber mit der Zeit fügen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen.

Bei dir ging es schon immer turbulent zu. Aufgewachsen in Tansania (Afrika), Schulzeit auf einer internationalen Schule in Deutschland, Ausbildung zum Bartender, Schauspielunterricht in Los Angeles und danach zurück nach Deutschland, um diverse Filme und Hauptrollen zu spielen. Wird es Zeit für mehr Ruhe oder gibst du jetzt erst richtig Gas?

Ich glaube, mit 50 trifft man die Entscheidungen anders, als in den Lebensabschnitten davor. Dieser neue Lebensabschnitt hat auf seine ganz eigene Art und Weise nochmal neue Herausforderungen. In den letzten vier Jahren habe ich mich vom Fernsehgeschäft etwas zurückgezogen und habe mich auf meine Kunst konzentriert und mein Buch geschrieben.

Ich habe mir die Welt etwas schöngeschrieben und schöngemalt, um einen neuen Zugang zu mir selbst zu finden. Mit der aktuellen Situation habe ich mich nicht wohlgefühlt und mich ab diesem Zeitpunkt auf das konzentriert, was mir Spaß macht und was mich erfüllt. Hauptsächlich habe ich die letzten Jahre durchgehend Theater gespielt. Da fühle ich mich natürlich wohl, weil das der Beruf ist, den ich gelernt habe.

Bei der ganzen Dreherei hat mir der Halt gefehlt und ich habe keine künstlerische Befriedigung gefunden. Durch das Buch ergeben sich ganz neue Perspektiven, von einer ganz anderen Seite filmisch aktiv zu sein.

Hardy Krüger jr.

Durch deine Kindheit hast du einen besonderen Bezug zu Afrika – vor allem zu Tansania, wo du mit deiner Familie als Kind gelebt hast. Man sagt, dass ein Teil deines Herzens in Afrika geblieben sei. Kam ein Umzug in dieses Land nicht eher in Frage als ein Hausbau im turbulenten Berlin?

Der Gedanke war natürlich immer da, aber es gibt auch immer die Frage nach dem Lebensziel. Das liegt für mich im Moment nicht in Afrika und dort lag es auch nicht in der Vergangenheit. Das ist eine sehr romantische Vorstellung, denn jeder, der schon einmal dort gelebt hat, weiß auch, dass das Leben dort sehr schwierig und kompliziert ist.

Wenn du den afrikanischen Boden berührst, dann weißt du, wo dein Zuhause ist. Entweder man liebt es oder man mag es überhaupt nicht. Zwei Freunde von mir betreiben dort drüben eine Farm und dieses ganze Areal ist wirklich traumhaft schön, um Urlaub zu machen. Vor zwei Jahren war ich in Tansania und habe mir ein altes Grundstück angeschaut, welches uns vor vielen Jahren zwangsenteignet wurde.

Die Idee, dieses Grundstück neu aufzubauen, war dann aber relativ schnell vorbei, weil es in einem katastrophalen Zustand war. Das war der Traum meines Vaters, aber für mich war das nicht mehr realisierbar.

Der aktuelle Plan ist, dass wir hier in Europa noch einige Punkte auf der To-do haben. Dazu gehört nicht nur die Verfilmung des Buches, sondern auch unsere Charity-Projekte, die uns am Herzen liegen. Wir möchten hier regional noch einiges bewegen, weil wir der Überzeugung sind, dass man für die Kommune, in der man lebt, auch als öffentlicher Mensch tätig sein sollte. Über die nächsten fünf bis zehn Jahre haben wir einen vollen Terminkalender.

Nach Afrika werden wir trotzdem nochmal fliegen. Schon alleine wegen einem Projekt, welches wir mit den Kindern zusammen machen. Unsere beiden Großen sind auf uns zugekommen und wollen von sich aus über ihren Tellerrand blicken. Das finden wir natürlich großartig, denn es ist bei weitem in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich, dass junge Menschen so ein Denken an den Tag legen.

Du bist UNICEF-Botschafter und setzt dich gegen Kinderprostitution ein. Wie dürfen wir uns das vorstellen? Wie kam es dazu? Wie sehen die Erfolge aus?

Die Geschichte dazu fängt im Jahr 2000 an. Da war ich ein relativ junger Vater und habe für den WWF schon Kindercamps geleitet. Daraufhin ist dann UNICEF an mich herangetreten und hat mir ein Projekt vorgestellt, was Priorität hatte und auch immer noch hat.

