Kolumne von Detlef Soost: Die Power von Visionen

Der Tisch mit den drei lockeren Schrauben

Es ist die Mitte der Fünfzigerjahre. Zwei junge Männer schlagen sich die Nacht mit Arbeit um die Ohren: Sie arrangieren und fotografieren Möbel für einen Katalog. Es geht auf den Morgen zu und die Männer sind müde. Gleich werden sie die Möbel verladen und nach Hause fahren. Doch plötzlich hält einer der beiden inne. Er betrachtet nachdenklich den dreibeinigen, wie ein Blatt geformten Beistelltisch, der vor ihnen steht, und sagt: »Also, der ist wirklich ganz schön sperrig.« Nach einer kurzen Pause ergänzt er: »Aber weißt du was?« Als der zweite Mann ihn fragend anschaut, geht der erste zum Tisch und dreht ihn herum. Er schraubt das erste Bein heraus, dann das zweite und dritte. »Man kann die Beine abschrauben, dann wird er ganz flach.« Die beiden wechseln noch einmal einen vielsagenden Blick. Dann murmelt der zweite Mann: »Genial! So machen wir’s!«

Was glaubst du? Um was ging es in diesem Wortwechsel? Vielleicht denkst du, dass sich die kurze Unterhaltung der beiden Männer nur darum drehte, wie sie den Tisch nach der Fotosession am besten im Auto oder Möbellager verstauen konnten, damit sie nach der arbeitsreichen Nacht schnell nach Hause fahren konnten.

Aber in diesem Wortwechsel ging es um viel mehr.

Ich möchte dir noch etwas mehr über die Männer erzählen. Bei einem der beiden handelte es sich um einen Bauernsohn. Er hatte schon zehn Jahre zuvor, als Siebzehnjähriger, sein Unternehmen gegründet. Der andere Mann war ein guter Freund von ihm, der Bauernsohn hatte ihn zum Marketingchef gemacht. Das Besondere war, dass diese beiden Freunde eine gemeinsame Vision teilten. Einen Gedanken, den sie bei all ihren Unternehmungen immer im Hinterkopf hatten. Nämlich ein Möbelgeschäft, das günstige Designmöbel für alle anbietet, zu erschaffen. Damals war das eine Marktlücke. Schöne, praktische und erschwingliche Möbel waren in den Vierziger- und Fünfzigerjahren nicht selbstverständlich. Das, was günstig war, war oft nicht schön. Und das, was schön war, war nicht günstig und häufig auch nicht praktisch. Damit Möbel für jeden erschwinglich werden konnten, musste ihre Herstellung, ihr Transport, der Zusammenbau und auch die Lagerung logischerweise möglichst kostengünstig sein – diese Grundvoraussetzungen waren in der Vision bereits enthalten.

Die Brille ihrer Vision filterte nun das, was die beiden Männer sahen. Sie erkannten in dem Tisch mit den abschraubbaren Beinen sofort viel mehr als nur eine Möglichkeit, dieses eine Möbelstück ein einziges Mal bequem zu transportieren. Sie sahen ein Möbel, das man in einen flachen Karton stecken und damit nicht nur platzsparend, sondern vor allem preiswert transportieren, lagern und verschicken konnte. Sie sahen ein Möbel, das der Käufer selbst zusammenbauen konnte. Das heißt, sie sahen ein Möbel, das sie deutlich billiger anbieten konnten als die Konkurrenz.

Das war aber noch nicht alles: Ihre Vision in Kombination mit diesem blattförmigen Tisch kitzelte aus der Vorstellung der Männer noch eine Idee hervor: die Möbel nicht mehr extern einzukaufen, sondern sie selbst zu entwerfen. Nämlich nach genau diesen Vorgaben – flach zusammenlegbar und selbst montierbar. Kurz: Die Männer sahen ein unglaubliches Potenzial. Dank der klaren Vision in ihren Köpfen wurde der Tisch vor ihnen und alle Ideen, auf die er sie brachte, sofort in die Vision integriert. Die Vision zeigte ihnen genau, was sie zu tun hatten.

Der Name des Bauernsohns lautete Ingvar Kamprad. Seinen Firmennamen hatte er aus den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens, des Bauernhofes Elmtaryd seiner Eltern und des schwedischen Dorfes Agunnaryd, zu dem der Hof gehörte, konstruiert. Dabei war das etwas merkwürdige Wort »Ikea« herausgekommen. Der andere junge Mann hieß Gillis Lundgren. Mit ihm als Chefdesigner begann man bei Ikea bald, die Möbel selbst zu entwerfen.

Alle natürlich flach zusammenlegbar und selbst montierbar. Dank dieser Innovation, die es so zuvor nicht gegeben hatte, schaffte das Möbelbaus den internationalen Durchbruch. Ikea ist heute in 25 Ländern der Welt vertreten und wahrscheinlich das bekannteste Möbelgeschäft aller Zeiten. Ingvar Kamprad wurde zu einem der reichsten Menschen der Welt und blieb es für lange Zeit, bevor er 2018 starb. Und sein Freund Gillis hat sein Leben lang zunächst als Marketingchef, dann als Chefdesigner und später als Berater für Ikea gearbeitet. Er hat unter anderem das Bücherregal »Billy« entworfen, ein All-Time-Bestseller der Firma. Natürlich zum Selbstzusammenbauen zu Hause.

Auch du kannst deine Träume wahr machen!

Ich finde diese Geschichte großartig. Sie verdeutlicht nicht nur die Power von Visionen. Sie zeigt dir außerdem: Egal, was du gerne erreichen möchtest, du brauchst nur eine klare Vorstellung, dann formt sich die Wirklichkeit ganz automatisch danach und macht die Vorstellung zur Realität. So lässt dich eine Vision tatsächlich in die Zukunft gucken. Aber nicht, weil die Zukunft von irgendeiner höheren Macht vorbestimmt ist. Sondern weil es in deiner Macht steht, sie zu gestalten. Nach deinen Ideen. Das bedeutet: Deine Träume müssen keine bleiben. Allerdings darfst du es dann auch nicht beim Träumen belassen. Du brauchst so eine Vision. Dazu musst du zunächst deinen Traum zu einem ganz konkreten Ziel machen und von diesem Ziel dann eine Vision entwickeln, die dich inspiriert. Das heißt ein Bild, das dich einerseits so richtig motiviert und dir andererseits wie die Leitsterne der Seefahrer Orientierung gibt, wo die Reise hingeht. Damit hast du bereits das Wichtigste erledigt, um diese Vision wahr werden zu lassen. Danach musst du »nur« noch daran festhalten und auf dein Ziel zugehen. So lange, bis du es erreicht hast und deine Vision Realität geworden ist.

Mehr davon findest du im neuen Buch zum Erfolgsprogramm von Detlef Soost:

„Scheiß drauf, mach’s einfach: Überwinde deine Ängste und lebe dein Leben“
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Scheiß drauf, mach's einfach

 

Fotos: Piper Verlag, Detlef Soost