Kolumne: Berlin – oh du Skurrile!

Kolumne: Berlin – oh du Skurrile!

Manchmal denke ich, dass ich irgendwie bestimmt schon einmal alles erlebt habe; selbst die seltsamen und fragwürdigen Dinge des Lebens. Und dann zog ich nach Berlin… Nicht, dass ich hier tagein tagaus vor befremdlichen Situationen stehen würde, aber etwas Spezielles passiert hier schon des Öfteren mal. Logisch, bei dreieinhalb Millionen Einwohnern und einer der „offensten“ und frivolsten Städte der Welt. Erlaubt und gelebt wird, was Spaß macht. Und das ist auch gut so. Es ist nämlich eben dieses Denken und Verhalten, was Millionen und Abermillionen Touristen jährlich in unsere Hauptstadt zieht. „Wir wollen das verrückte Berlin erleben. Das, wovon alle immer erzählen.“ Und zack geht’s ins weltbekannte Berghain oder in den KitKat Club. Soweit so gut. Nichts Besonders an sich, zumindest wenn man täglich damit zu tun hat. Es gibt aber dennoch Situationen, die unerwartet passieren und die es durchaus Wert sind, über sie zu schreiben.

Man stelle sich folgende Situation vor: Mein bester Freund und gleichzeitig Kollege und ich hatten am ersten Februarwochenende nicht wirklich etwas geplant. Im Gegenteil, wir wollten das Wochenende unspektakulär und gechillt verbringen. Wie es dann aber so ist, wird einem Freitagabend trotzdem langweilig, also hieß es „ab in unsere Stamm-Bar“, die glücklicherweise nur drei Laufminuten entfernt ist. Aus irgendeinem Grund hat diese Bar einen Ruf, dass hier ständig Menschen des anderen Geschlechts abgeschleppt werden könnten. Ob das so ist, sei dahingestellt. Hier gibt es einen kompletten Querschnitt durch die Berliner Gesellschaft. Als wir gegen 22 Uhr den Laden betreten, ist durchaus Einiges los. Die Bar steht voll mit Männern zwischen 40 und 50 und nur wenige Frauen befinden sich unter ihnen. Sämtliche Tische waren besetzt – bis auf einer und der gehörte dann uns. War auch soweit gut, denn am Tisch rechts von uns saß eine durchaus gutaussehende Blondine Mitte Zwanzig auf der Sitzbank und neben ihr ein circa Anfang dreißig Jahre alter Typ mit kurzen dunkelblonden Haaren – Typ Sachbearbeiter. Soweit ist nichts Besonderes festzustellen – naja, bis auf den überdurchschnittlich tief ausfallenden Ausschnitt der Blondine, in welchem sich ihr Nebenan auch sichtlich zu verlieren schien. Die Beiden turtelten herum und ich verlor das Interesse, mich länger mit ihnen zu beschäftigen, denn die pure Langeweile war beiden ins Gesicht geschrieben. Mein Blick wanderte also durch den Raum, entlang der Bar und blieb an einem Typen hängen, der plus-minus vierzig Jahre alt sein musste. Vom Typ her möchtegern-cool mit scheiß Klamotten, beknackter Frisur und noch beknackterem Gesicht, gepaart mit einem selbstverliebten Grinsen, welches wohl Überlegenheit, Erfolg und Anziehungskraft zum Ausdruck bringen sollte. In Wirklichkeit stand auf seiner Stirn aber einfach nur „Pfosten“. Bis dahin wäre mir das völlig latte gewesen, wäre nicht dieser versteifte Blick in meine Richtung, an mir vorbei und hin zur Blondine, die sich ja an unserem Nebentisch befand. Ich erzählte das meinem Buddy und noch ehe ich die Situation beschreiben konnte, stand Herr Pfosten am Nebentisch.

Kennt ihr das, wenn ihr eurem Kumpel ins Gesicht schaut und wisst, dass gleich was sehr Seltsames passieren muss? Unsere Augen wurden immer größer und meine Ohren müssen sich größentechnisch verdreifacht haben. Ich wollte wissen, was da abgeht. Da mein Kollege links von mir saß, konnte er den Tisch beobachten, solange er in meine Richtung schaute, ohne dass es auffiel und ich hatte die Ohren auf deren Tisch.

