Philipp Christopher Interview

Eigentlich spielt er in den Filmen immer den Bösewicht. Dass er auch ganz anders kann, hat er uns beim Interview bewiesen. Philipp studierte in den Vereinigten Staaten Film und stand dort hinter der Kamera, während er in Deutschland vor der Kamera sein Talent unter Beweis stellte. Seine Interessen gehen weit über die Schauspielerei hinaus, denn er ist in Sachen Politik, Umweltschutz, Kinderhilfsorganisationen und Nachhaltigkeit sowohl interessiert als auch engagiert. Seine Filmprojekte dieses Jahr werden seine Fans freuen, denn es wird ein gelungener Genre-Mix. Doch auch die gerade erst ausgestrahlte BBC/ZDF Produktion „Die Kinder von Windermere“ hat ihm nachhaltig zu denken gegeben. Worum es hierbei genau geht, was jeder einzelne von uns für eine bessere Welt tun kann und worin die Probleme dieser Welt in seinen Augen liegen, erfährst du hier.

Am 27. Januar lief anlässlich des 75. „Internationalen Tages des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus“ und der Befreiung von Auschwitz die BBC/ZDF Produktion „Die Kinder von Windermere“. Hier spielst du die real existierende Person Georg Lauer, welcher im Arbeitslager Theresienstadt untergebracht war. In der ZDF-Mediathek ist der Film zu finden. Worum geht es bei dem Film und was ist deine Rolle?

Der Film basiert auf dem Buch „The Boys“ und erzählt die Geschichte von rund 800 Kindern, die aus verschiedenen Konzentrationslagern, wie Theresienstadt, Buchenwald, Auschwitz und Dachau nach England gebracht wurden. Unsere Geschichte erzählt vorwiegend von den Kindern aus Theresienstadt und Buchenwald, hauptsächlich polnische Kinder. Meine Figur Georg Lauer ist deutsch-jüdischer Abstammung und ebenfalls in Theresienstadt mit seiner Frau untergebracht worden. Man muss dazu sagen, dass Theresienstadt keine Gaskammer hatte, aber natürlich dennoch Menschen starben, in dem sie erschossen oder zu Tode gequält wurden oder verhungerten. Lauer war dort als eine Art Ingenieur und im Prinzip dort angestellt, um Theresienstadt auszubauen, bevor klar wurde, was aus diesem Ort eigentlich werden sollte. Letztendlich lebte er dann in diesem Konzentrationslager und war natürlich dort auch Gefangener. Er und seine Frau hatten allerdings ein paar wenige „Privilegien“, so wie ich mitbekommen habe. Irgendwann veranlasste die britische Regierung dann die Verlegung der Kinder nach England, mit Hilfe der dort ansässigen jüdischen Gemeinschaft, die das Ganze finanziert haben.

Dieser Film erzählt die Geschichte von 300 dieser Kinder, die nach Windermere gebracht werden. Meine Figur und seine Frau reisen mit den Kindern und nehmen währenddessen sozusagen eine Elternrolle ein. Der Film vermittelt unter all diesen schlimmen Erfahrungen natürlich auch Hoffnung, denn man erfährt, wie liebevoll sich um diese Kinder in England gekümmert wurde und wie diese später ihr Leben wieder in den Griff bekommen haben.

Wie hast du dich auf dieser Rolle vorbereitet und hinterlässt das Spielen in einer solch tragischen Geschichte Spuren?

Ich denke, dieses Thema hinterlässt immer Spuren und meiner Meinung nach darf dieses Thema auch nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe anfangs versucht mich durch Interviews, die in Amerika mit Georg Lauer gehalten wurden, auf diese Person einzustellen. Unser Regisseur sagte allerdings, dass ich nicht versuchen solle Georg nachzuspielen oder mich durch die Interviews beeinflussen lassen solle. Ich ließ mich dennoch stellenweise von der Person Georg Lauer inspirieren, um zum Beispiel gewisse Gestiken zu kennen.

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Wie wichtig ist es in deinen Augen, auch viele Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus diese Ereignisse in die Erinnerung der Zuschauer zu rufen? Ist es vielleicht besonders heutzutage wichtiger denn je?

Ich glaube, es ist immer wichtig. Vielleicht besonders in Zeiten, wo es noch nicht so extrem ist, um Leuten mit einer vorbeugenden Maßnahme zu zeigen, wo wir politisch nicht landen wollen. Das ist das Großartige an der Schauspielerei. Wir müssen uns sehr mit diesen emotionalen Dingen und Rollen beschäftigen und dadurch lernst du auf eine ganz andere Art zu verstehen, was all diese furchtbaren Erfahrungen mit einem machen. Ich kann es natürlich nie so nachvollziehen, wie derjenige, der das alles wirklich miterleben musste, aber auf eine gewisse Art teile ich die Erfahrung. Wenn sich mehr Menschen in das hineinversetzen würden, hätten wir diese Probleme hier wahrscheinlich nicht so sehr.

