Im Gespräch mit Burkhard Leimbrock

Auf der TwitchCon haben wir uns mit Burkhard Leimbrock, dem Commercial Director Europe Twitch über die Zukunft der Plattform, den Erfolg der Messe und über die Community unterhalten. Außerdem haben wir ihn näher über das Thema E-Sport ausgefragt.

Viele Nutzer eurer Plattform können sich vielleicht gar nichts unter deiner Berufsbezeichnung vorstellen. Wie sieht eine normale Woche bei dir aus und was ist dein Aufgabenbereich?

Also auf meiner Business-Karte steht Commercial Director Europe und ich bin verantwortlich für den Aufbau von Twitch in Europa, außerhalb von London. Ich habe vor zwei Jahren bei Twitch angefangen und seitdem Sachen aufgebaut. Das ist ein großer Teil meines Jobs. Dabei habe ich einen starken Fokus auf das Advertising-Business, weil ich da auch groß geworden bin.

Wenn ich mir also eine durchschnittliche Woche ansehe, dann reise ich erst einmal sehr viel. Aber ich treffe auch viele Advertising-Kunden und Media-Agenturen. Außerdem halte ich Vorträge und bin quasi der Erklärbär bei Twitch, der vielen anderen erzählen muss, wie Twitch eigentlich funktioniert und warum wir so erfolgreich sind.

Zu guter Letzt kümmere ich mich noch um das sogenannte Hiring oder Recruiting. Da wir ein sehr schnell wachsendes Unternehmen sind, besteht ein großer Teil meiner Arbeit auch aus Mitarbeitereinstellungen. Damit habe ich hier in Deutschland angefangen, mit Stockholm weitergemacht und im Moment kümmere ich mich darum, ein Twitch-Büro in Paris aufzubauen.

Du arbeitest jetzt schon seit 20 Jahren mit am Medienwandel. Auf deinem bisherigen Berufsweg liegen Axel Springer, Vodafone und auch Google. Was hat dir den Anstoß für den Einstieg in diese Branche gegeben?

Mit Medien an sich arbeite ich sogar schon viel länger, weil ich in der Schule damals eine Schülerzeitung herausgegeben habe. Später habe ich dann eine Ausbildung bei der neuen Osnabrücker Zeitung gemacht. Ich bin Niedersachse und komme auch aus Osnabrück. Das war mein erster Berührungspunkt mit Medien und Zeitung machen.

Richtig digital bin ich 1996 geworden, als ich bei Axel Springer gearbeitet habe. Wir sind in das Büro meines Chefs gegangen und dieser hat uns damals den Netscape-Browser gezeigt. Die waren gerade frisch gestartet und wir haben uns dann die Angebote von Stern, Bild und Spiegel angeschaut. Die sind alle so 1995/96 ins Netz gegangen. Das hat mich total fasziniert und das war dann auch der Anstoß, bei dem ich gesagt habe, dass ich gerne im Online- und Digitalbereich arbeiten möchte.

Viele junge Leute nutzen schon heute kein TV mehr und greifen lieber auf Streaming-Portale und Online-Mediatheken wie Twitch zurück. Wir sehen auf Twitch aktuell natürlich ganz viel Gaming-Content. Die Plattform an sich wächst inzwischen aber darüber hinaus. Was darf die Community in Zukunft von Twitch erwarten?

Die Community entscheidet das insofern selber, was gestreamt wird. Twitch macht ja keine Vorgaben und sagt nicht, dass wir in eine bestimmte Richtung möchten. Die Streamer, die bei uns in den letzten Jahren groß geworden sind, haben in erster Linie Videospiele gespielt. Im Moment sehen wir aber einen kleinen Wandel, bei dem immer mehr Leute etwas anderes als Videospiele streamen. Im Jahr 2018 ist das im Vergleich zum Vorjahr um 100% gewachsen.

Das kann Musik, Painting, traditionelle Spiele wie Schach und auch andere Dinge enthalten. Später wird hier auf der Messe noch „Twitch Sings“ angekündigt. Das wird hier und heute live gehen. Das ist schon seit ein paar Wochen in der Beta, aber heute ist sozusagen der offizielle Knopfdruck. Wir haben gesehen, dass unsere Community Musik und Karaoke super findet und deshalb haben wir gesagt, dass wir in diesem Sektor etwas für unsere Leute kreieren.

Da kann ich mir, wie in einer normalen Karaoke-Bar, einen Song aussuchen und ich stehe dann als Sänger mit einem Avatar auf der Bühne. Alle Leute, die meinen Stream einschalten, stehen um mich herum und können mir dann als Publikum zuschauen. Gleichzeitig können sie Kommentare in den Chat tippen, zum Beispiel, dass ich mit höherer oder tieferer Stimme singen soll. Das sind ungefähr die Dinge, die wir im Moment neu machen.