In Laos gibt es sogenannte Broker. Das sind Frauen, die zwischen 45 und 50 Jahre alt und gut situiert sind. Die fahren dann in kleine Dörfer, die du nur sehr schwer mit dem Auto erreichst, weil sie eben so klein sind. Sie kaufen den Familien eine Tochter ab, die dann nach Thailand gebracht wird, um dort in Bordellen oder Fabriken zu arbeiten. Die Familien kriegen sechs Dollar dafür. Für diese Menschen ist das relativ viel, weil sie davon zum Beispiel ihr Dach reparieren können.

Ich habe mir Sorgen ohne Ende über diese ganze Situation gemacht, weil Leute wie du und ich dort eigentlich potenzielle Freier sind. Wir sind in die kleinen Dörfer gefahren und haben mit den Familien Interviews geführt. Alleine der Prozess, ein Kind wieder zurück nach Hause zu bringen, ist unglaublich kompliziert.
Damals war es so, dass man uns Leute von der Regierung und vom Militär zur Seite gestellt hat. Das waren mehr oder weniger einfach nur Spitzel. Sie haben uns dann irgendwelche Mädels vor die Nase gestellt, die angeblich aus Thailand zurückgekommen sind und Geld für die Familie mitgebracht haben. Man hat aber gesehen, dass sie genau hierfür gekauft waren.

Man kann sich gar nicht vorstellen, was für ein Netzwerk dahintersteckt. Nicht nur in Laos und Thailand, denn diese Länder sind nur die Spitze des Eisbergs. Unser Beitrag besteht darin, für mehr Aufmerksamkeitsarbeit zu sorgen.

Generell schreist du beim Thema Charity immer „hier“. Findest du, dass mehr Menschen sich wohltätig einsetzen sollten – sowohl für Menschen als auch für Tiere?

Ich glaube schon, dass viele Menschen etwas machen wollen, aber nicht wissen wie. Momentan erleben wir das mit anderen Tabu-Themen ebenso. Die habe ich auch in meinem Buch diskutiert. Ob es nun der Tod meines Sohnes oder eine Sucht ist, ist dabei egal, aber trotzdem weiß niemand, ob und mit wem er darüber reden kann.

Es gibt dann eine Seite, die sagt, dass sie gerne darüber reden will, aber sich nicht traut. Es gibt viele Organisationen, die einen guten Ruf haben, aber relativ wenig in der Endsumme bewegen können. Man muss in dieser Hinsicht ein anderes Netzwerk und neue Strukturen schaffen. Die Kommunikation war technisch gesehen noch nie weiter als am heutigen Tag. Die Vereinsamung der Leute war aber auch noch nie schlimmer. Das ist dieses Paradoxon an der heutigen Zeit. Wir könnten viel mehr tun und viel mehr bewegen, verzetteln uns aber in technischem Wirrwarr.

Manchmal scheitern wir daran, dass wir zu viele Mittelsmänner haben, bevor wir ans Ziel kommen.

Aktuell ist ja die Diskussion recht groß, wenn es um die Spendenaktion von Notre Dame geht und die halbe Milliarde, die in kürzester Zeit zusammenkam, während vergleichsweise wenige Menschen für die arme Bevölkerung spendet. Was stehst du zu diesem Thema?

Ich finde diese Diskussion sehr wichtig und habe sie natürlich auch verfolgt. Die Tatsache, dass Menschen überhaupt bereit sind, so viel Geld zu spenden, ist erst einmal positiv. Jetzt kommt aber die Frage auf, warum nur der Erhalt der Geschichte „spendenswert“ ist und nicht das Leben anderer Menschen.

Ich persönlich finde das sehr grenzwertig, glaube aber auch, dass diese Debatte jetzt zu mehr anregen kann. Gerade, wenn es um das Thema Spenden geht, glaube ich, dass die ganze Sache jetzt doch etwas Gutes an sich hatte.

Um wirklich etwas erreichen zu können, musst du Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Wenn du einen Brunnen aufstellst, dann ist der in zwei Monaten kaputt, weil niemand ihn wartet. Die komplette Situation ist etwas eingefahren.

Hardy Krüger jr.

Du hast ein Buch mit dem Titel „Der leise Ruf des Schmetterlings“ geschrieben, welches letztes Jahr veröffentlicht wurde. Worum geht es und wie ist die Resonanz bisher?

Es ist durch meinen Online-Blog entstanden. Der läuft ganz gut, aber wir dachten uns, dass wir etwas brauchen, mit dem wir die Leute mehr an uns binden. Daraufhin habe ich damit angefangen, eine Sonntagskolumne zu schreiben, die jede Woche erscheint. In dieser Sonntagskolumne habe ich einfach Geschichten und Anekdoten erzählt. In einer Ausgabe habe ich von einem Filmdreh in Rom berichtet. Den Lesern hat das so gut gefallen, dass ich die Geschichte mit erfundenen Figuren weitergesponnen habe. Irgendwann ist dann ein Verlag auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich daraus nicht einen Roman schreiben wollen würde.