Bei dem Film „Die Kinder von Windermere“ geht es um die Zeit nach den Konzentrationslagern, als sie als Flüchtlinge nach England kamen. Dieses Thema passt sehr gut in unsere aktuelle Zeit. Die britische Regierung hat 1000 Kinder aufgenommen, was natürlich nicht viel ist, doch dies gelang durch die finanzielle Unterstützung der jüdischen Gemeinschaft, denn England selbst hat keine finanziellen Mittel hierfür freigemacht.

Philipp Christopher

Der Kurzfilm „REA“ wurde erst kürzlich für den Hessischen Filmpreis nominiert. Hier zeigst du dich erneut von einer unerwarteten Rollenseite, nämlicher der eines Familienvaters, welcher Opfer häuslicher Gewalt wird. Die Filmemacherin Joanna Bielinski recherchierte hierfür mehrere Jahre zu genau diesem Thema. Als nicht betroffener erwachsener Mann fällt es einem schwer zu denken, dass häusliche Gewalt auch gegen Männer gehen könnte, denn immerhin erscheinen wir in den meisten Köpfen als das „Starke Geschlecht“. Wie erklärst du dir die Tatsache, dass diese Konstellation in fast 50% der Fälle „Häusliche Gewalt“ eintritt?

Es ist ein Thema über das Männer ungerne sprechen, auch wenn es ihnen selbst widerfahren würde, da die meisten dies als Eingeständnis von Schwäche erachten würden. Ich glaube, häusliche Gewalt, die von Männern ausgeht, ist ganz anders motiviert als die von Frauen. Genau deshalb fand ich die Rolle so interessant, denn ich konnte mal eine andere Seite von mir zeigen. Ich werde oft als Bösewicht gecastet und dieses Mal durfte ich eine sanfte Seite haben – gar die Opferrolle einnehmen.

Im Film wird die häusliche Gewalt durch Schläge dominiert, die man als Mann eben wegsteckt. Dann kommen Wutausbrüche und emotionale Gewalt dazu, durch die meine Figur sozusagen kleingemacht wird. Diese Bandbreite an Emotionen hat es sehr spannend gemacht diese Rolle spielen zu dürfen.

Du hast damals für die Sci-Fi-Serie „Origin“ in Südafrika gedreht. Dort hast du mit deiner Familie ebenfalls die Townships besucht, um dir ein eigenes Bild von der prekären Situation vor Ort machen zu können und dich für Hilfsprojekte wie Communitykidsspot einzusetzen.

Ich bin an diese Organisation durch eine Bekannte in Deutschland gekommen, die mir erzählte, dass sie diese Organisation unterstützt und von ihrer Arbeit als Fotografin in Südafrika kennt. Das Schöne hieran ist, dass du genau siehst, wohin die Gelder fließen. Wir waren vor Ort und sind gemeinsam einkaufen gegangen und konnten dafür sorgen, dass für zwei Wochen ausreichend Nahrung vorhanden war, um vernünftig zu kochen. Wir waren gemeinsam in den Townships und ich unterstütze diese Organisation sehr gerne so gut ich kann. Ich mochte die Tatsache, dass es sich hier um eine kleinere Organisation handelte, denn du siehst eben sofort, wie den Menschen vor Ort geholfen wird, was für sie mit deinen Spenden getan wird und wie sie sich darüber freuen. Natürlich gibt es auch große Hilfsorganisationen, jedoch gibt es unter ihnen zum einen schwarze Schafe, zum anderen weißt du nicht, bei welchem Projekt du jetzt mitgeholfen hast. Das ist zwar am Ende des Tages nicht so wichtig, solange geholfen wird, aber es ist ein anderes Gefühl, wenn du siehst, was durch deine Hilfe umgesetzt wird.

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Wie ist deine Erfahrung mit der Hilfs- und Spendenbereitschaft der Menschen, wenn es um die bedürftige Bevölkerung geht? Du selbst setzt dich dafür ein, doch ist es nicht manchmal entmutigend, wenn man sieht, dass für zerstörte historische Gebäude in Frankreich Milliarden in kürzester Zeit gesammelt werden und das Leben der armen Menschen einen niedrigeren Stellenwert zu haben scheint?

Das ist total entmutigend. Ich fand diese Notre-Dame Sache damals unfassbar. Ich glaube, das Problem ist, dass wir aktuell so viele Baustellen auf der Welt haben, dass Leute gar nicht wissen, wo sie zuerst spenden sollen. Ich denke, jeder muss hier für sich selbst die Prioritäten erkennen und sich auf eine Sache festlegen und dort dann mit Leidenschaft herangehen.