Weiterhin werden wir auch E-Sport-Events live ausstrahlen. Das ist nochmal etwas ganz anderes als die Leute, die einfach Videospiele bei uns streamen.
Wir zeigen nämlich jetzt und auch in Zukunft immer die großen E-Sport-Turniere. Solche Events finden in großen Hallen vor Publikum statt. Wenn ich so etwas zeigen will, muss ich Lizenzen haben. Wir wollen das unbedingt bei uns halten, weil das zu Twitch gehört.

Wir zeigen auch immer mehr, ich würde das jetzt einmal „Digitale Offline-Sport-Events“ nennen. Das heißt, wir übertragen die NBA G-League, die Donnerstagsspiele der NFL, Wrestling. Von daher kann man da in Zukunft noch mehr erwarten. Wir wollen aber nicht zum normalen Fernsehsender verkommen, sondern machen das auf unsere ganz eigene Twitch-Art. Die Streamer können sich einen Sport aussuchen und dann live darüber kommentieren. Da können dann Kindheitsträume für Leute in Erfüllung gehen, die selber schon einmal ein Basketball-Spiel moderieren wollten. Als Zuschauer ist das natürlich auch super, weil du dich nicht an einen Fernsehsender binden musst, sondern deinem Lieblings-Streamer zuschauen kannst.

Darüber lassen wir dann Twitch-Extensions laufen. Das ist ein Overlay für Interaktionen mit der Community und dient auch für Live-Statistiken in den Spielen. Zum Beispiel kann ich mir anschauen, welcher Spieler beim Basketballspiel schon die meisten Körbe geworfen hat.

Twitch überträgt sehr viele E-Sport-Events. Gute Beispiele sind die Overwatch-League und der aktuelle LEC Spring Split für League of Legends. Regelmäßig wird dort die 100K-Marke der Zuschauer geknackt. Mal ganz zu schweigen von den richtig großen Events. Gibt es Ideen oder vielleicht sogar schon Pläne für das nächste große Ziel in Sachen E-Sport?

Wir haben insofern keine Ziele, bei denen wir irgendwelche Marken knacken wollen. Auch da bestimmen die Zuschauer, was ihnen gefällt und bei welchem Stream sie zuschauen. Wo guter Content ist, da sind auch viele Zuschauer. Nachdem ich jetzt schon zwei Jahre bei Twitch arbeite, kann ich sagen, dass man häufig nicht wirklich voraussehen kann, was durch die Decke geht. Damals hat auch niemand daran gedacht, dass Fortnite durch die Decke geht oder Apex Legends, das zur Zeit so erfolgreich ist. Vor drei Jahren hätte wohl auch niemand erwartet, dass PUBG so abhebt.

Von daher planen wir das nicht und lassen uns da selber überraschen. Trotzdem sind wir natürlich interessiert daran, wenn jemand sagt, dass er E-Sport schauen will und dafür dann natürlich Twitch die Plattform des Vertrauens ist. Trotzdem bleibt der E-Sport bei uns als Kategorie eine von vielen. Wir werden also keine reine E-Sport-Plattform.

In welcher Hinsicht will Twitch ein Auge auf Konkurrenten haben? YouTube bietet bspw. ebenfalls eine Livestream-Möglichkeit an. Stichwort: Instant-Replay

Grundsätzlich machen wir keine Konkurrenzvergleiche. Wenn du aber fragst, was Twitch besonders gut macht, dann siehst du eine unserer größten Stärken hier vor Ort. Wir sind sehr gut darin, die Community auch offline zusammenzubringen und mit ihr zu interagieren. In diesem Bereich sind wir wirklich hervorragend, weil wir uns als Unternehmen darauf verstehen, Community geführt zu agieren und darauf achten, was die Streamer brauchen, um eine gute Streaming-Erfahrung zu haben.

Gibt es Pläne für eine eigene Streaming-Software? Im Moment ist schließlich OBS die bevorzugte Wahl für viele Streamer.

Im Augenblick haben wir dort keine Pläne. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Wir sind immer gut für Überraschungen, aber zum jetzigen Stand wüsste ich nichts davon.

Außerhalb der „Gaming-Blase“ ist Twitch nicht wirklich in aller Munde bekannt. Sind Vorstöße in den „Mainstream“ schon in Aussicht? Oder wird es immer eine Nische bleiben?

Ich sehe das so, dass wir schon Mainstream sind. Es ist ja nicht so, dass Games noch eine Nische sind. Ein großer Teil aller Menschen spielt regelmäßig in der Freizeit Games. Unsere Nutzerzahlen spiegeln das ebenfalls wider. Wenn jetzt ein Fußballer bei der Weltmeisterschaft ein Tor schießt und den Zahnseidetanz als Torjubel bringt, dann weiß nicht sofort jeder, was das ist, aber das kommt ursprünglich aus Fortnite und das haben wir mit beeinflusst.

Demnach haben wir keine Pläne, Mainstrem zu werden, denn wir sind meiner Meinung nach bereits Mainstream.