Los geht’s…

Geben wir allen Dreien mal kurz Namen, damit sich die Story besser erzählen lässt.
Der Sachbearbeiter ist Herr Lauch (wie sich später noch herausstellen wird), der Typ an der Bar ist zweifellos Herr Pfosten und die Blondine hört auf den Namen Frau Handjob (was eine andere Bedeutung bekommen wird). Alle zusammen gehören an diesem Abend ins Team Skurril.

Da stand er also, Herr Pfosten, am Tisch von Lauch und Handjob. Er stellte sich kurz vor und Herr Lauch war sichtlich wenig begeistert, heuchelte allerdings ein Grinsen über den Tisch. Ohne groß zu fragen setzt sich also der Pfosten auf einen Stuhl am Tisch, während die beiden anderen noch auf der Couch eng beieinandersaßen. Handjobs Hände auf dem Knie des Lauchs. Es stellte sich für uns schnell heraus, dass Handjob und Pfosten sich bereits haben kennen müssen, aber es war nicht ganz klar, woher, wie gut und warum. Unsere Theorien überschlugen sich, aber wir kamen zu keinem Ergebnis. Weil der Pfosten ja ein echter Macher ist, ein ganz lässiger Typ mit Eiern aus Stahl, fragte er die beiden Couchpotatoes, ob er für alle etwas zu trinken holen könne. Frau Handjob bestellte sich völlig klar einen Longdrink und Herr Lauch ordert ein Bierchen. Als Herr Pfosten zurück an den Tisch kommt, stellt er zuerst den Drink der Blondine ab, danach seinen für sich bestellten Rotwein (typischer Vino-Typ halt) und für seinen Kontrahenten gab es kein Bier, sondern einfach eine kleine kalte Cola aus der Flasche. Ich checkte das Gesicht des Lauchs, als dieser die Cola vor sich sah und brach innerlich unterm Tisch vor Lachen zusammen. Auch mein Kumpel konnte nicht mehr. Da hat der Pfosten den Lauch mal schnell degradiert. Herr Lauch stand also selbst nochmal auf, um sich ein Bier zu besorgen und ging danach aufs Klo. Ich nehme an, um zu kotzen – über die Situation. Die Minuten, die der Lauch aber auf der Toilette brauchte, ließ der Pfosten natürlich nicht ungenutzt.

Im Gegenteil. Es wurde ruhig neben mir und meine Ohren warteten gespannt auf eine Fortsetzung. Ich schielte nach rechts und erblicke den Pfosten mit starrem Pfosten-Blick in Richtung Handjob, die ihn sichtlich verwirrt anglubschte. Frau Handjob (mit naiver dümmlicher und langgezogener Stimme): „Duuuu sagst ja gar nix.“

Herr Pfosten (mit selbstverliebter, sicherer, gespielt tiefer Stimme): „Ich muss nichts sagen. Ich warte, bis du mir sagst, was dir auf der Seele brennt.“

Ich, am Nebentisch, bereits wieder am Davonschmeißen meiner selbst, verspürte etwas Kotze im Hals, denn sowas Dummes habe ich lange nicht mehr gehört.

Sie begann dann von irgendetwas zu faseln, was mit Universität, Stress und Müdigkeit zu tun hatte. Das Thema war schnell erledigt, denn Herr Lauch schlich an den Tisch zurück. Alle Drei schwiegen sich ein paar Sekunden an, so als ob jeder peinlich berührt wäre. Außer natürlich Herr Pfosten, der die Lage im Griff zu haben schien und begann heimlich mit seiner Wade an dem Bein von Frau Handjob zu reiben, die stillhielt und zurückrieb.

Dem Lauch wurde wohl klar, dass er eine rauchen müsse. Um kurz klarzustellen: Wir saßen in einer Raucherbar, wo rauchen erlaubt ist. Das impliziert ja schon der Name „Raucherbar“. Herr Lauch aber ging vor die Tür. War ja auch kaum kalt draußen, im Februar, nachts, in Berlin, bei Ostwind und Schneeregen – ohne Überdachung. Ein harter ungeriebener Lauch.

