Andy Grammer Interview

Am 27. Juli ist es endlich soweit: Andy Grammers neues Album „Naive“ erscheint und bereits jetzt warten seine Fans sehnsüchtig auf die neuen Lieder. Wir haben uns vorab sein neues Album angehört und wollten es uns nicht nehmen lassen, uns mit diesem großartigen Künstler zu verabreden. Andy Grammer, er lacht, er steht auf lustige kleine Jokes und es ist die Freundlichkeit in Person. So entstand auch der Name seines neuen Albums. Wer allerdings glaubt, dass Naivität etwas Schlechtes ist, dem erklärt Andy im Handumdrehen, weshalb dies nicht ansatzweise korrekt ist. Wir haben uns den sympathischen New Yorker geschnappt und hatten ein großartiges Interview.

AJOURE´: Lieber Andy, lass uns doch direkt mit deinem neuen Album loslegen. Was ist das übergeordnete Thema?

Andy: Das übergreifendes Thema ist, denke ich,… naiv, weil ich dazu tendiere, in allem nach dem Guten zu suchen. Ich wurde schon immer als der positive Typ bezeichnet, was in meinen Augen auch sehr wahr ist: Ich bin ziemlich positiv! Aber ich denke, dass, wenn jemand das sagt, es eine angedeutete Naivität gibt, die daran hängt. Ich weiß das natürlich und dennoch entscheide ich immer noch, dass ich trotzdem lächeln und positive Musik schreiben werde. Selbst wenn du mich irgendwie ansehen solltest, als wäre ich wahnhaft, komme ich damit wunderbar klar und suche immer noch nach dem Guten in allem.

 

AJOURE´: Okay, also das ist es, was deine Fans davon mitnehmen sollen?

Andy: Ja. Es gibt viele Lieder über den Kampf und die Überwindung des Kampfes und sogar einige, die sagen: „Manchmal ist der Kampf ein Geschenk“. Es gibt einen Song namens „Wish You Pain“, der besagt: „Ich hoffe, du musst durch irgendeinen Scheiß gehen, denn wenn du ihn überwindest, wirst du an einem viel besseren Ort sein.“ Es gibt also diesen geerdeten Optimismus, der – selbst wenn du schwierige Situationen durchläufst – sich vor dich setzt, um dir zu helfen und dich besser zu machen. Wie werden wir gesünder? Wir laufen und trainieren, wir geben richtig Gas und dann, wenn wir fertig sind, fühlen wir uns besser. Wenn du also daran wirklich glaubst, dann kann jede Situation aus einer guten Perspektive betrachtet werden.

AJOURE´: Aber Naivität kann als etwas gesehen werden, das ein wenig, sagen wir, distanziert wirkt. In diesem Fall handelt es sich aber um einen ziemlich reifen Song und ich dachte, es wäre wirklich interessant zu wissen, ob wir vielleicht eine falsche Bedeutung daraus gezogen haben. Oder sollte es tatsächlich so ein geerdeter Song werden?

Andy: Ich bin an der Zweideutigkeit ganz klar beteiligt. Ich weiß, was du vielleicht denkst und wie ich manchmal vielleicht wirke, aber ich sage dir, wie die Bedeutung der Zeile eigentlich lautet: „Wenn es dumm ist, das Gute in allem zu sehen, dann wäre ich lieber naiv.“ Wenn die Kultur, wenn das, worüber wir uns alle einig sind, so sehr pessimistisch und negativ ist und alle denken „Die Welt ist in Schwierigkeiten, alles ist im Arsch“ und gleichzeitig alle so denken und in diese Richtung laufen und ich dennoch den anderen Weg gehe und der Nutzen ist: „Oh, du weißt nicht, wovon du sprichst“, dann bin ich einverstanden, wenn du das denkst. Aber ich werde weiterhin mein Ding machen und durchstarten, um positive Musik zu machen.

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Andy Grammer Interview

AJOURE´: Wie war denn der kreative Prozess zu so einem starken und kraftvollen neuen Album?

Andy: Nun, das letzte Album, welches ich herausgebracht habe, fand ich wirklich sehr gut. Leider hat es dennoch nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten, wie ich zunächst gedacht und gehofft hatte, doch damit musste ich natürlich leben. Ich wusste nicht, woran es lag und ob es tatsächlich so schlecht war. Für mich bedeutete dies nur, dass ich mein Mojo in Sachen Krea-tion verfeinern musste. Umso mehr ich darüber nachgedacht habe, desto sicherer wurde ich mir, dass mein letztes Album nicht schlecht, sondern einfach nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen war, die dies liebten. Das ganze Prozedere hat mich natürlich ein wenig von der Arbeit abgehalten. Ich habe gezweifelt und mit mir selbst gekämpft und gehadert, doch ich musste anscheinend durch diese schwere Zeit gehen. All diese Gefühle und dieses Auf und Ab ist in meinem neuen Album zu hören.

