Macht zu viel Smartphone depressiv?

        Ist dein Smartphone dein bester Freund?    

Bist du glücklich? Wenn nicht, dann ist vielleicht dein Smartphone schuld. Verschiedene Studien sind zumindest zu dem Schluss gekommen, dass Handynutzungsdaten so einiges über den Seelenzustand des Besitzers verraten. Einen Zusammenhang scheint exzessive Smartphone-Nutzung nicht nur mit Depression, sondern auch mit Narzissmus, Burnout und sogar dem fallenden Bildungsstandard der nächsten Generation zu haben.
 

Die Macht des Smartphones in einer Digitalgesellschaft

Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Digitalisierung. In vielen Bereichen des Lebens ist das eine große Erleichterung. Wenn du Informationen zu etwas suchst, musst du dich nicht unterhalten oder in der Bücherei Fachwerke durchackern – du kannst einfach googeln. Wenn du dich navigieren willst, brauchst du lediglich dein Smartphone und wenn du dich unterhalten willst, treibst du dich eben in sozialen Netzwerken herum. Die Kommunikation hat längst einen Digitalisierungsprozess durchlaufen. “Person X hat gesagt” gibt es so eigentlich kaum mehr. Der Ausdruck wird der Gewohnheit wegen zwar noch benutzt, aber bedeutet mittlerweile eher “Person X hat geschrieben”. Direkte Kommunikation ist eine Seltenheit. Sogar telefonieren ist nicht mehr in. Um uns auszutauschen, stehen uns gratis Apps, wie WhatsApp, zur Verfügung. Studien zufolge vertraut ein Großteil der Gesellschaft heute eher einem Computer, als einem Mitmenschen.

Das Smartphone ist zum besten Freund des Nutzers geworden. Es hilft, wo es nur kann: berät in Navigationsangelegenheiten, gibt Tipps zum Weggehen und spricht Kaufempfehlungen aus. Es überwacht sogar die Gesundheit, indem es Herzfrequenzen misst und Schritte zählt. Mittlerweile kann es sogar den Seelenzustand des Nutzers einschätzen, so haben Forscher der Northwestern University in Chicago herausgefunden. Sie haben eine App entwickelt, die auf Basis der Nutzerdaten die Diagnose einer Depression stellen kann. Kurzum hat das Smartphone in unserem Zeitalter große Macht. Aber kann uns diese Macht wirklich glücklich machen?
 

Depressionsdiagnostik mittels Nutzdaten

Mit der Depressionsdiagnostik per Smartphone fasst die Northwestern University of Chicago eigentlich schon zusammen, wieso die Macht des Smartphones derart unglücklich macht. In ihrer Studie haben Saeb und Kollegen mit den Probanden einen psychologischen Test durchgeführt, um Anzeichen für eine Depression zu ermitteln. 14 ihrer Studienteilnehmer litten an einer mittleren bis schweren Depression. In den nächsten zwei Wochen dokumentierten die Forscher die Nutzungs-zeiten und die GPS-Daten der depressiv Diagnostizierten. Die durchschnittliche Nutzungszeit pro Tag lag bei depressiven Studienteilnehmern mit fast 70 Minuten weitaus höher, als für gesunde Probanden. Das «Journal of Medical Internet Research» berichtet außerdem davon, dass sich die GPS-Daten der depressiven Teilnehmer eher statisch zeigten. Co-Autor David Mohr erkennt darin den typischen Motivationsverlust einer Depression.

Die Forschergruppe will das Programm gegenwärtig erweitern, um es neben einer Diagnostik Lösungsvorschläge für Depressionen ausgeben zu lassen. Irgendwie klingt das ein bisschen ironisch. Schließlich zeigt die Studie, dass die Nutzungsdauer des Handys als ursächlicher Faktor für Depressionen in Frage kommt. Und dann soll es wirklich das Smartphone sein, dass die Diagnose stellt und die von ihm verursachte Depression behandelt? Scheinbar. Die Digitalisierung ist nämlich längst nicht mehr aufzuhalten. Die aktuellen Entwicklungen in der digitalen Welt hören sich langsam nach einem schlechten Witz an. Das Smartphone stellt sich in letzter Zeit immer mehr als Fluch, statt als Segen heraus.
 