Den Freiluftdrang nutzte Herr Pfosten natürlich gekonnt aus, starrte Frau Handjob wieder an, sie starrt zurück. Er beugt sich auf seinem Stuhl nach vorne in ihre Richtung, streckt seinen Arm in Richtung ihres Nackens aus, packt diesen und zieht sie mit voller Wucht an sein Gesicht. Bis ganz kurz vor seine Nase. Er nimmt ihre Hand und legt sie auf sein Knie und streichelte diese dann ebenfalls.

Frau Handjob: schweigend, ihre Augen in alle vier Richtung gleichzeitig blickend, war sichtlich verwirrt.

Herr Pfosten: „Solange du an diesen Sperenzien festhältst, wird sich nie etwas ändern.“
Frau Handjob: „Was, äh, wie…?“
Herr Pfosten: „Jetzt sitze ich hier, vor dir. Und ich will, dass du was machst! Sei eine Macherin!“

Niemand, aber auch gar niemand wusste, was der Pfosten mit „was machst“ meinte, denn er ließ es so im Raum stehen, als wäre es das Normalste der Welt.

Da kommt auch Herr Lauch schon wieder vom Rauchen zurück und hockt sich auf seinen Platz. Frau Handjob lehnte sich zurück und streichelte das Knie von Herrn Lauch und dieser streichelte natürlich zurück. So ging das ein paar Minuten bis Frau Handjob muss wohl pinkeln musste und sich auf die Toilette verzog. Da saßen sie nun – ein Pfosten und ein Lauch.

Herr Pfosten: „Weißt du, was du von ihr willst?“
Herr Lauch: „Ich weiß es nicht. Ich trau mich nix. Ich weiß nicht, was sie will und ob sie mich will. Ich bin so unsicher.“
…(an dieser Stelle lag ich bereits wieder unterm Tisch und schmiss mich weg)…
Herr Pfosten: „Mach, wonach dir der Sinn steht! Sei ein Macher! Sie steht auf dich, glaub mir. Ihr passt gut zusammen. Du musst es wollen. Dann kannst du es!“
Herr Lauch: „Wirklich? Meinst du?…“

Frau Handjob kam von der Toilette zurück und unterhielt sich nur noch mit Herrn Pfosten, den sie dann auch in Gegenwart von Herrn Lauch begann am Knie zu streicheln. Damit Herr Lauch sich aber nicht so ausgegrenzt vorkam, streichelte sie mit der anderen Hand auch sein Knie. #whaaaat! Irgendwas schien sie am Pfosten beeindruckt zu haben. Vielleicht sein dümmliches Gesicht oder die Hochwasserhosen. Ich habe es leider nicht erfahren. Jedenfalls war Herr Lauch genervt, stand auf, zog seine Jacke an und sagte zu ihr: „Wir wollten doch noch auf die Warschauer Straße.“

Frau Handjob: „Nein, ich bleibe noch etwas hier. Geh du ruhig.“
Herr Lauch: „Ok, wir telefonieren morgen.“ Und dann war er verschwunden.
Herr Pfosten zu Frau Handjob: „Der passt nicht zu dir und er will nichts von dir. Ich habe ihn gefragt. Lass uns gehen. Wir gehen zu dir!“
Frau Handjob spielte in ihren blonden Haaren und schielte immer wieder gespielt verlegen nach oben. „Meiiiiinst duuuuu…“

Da standen sie also. Frau Handjob im schwarzen Wintermantel und Herr Pfosten in zu kurzen Hosen und zu kleinem Mantel, bereit, die Nacht zum Tage werden zu lassen.

Sollte ich die Drei einmal wiedersehen, werde ich diese Kolumne signieren lassen.


Kolumne von Daniel Heilig

Daniel Heilig

Eine AJOURE´ ohne Daniel wäre wie ein Perpetuum mobile ohne die Bedeutung der Unendlichkeit. Seit dem Gründungsjahr schrieb Daniel unzählige Artikel und gehört zu den Grundpfeilern in der AJOURE´ Men.

 

Foto: irina_levitskaya / stock.adobe.com

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