Wie schaut Twitch auf die Entwicklung von Artikel 13? Beschlossen ist die Richtlinie ja schließlich schon.

In dieser Hinsicht gibt es keine konkreten Veränderungen, die wir in nächster Zeit unbedingt durchführen müssten. Wir beobachten das ganz genau, denn es muss ja erst in jedem Land entschieden werden, was das für die einzelnen Länder bedeutet. Das schauen wir uns an und warten im Moment einfach ab.

Du hast ja ein gewisses Händchen für zukunftsorientierte Plattformen und hast auch schon für sehr viele große Projekte das Ruder in die Hand genommen. Was für eine Art von Portalen könnten wir in den nächsten Jahren, auch abseits von Twitch in der Internet- und Medienlandschaft erwarten?

Was ich auch gelernt habe ist, dass man nie wirklich vorhersehen kann, was vielleicht in fünf oder zehn Jahren kommen wird. Wenn ich mir aber ein aktuelles Ranking von Fast Company anschaue, dann wird gesagt, dass Twitch die innovativste Videofirma der Welt ist. Von allen Firmen weltweit sind wir in den Top zehn der innovativsten. Im Moment kann ich eigentlich ganz glücklich darüber dein, dass ich in einer der innovativsten Firmen der Welt arbeite. Und Twitch wird in den nächsten Jahren immer wieder mit neuen Sachen auf den Markt kommen.

Wenn es um das Thema Livestreaming, Video und Community geht, dann sehen wir in nächster Zeit auf jeden Fall noch eine Menge von Twitch.

Ist die TwitchCon für dich ein Erfolg? Was hast du für Eindrücke in den letzten anderthalb Tagen bekommen?

Also wir freuen uns erst einmal, dass wir in Europa eine Messe gestartet haben. Wir waren alle vorher aufgeregt und haben uns gefragt, wie das wohl wird. Als erstes haben wir dann gesehen, dass die Tickets ausverkauft waren und wir sicherlich noch viel mehr Tickets hätten verkaufen können. Aus dieser Hinsicht ist das super erfolgreich gelaufen.

Jetzt muss man sich aber auch anschauen, was hier alles passiert, wie unser Programm aussieht und wie das Feedback nach den ersten Stunden ist. Gerade gestern Abend haben wir eine Partner-Party veranstaltet. Ich habe davon gehört, dass die Leute wohl auf den Tischen getanzt haben und eine super Stimmung geherrscht hat. Da waren auch wirklich nur Partner.

In Sachen Community-Feedback habe ich bis jetzt noch nichts Negatives gehört. Das allgemeine Programm, das wir hier auf die Beine gestellt haben, ist ein großer Erfolg.

Wir haben auf Twitter gelesen, dass die Leute euch generell dafür loben, dass es extra Eingänge für Rollstuhlfahrer gibt. Das alleine ist schon ein gutes Beispiel für die Organisation dieser Messe.

Ja, wir haben mit der Messe den Vorteil, dass wir es zwar das erste Mal in Europa machen, aber nicht das erste Mal die TwitchCon an sich aufziehen. Die TwitchCon haben wir ja schon seit einigen Jahren in Kalifornien. Eine Kritik war unter anderem, dass die Warteschlangen zu lang waren. Daraus haben wir gelernt und gesagt, dass wir die Wartezeiten unbedingt verkürzen müssen. Vor allem bei den heutigen Temperaturen, die ja nicht unbedingt rosig sind. Meine amerikanischen Kollegen denken wahrscheinlich, dass im April immer 5°C herrschen und zwischendurch Schneeflocken fallen.

Ich habe gehört, dass die Leute hier nicht lange anstehen müssen und das ist auch super so. Das ist ja kein Zeichen dafür, dass niemand rein möchte, denn wir sind schließlich ausverkauft. Mit 10.000 Leuten haben wir hier im City Cube einen sehr guten Wert gefunden. Das gibt jedem das Gefühl, die Community zu erleben und auch dabei zu sein. Wir haben auch Streamer, die Autogramme geben und dort wird wahrscheinlich auch jeder sein Autogramm bekommen, für das er gekommen ist.

Auch unsere große Glitch-Halle bietet genügend Raum für Twitch Rivals, bei dem es ja auch um eine Menge Preisgeld geht. Bei Twitch Sings haben wir uns gedacht, dass wir eine Art Contest daraus machen. Dort singen heute die vier besten Leute der Welt gegeneinander.

Können wir erwarten, dass die TwitchCon in den nächsten Jahren wieder in Berlin stattfinden wird oder sind andere Standorte in Planung?

Grundsätzlich sind wir bezüglich des Standorts offen. Es ist ja die TwitchCon Europa. Wo wir die Messe im nächsten Jahr in Europa machen, steht also noch nicht fest.

Herzlichen Dank für das tolle Interview und Ihre Zeit.
 

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Foto: Raimar von Wienskowski