Bärte sind voller Keime – Wahrheit oder Mythos?
Es dauert in der Regel einige Zeit, bevor eine solche Bartpracht entsteht.

Stilexperten haben sich mit ihrer Prognose, dass Gesichtsbehaarung out sein könnte, getäuscht: Auch im Jahr 2021 lag sie voll im Trend, eine Änderung ist auch für 2022 nicht in Sicht. Egal, wo wir uns umschauen, rundherum treffen unsere Blicke auf Voll- und auch Schnauzbärte. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung bezeichnet sie als attraktiv. 62 Prozent der Jüngeren tragen einen Bart, insgesamt sind es 45 Prozent der deutschen Männer.

Mythos aus Albuquerque zog in Deutschland ein

Vor einigen Jahren tauchte eine „Studie“ aus New Mexiko auf, die viele negative Schlagzeilen nach sich zog. So war beispielsweise zu lesen, dass

  • manche Bärte schmutziger seien als Toiletten,
  • in der Haarpracht rund um das Kinn ein Tummelplatz für Bakterien sei und
  • die zahlreichen Keime sich beim Küssen übertragen können.

Es gab mehrere namhafte Medien, die nicht unwesentlich den Mythos bekräftigten. So manch ein vollbärtiger Leser oder Hörer überlegte sich daraufhin den Kauf eines erstklassigen Rasierapparates, um der Mikrobenfalle den Garaus zu machen. Ob Hersteller wie Braun und Co. damals eine Umsatzsteigerung zu verzeichnen hatten, ist leider nicht bekannt.

Keine Studie, sondern Mini-Stichprobe

Erst im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich um keine ernsthafte klinische Studie gehandelt hat. Vielmehr fand eine Mini-Stichprobe des US-Senders KOAT Action 7 News in Albuquerque, New Mexiko, statt. Eine Reporterin nahm nur von wenigen Männern, die sich auf der Straße dazu bereit erklärten, einen Abstrich aus dem Bart vor. Vermutlich gab es am Ende nicht allzu viele Proben, die untersucht werden konnten.

Die wenigen Barthaarabstriche wurden in einem Labor analysiert. Der zuständige Mikrobiologe des Instituts Quest Diagnostics, John Golobic, äußerte sich nach der Untersuchung wie folgt:

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„Normalerweise bin ich nicht so schnell überrascht. Aber hier war ich es.“ Er stieß sogar auf Darmkeime, was er mit „So etwas findet man sonst in Fäkalien“, kommentierte.

Ein Teil der Bartproben wies viele allgemein bekannte Bakterien auf. Der Wissenschaftler sagte jedoch, dass diese nicht krank machen würden. Über Mikrobenart oder deren Anzahl wurde jedoch keine Aussage gemacht. Letztendlich liegt ein keimfreier Bart auch in unseren eigenen Händen. Wer ihn hegt und pflegt, ist auf der sicheren Seite.

Im Jahr 2000 gab es eine Mini-Studie mit zehn Teilnehmern, mit dem Ergebnis: Bärtiges OP-Personal sondert trotz Tragen eines Mundschutzes mehr Bakterien ab  als glattrasierte Mitarbeiter. Um dies herauszufinden, mussten die Probanden jedoch ihren Kopf kräftig schütteln – dabei wurden die herabfallenden Partikel aufgefangen. Angst vor einer OP mit bärtigem Arzt und Team brauchen wir somit wohl nicht zu haben.

Die Wahrheit sieht anders aus

Es gibt aber auch verlässliche Studien, die die Behauptung, dass Gesichtsbehaarungen Bakterienschleudern sind, entkräften. Zwar wurden bei einer Untersuchung von Bart tragendem Krankenhauspersonal ebenfalls Bakterien entdeckt, jedoch kamen die Forscher zu dem Schluss, dass

die Wahrscheinlichkeit, bei Bartträgern resistente Keime auf der Haut zu finden, geringer sei als bei Menschen ohne Bart.

Vielmehr verfügen unrasierte und glatt rasierte Männer über eine ähnliche Besiedlungsdichte. Im Übrigen ist es wenig erstaunlich, dass in Albuquerque auch Darmbakterien in den Bärten gefunden wurden. Sie befinden sich auf vielen Dingen, die unser Leben begleiten, darunter auf Smartphones, Geldscheinen und –stücken sowie zahlreichen anderen Alltagsgegenständen.

Auch unsere Haut ist ein wahrer Tummelplatz für Bakterien: Rund tausend verschiedene Arten in 205 Gattungen fanden Forscher bei gesunden Menschen auf der Körperoberfläche. Die Mehrzahl von ihnen wurde übrigens auf den Unterarmen entdeckt, nicht im Gesicht oder den Achselhöhlen. Wissenschaftler wiesen auch darauf hin, dass Bakterien wie E. coli nicht direkt mit Exkrementen gleichzusetzen sind. Sie bezweifeln damit die Aussage aus New Mexiko, dass diese in Bärten gefunden wurden.

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Bakterien
Ein Mikroskop bringt erstaunliche Bilder zutage, die wir mit dem bloßen Auge nicht erkennen können.

Keine erhöhte Keimkonzentration

Vorbezeichnete Ausführungen beantworten unsere Titelfrage: „Bärte sind voller Keime – Wahrheit oder Mythos?“. Dass viel Aufheben um nichts gemacht wurde, bekräftigt auch die Haarpflegespezialistin Carol Walker, tätig am Birmingham Trichology Centre. Sie beschreibt Barthaare als stark gekräuselt und zieht einen Vergleich mit ineinander geschobenen Dachziegeln. Aufgrund dieser Struktur haften Bakterien leichter an ihnen als beispielsweise an Kopfhaaren.

Die Haarexpertin sieht keinerlei Anzeichen weder für eine erhöhte Keimkonzentration in Bärten noch für ein größeres Risiko für deren Gefährlichkeit als an anderen Körperstellen. Es gibt somit keinen Grund, sich aus Angst vor gesundheitlichen Problemen – weder bei Bartträgern selbst noch bei ihren Frauen – nunmehr von der Gesichtsbehaarung zu trennen.

Warum streichen Männer so oft über ihren Bart?

Grundsätzlich ist regelmäßiges Händewaschen die beste Vorsorge gegen eine Verbreitung von Krankheitskeimen. Ein Großteil der Männer mit Bart, vor allem mit einer üppigen Kinnversion, spielt oft selbstvergessen mit den Haaren. Es gibt unterschiedliche Meinungen, warum sie ihn so oft berühren. Einige sehen darin ein Zeichen von Nachdenklichkeit oder Nervosität. Sie behaupten sogar, dass Frauen darin ein Signal zum Flirten sehen.

Andere wiederum interpretieren das gedankenverlorene Streicheln des Bartes gänzlich anders. Ihrer Meinung nach finden es Männer einfach nur unglaublich toll. Sie reizen mit den Händen das feste, gekräuselte Haar und stimulieren so den somatosensorischen Cortex durch das Verhalten sowie die Textur des Bartes. Die einzige Bedeutung der häufigen Berührung des Prachtstückes sei, dass Männer es genießen, ihn zu besitzen.

 

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