AJOURE´: Wir wissen, dass du deine Songs alle selbst schreibst und hast bereits mit 15 Jahren damit begonnen. Gab es denn jemanden, der dich damals wie heute inspiriert hat, mit dem Schreiben anzufangen?

Andy: Ja, den gab es in der Tat. In der High School gab es zwei Alben, die mich wirklich davon abgehalten haben, ein vollwertiger Sportler zu sein. Allerdings habe ich anfangs nicht einmal Musik gehört, denn Musik hat mir nichts gegeben. Ich erinnere mich, dass ich dann, während irgendeiner Woche und aus irgendeinem Grund, damit begonnen habe, Musik zu hören. Bis dato konnte ich nur an Basketball, Baseball und Football denken. Das war mein Leben: Ich war draußen und habe meine linke Hand trainiert, damit ich mich für das Team beweisen konnte. Ich hatte einen sehr einbahnigen Verstand. Und dann war ich im Auto auf dem Weg zum Basketballtraining und das „Room for Squares“-Album von John Mayer kam heraus. Es war das erste Mal, dass ich so dachte: „Was ist das? Das ist wie…. Ich mag das wirklich!“ Dann, als ich die Blase sprengte, hörte ich in derselben Woche „The Miseducation of Lauryn Hill“ und die beiden begannen, mein ganzes Leben wirklich zu verändern. Vor allem das Lauryn Hill-Album, denn es war so viel Edles darin versteckt. Du hast diesen Song „That Thing“, der ein großer Hit war und es geht darum, Sex aus einer wirklich edlen Perspektive zu betrachten. Das war wie: „Wow, du kannst cool sein, du rappst besser als jeder andere, den ich je gehört habe, du singst besser und du bringst das Gespräch gleichzeitig auf eine höhere Ebene.“ Ich sagte mir: „Oh Scheiße, ich will das auch machen.“ Ich habe gehört, dass du irgendwann deine musikalische Familie findest, die Art von Musik, in der du dich wohl und wie zuhause fühlst. Also habe ich angefangen, noch mehr Musik zu hören. Immer öfter dachte ich mir dann: „Woah! Du gehörst jetzt auch zu meiner musikalischen Familie! Ich liebe es!“ Das Tolle ist, dass es für jeden anders ist. Für mich ist Stevie Wonder so etwas wie mein musikalischer Großvater. Ebenso Billy Joel und Paul Simon. Ich liebe diese Künstler, die für mich bis heute durch ihre Lyrics großartige Geschichtenerzähler sind.

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Andy Grammer

AJOURE´: Und wer hat dich für dieses Album inspiriert?

Andy: Dieses Album ist inspiriert worden durch Paul Simon und Billy Joel. Ich versuche zwar immer, es selbst zu kreieren, aber ich habe diesen Musikern zugehört und darauf geachtet, wie sie ihre Geschichte erzählen und wie sie es schafften, dass Menschen ihre Story glaubten und gut fanden. Zum Beispiel beim Billy Joel-Song „Piano Man“. Hier ist der Text genauso wichtig wie die Musik. Bei einem Song sind viele Dinge sehr wichtig. Die ganze Produktion, die Melodie, doch auch der Text, der dafür da ist, den Song zu unterstützen und ihm zu helfen gut zu werden. Und hierin liegt die größte Herausforderung für mich – zu sehen, ob ich einen Text maximal hervorheben kann.

AJOURE´: Du hast eine seltene Art deine Musik aufzunehmen, denn deine Lyrics werden gleichzeitig wie die Instrumente aufgenommen und nicht am Computer zusammengemischt. Das erinnert fast ein wenig an Queen, die ebenfalls sehr oft mit der kompletten Band in einem Studio Songs aufnahmen. Ist das denn effizient?

Andy: Ich versuche tatsächlich, die Demos in einem Raum aufzunehmen und danach dieses Demo in ein echtes Studio zu bringen, wo dann die Live-Instrumente eingespielt werden. Das ist natürlich super ineffizient, aber es gibt dem Song eine Energie, die man nur erreicht, wenn man versucht, ohne Computer zu arbeiten.