Philipp Christopher

Du bist privat sehr politisch engagiert und hast gleichzeitig kein typisch eingeschränktes Denken über die Geschehnisse auf der Welt, sondern bist, begründet durch deine Jahre als Schauspieler in New York, durchaus in der Lage, all diese Probleme von mehreren Seiten zu betrachten. Was läuft deiner Meinung nach gerade vor allem schief?

So einiges (lacht). Erst einmal ist es so, dass beinahe jedes Land durch Heuchlerei glänzt: Dieses Verstecken von Fakten und nicht die Wahrheit zu erzählen ist schon eine Zumutung. In Amerika sind die Medien teils derart korrupt, dass man sich die Hände über den Kopf zusammenschlägt. Es ist eine einzige Propaganda-Maschine, wo einfach nicht die Wahrheit erzählt wird – weder zum Thema Klima noch zum Thema „Health Care“ (dt. Gesundheitswesen). Fernsehsender stellen Leuten Fragen wie „Was soll das denn alles kosten?“ und „Wie sollen wir das denn finanzieren?“. Gleichzeitig fragt aber niemand danach, wie militärische Interventionen und Krieg finanziert werden solle. Sobald Amerika in den Krieg geht, wird danach wenig gefragt, denn dann ist Geld da. Militärische Konflikte sind unfassbar teuer sind und Health Care würde nur einen kleinen Prozentsatz davon ausmachen, sodass die Relation in meinen Augen vorne und hinten nicht stimmt. Aber das ist nur ein einziges von vielen Beispielen, die es gibt. Niemand hört auf die „kleinen Leute“ und selbst wenn in den USA eine Millionen Menschen auf die Straße gehen, ändert sich immer noch nicht viel.

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Man muss sich vorstellen, dass wir es geschafft haben, innerhalb von 100 Jahren die Welt kaputt zu machen. Unsere Erde ist über vier Milliarden Jahre alt und wir schaffen es ist so kurzer Zeit? Der Auslöser ist niemand anders als der unkontrollierte Kapitalismus. Es geht meistens nur um Fortschritt, neue Ausbeutung und mehr Geld. Hier muss bei den Menschen, aber vor allem auch in der Politik ein Umdenken passieren.

Du warst Gast des GREEN TEC Awards und hast dich dort zu einem nachhaltigeren Lebensstiel inspirieren lassen. Weniger Konsum, Verzicht auf Fleisch, eher Fahrrad statt Auto und keine Plastik- sondern Glasflaschen. Wie schwer war die Umstellung und zieht deine ganze Familie am selben Strang oder entscheidet bei euch jeder selbstständig, wie und ob er sich umweltbewusst verhalten möchte?

Ich habe schon davor relativ nachhaltig gelebt. Jetzt kam noch nachhaltige Kleidung hinzu. Aber auch was meine Fortbewegungsmittel angeht denke ich mehr nach als zuvor. Bevor ich zu einem Termin gehe frage ich mich, ob ich mit dem Fahrrad dort hinkomme. Wenn ja, dann ist das gut, ansonsten nehme ich die öffentlichen Verkehrsmittel und nur in den seltensten Fällen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, nehme ich das Auto. Ich muss sagen, dass meine ganze Familie an einem Strang zieht. Mein Sohn isst ab und zu noch Hühnchen, aber das war es auch schon. Was Kleidung angeht, so habe ich mittlerweile vieles, was vegan ist. Vegane Schuhe, Hosen oder Pullis. Die sehen ja deshalb nicht schlechter aus, denn viele Designer produzieren heute extrem nachhaltig und die Kleidungsstücke haben die besten Qualitäten.

Auf was dürfen wir uns dieses Jahr noch von dir freuen?

Im Sommer startet eine Netflix-Serie mit dem Titel „The Liberator“, bei der ich mitspiele. Das ist eine amerikanische Produktion mit vier Episoden. Die Serie erzählt die Geschichte von der Befreiung von Konzentrationslagern durch die amerikanische Armee. Ich spiele in dem einen Teil einen Nazioffizier, sozusagen den bösen Gegner, der in Aschaffenburg den Oberbefehl hat und selbst die Zivilbevölkerung in den Krieg schickt.

Es ist ja so, dass ich in New York Film studiert habe und mich daher aktuell auch wieder verstärkt ans Drehbuchschreiben setze. In Amerika war ich mehr hinter der Kamera tätig, in Deutschland hauptsächlich vor der Kamera. Ich habe jetzt ein Drehbuch geschrieben und meine Agentur steht extrem dahinter. Ich hoffe, dass wir dieses Projekt finanziert bekommen, doch es ist noch in den Kinderschuhen. Allerdings ist dies eines meiner Ziele für 2020.

 

Mehr Fragen beantwortete Philipp Christopher uns im Interview 2017 »

 

Fotos: Grayson Lauffenburger, Styling: Giulia Consiglio