Die Macht des Smartphones macht unproduktiv und ungesund

Aktuelle Studien der University of Derby kommen zu einem heftigen Schluss: Smartphones sollten mit einer Gesundheitswarnung verkauft werden. Als Gründe geben die Forscher das erwiesene Suchtpotenzial und ein Smartphone-bedingt erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, wie pathologischen Narzissmus, an. Aktuell gelten über 280 Millionen Menschen als handysüchtig. Mit der Handysucht beschäftigten sich auch die Wissenschaftler der Universität Bonn. Sie überwachten mit der App “Menthal” das Nutzerverhalten von Smartphone-Besitzern.

Nach der Datenauswertung von 60.000 Smartphone-Nutzern ermittelten sie einen durchschnittlichen Nutzungszeitraum von über zwei Stunden pro Tag. Bei Jugendlichen waren es sogar drei. 53-mal wurde das Smartphone durchschnittlich benutzt, um Apps zu starten. Sogar in sozialen Situationen scrollten sich die Probanden durch Nachrichten, Mails oder Suchergebnisse. Der Studienleiter Alexander Markowetz interpretiert diese Ergebnisse als bedenklich. Die Generation iPhone sei dem Handy völlig verfallen. Das mache sich in einer gesunkenen, geistigen Leistungsfähigkeit und einer maroderen Gesundheit bemerkbar. Die Macht des Handys macht unglücklich, unproduktiv und ungesund, so der Schluss des Studienleiters. Negative Gefühle seien eine logische Konsequenz aus der permanent indirekten Digitalkommunikation und der Angst, die neuesten Neuigkeiten zu verpassen. Das Scrollen über den Handyscreen aktiviert Experten zufolge die gleichen Gehirnregionen, wie eine Drogensucht. Die permanente Kommunikation durch soziale Medien wird mit dem größten Suchtpotenzial verbunden. Die Nutzer suchen in diesen Netzwerken nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Zugleich geraten sie unter den Druck, anerkannt zu werden, die aktuellsten Meldungen nicht zu verpassen und immer informiert zu sein.

Obwohl die Handysucht auch in den aktuellsten Einstufungsmanualen von Psychologen und Psychiatern noch nicht existiert, erschöpft uns die permanente Informationsüberflutung am Smartphone erwiesenermaßen. Wir überlasten unser Gehirn durch ein übermäßiges Reiz- und Informationsangebot. Merken können wir uns nichts mehr, produktiv sind wir kaum noch und schlimmstenfalls erkranken wir an Extremerschöpfungszuständen, wie dem Burnout. Diese Zusammenhänge sind aber bei Weitem nicht die einzig bedenklichen.
 

Künstliche Intelligenz vermindert die Intelligenz

Wer ein kluges Telefon hat, muss selbst nicht mehr klug sein. Die künstliche Intelligenz des Smartphones frisst die Intelligenz seiner Nutzer. Aktuellen Erkenntnissen zufolge verliert nicht nur die Generation iPhone, sondern vor allem die Folgegeneration der Digital Natives an kognitiven Fähigkeiten. Wenn Handysüchtige kleine Kinder haben, sind die Kleinen oft die Leidtragenden. Sie fühlen sich zurückgewiesen, weil Mama und Papa ständig am Telefon hängen. In Kommunikation werden sie nicht mehr oder nur noch unzureichend einbezogen. Die elterliche Smartphone-Abhängigkeit verschlechtert nach Expertenaussagen vermutlich auch den Bildungsstandard und die kindliche Entwicklung.

Dem “Telegraph” zufolge hat sich der britische Politiker Tristam Hunt in diesem Zusammenhang auf Primarschullehrer bezogen, die von einem besorgniserregenden Anstieg kindlicher Sprachprobleme in gesprochener Sprache und Schriftsprache
berichten. Die Kinder büßen aber nicht nur die Sprachentwicklung ein, sondern verlernen mit der Kommunikation auch die Interaktion miteinander. Vernetzt, aber nicht mehr verbunden – das ist die digitalisierte Gesellschaft und so trifft es erschreckenderweise auch auf die Folgegeneration zu. Glücklicherweise kannst du dich dagegen wehren: mit einer digitalen Diät, die der Gesundheit heute vermutlich ebenso gut tut, wie echte Diäten.
 

Foto: hocus-focus/iStock.com

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