AJOURE´: Dein Song „Don’t Give Up On Me“ ist im Film „Five Feet Apart“ zu hören, und wir wissen, dass der Regisseur ein Freund von dir ist. Wie ist es, einen Song in seinem Film zu haben beziehungsweise DEN SONG im Film zu haben?

Andy: Es ist so, so, so besonders! Es ist sehr selten, dass welche Kunst auch immer erfolgreich wird. Wenn du es aber jemals geschafft hast und versuchst, es wieder zu schaffen, dann erkennst du, wie verdammt hart es ist, etwas neu zu erschaffen, das auf einer massiven, weltweiten Ebene anerkannt wird. Ich und Justin waren in Los Angeles wirklich gute Freunde; wir waren Mitbewohner und wir waren beide in einer Zeit in unserem Leben, in der sich niemand für einen von uns interessierte. Dass er jetzt einen Film macht und der Regisseur ist und er gleichzeitig den Song dazu hat und wir beide erfolgreich sind, ist einfach völlig unglaublich, selten und etwas ganz Besonderes für uns beide. Wir waren bei der Filmpremiere und es war, als wären wir mit Freunden dort. Es war magisch.

Andy Grammer

AJOURE´: Es ist sicherlich ein tolles Gefühl, dass ihr euch beide gegenseitig emporheben könnt!

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Andy: Allerdings! Wir sind beide sehr hartnäckig. Also machte er Musikvideos und Fernsehsendungen und machte viele Dinge, die irgendwie funktionierten, während ich auf der Straße auftrat. Am Ende des Tages kamen wir dann nach Hause und sprachen einfach über unsere Sachen und halfen uns gegenseitig. Er hat einige meiner Musikvideos gedreht. Am Ende des Filmes läuft „Don’t Give Up On Me“ und sobald sein Name im Abspann zu sehen ist, startet der Song. Das ist wirklich cool.

AJOURE´: Hast du einen Lieblingsort, an dem du gerne spielst?

Andy: Der Ort spielt eigentlich keine Rolle. Es ist wichtiger, dass die Leute, die vorbeikommen, selbst wenn du nur an einer Straßenecke stehst und spielst, diese zur besten Straßenecke aller Zeit machen können.
AJOURE´: Also ist ein Ort für dich wie der andere?

Andy: Es gibt natürlich Städte, zu denen ich bereits eine Beziehung habe. Aber deshalb bin ich ja hier, weil…. das ist wie mein erstes Date mit Deutschland. Ich sitze also sozusagen mit Deutschland am Dating-Tisch und versuche, mit diesem tollen Land zu flirten und zu sehen, ob die Schwingungen dabei auf beiden Seiten vorhanden sind.

AJOURE´: Und stehst du auf deinen Flirtpartner (Deutschland) gegenüber?

Andy: Oh ja, es ist wirklich cool! Bisher hatte ich eine großartige Zeit! Ich hoffe auf ein zweites Date.

AJOURE´: Du bist aus New York, ist es etwas Besonderes für dich, dort zu spielen? Oder ist es nicht mehr oder weniger speziell als anderswo?

Andy: Ja, New York ist großartig, weil viele Familienmitglieder und Freunde zu meinen Auftritten kommen. Ebenso in Los Angeles. Aber du findest diese Orte auf der ganzen Welt und in verschiedenen Städten, zu denen du eine gute Verbindung hast. Ich habe auf den Philippinen gespielt und es war fantastisch. Australien war wirklich gut zu mir. Es ist wirklich einmalig, eine persönliche Beziehung mit einer Stadt aufzubauen. Ich liebe es.

AJOURE´: Fällt es dir leicht, ein Land, in dem du vielleicht noch nicht so bekannt bist, von dir zu überzeugen? Oder ist es jedes Mal aufs Neue ein harter Kampf?

Andy: Oh nein, es ist immer eine Herausforderung. Durch Deutschland zu laufen und zu wissen, dass die Leute mich hier nicht kennen, ist eine Aufgabe, die mir gefällt. Das macht Spaß. Also Deutschland, wenn ich dir gegenüber am Tisch sitze und du sagst: „Ich mag dich nicht“, werde ich zurückkommen. Ich werde nicht aufgeben! Das ist der Name des Songs: „Don´t give up on me“! Wenn du das noch nicht verstanden hast, mach dir keine Sorgen. Ich werde dich wieder und wieder zum Abendessen einladen (lacht).

 

Fotos: Geena Kloeppel; Ben Klein