Je mehr ich an diesem Buch geschrieben habe, desto mehr wurden die Figuren, die ich erfunden habe, ein Teil von mir. Umgekehrt gesehen hat jede Figur auch einen kleinen Teil von mir bekommen. Die Geschichte ist eigentlich eine Hommage an das Leben. Der Prozess des Schreibens war wahnsinnig befreiend und reflektierend. Danach habe ich mein eigenes Leben aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet.

Der leise Ruf des Schmetterlings
Der leise Ruf des Schmetterlings auf Amazon

Du redest aktuell häufiger und sehr offen über deine damalige Alkoholsucht. Wann war die klar, dass du dieses Problem hast und dass es Zeit ist, sich dem Kampf zu stellen?

Es war so, dass ich mich nach dem Tod meines Sohnes in die Arbeit gestürzt habe, weil ich es nicht wahrhaben wollte. Die Arbeit hat mir dabei geholfen alles auszublenden. Ich habe wenig geschlafen und wirklich durchgehend gearbeitet. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem alles komplett banal, trivial, sinnlos und nichtsbedeutend für mich war. Alles, was bis zu diesem Zeitpunkt geil war, war auf einmal nichts mehr wert.

Ich bin zu einem Punkt gekommen, an dem ich dann schon körperliche Anzeichen als Folge hatte. Dann musste ich eingestehen, dass ich die Situation nicht mehr im Griff hatte und wirklich Hilfe brauchte.

Danach bin ich dann direkt für drei Monate in die Suchtklinik gegangen. Ein gutes halbes Jahr war ich dann trocken, bin rückfällig geworden und dann nochmal in Österreich in die Suchtklinik.

Die Leute, die ich in diesen Entzugsanstalten getroffen habe, waren eigentlich mal wunderbare Menschen, die aber einfach in Vergessenheit geraten sind. Meiner Meinung nach muss man auf diese Menschen aufmerksam machen. Die gibt es nicht nur in den Kliniken, sondern auch unter uns. Und da gibt es verdammt viele.

Wie hart war es und welchen Rat gibst du Menschen, die sich in derselben Situation befinden und einen Entzug in Angriff nehmen möchten?

Das Wichtigste ist, dass man weiß, dass man ein Mensch ist. Menschen waren schon immer schwach gegenüber Süchten. Alle haben irgendeine Sucht. Das ist auch gar nicht schlimm, aber man muss sich das auch irgendwann selbst eingestehen. Ich nehme mich davon gar nicht aus, denn auch ich bin ein Genussmensch. Ich würde es nie mehr machen, muss aber ehrlich mit mir selbst sein und sagen, dass ich es verstehen kann.

Es ist verdammt hart den Entzug durchzuziehen. Ein Rückfall ist ganz normal, weil die Herausforderung auch unglaublich groß ist. Für eine Person ist es vollkommen in Ordnung schwach zu sein. Ich kann für mich sagen, dass mein Leben ohne den Alkohol sehr lebenswert ist. Das Schwierigste war, dass du nicht weißt, wie du die Zeit füllen sollst. Du hast ohne deine Sucht auf einmal verdammt viel Zeit.

Die tollen Fotos sind Making-Of-Bilder vom Lambertz-Fine Art Kalender 2020 Shooting – wie kam es dazu?

Das ganze Thema ist in sportlichen 48 Stunden gemachte Sache gewesen. Wir sind quasi nur runtergeflogen, haben mit dem Gepard auf dem Schoß diverse Fotos gemacht und sind wieder zurück in die Heimat. Es war eine sehr coole Aktion. Der Fotograf kam aus Havana, wo er unter anderem ein Café eröffnete. Er ist ein unglaublich talentierter Fotograf und die Arbeit mit ihm war große Klasse. Hinzu kommt, dass ich die Arbeit mit Tieren liebe. Ganz besonders natürlich in Afrika. Und so ein Gepard hat etwas unfassbar Majestätisches. Es waren grandiose 48 Stunden, an die ich gerne zurückblicke. Ich kann nur jedem empfehlen, eine Walking Safari zu machen, wenn er einmal in Afrika sein sollte.

 

Fotos: C.&E. Schlosser / Making of Lambertz-Fine Art Kalender 2020 / Sven Creutzmann