Geld macht nicht glücklich – oder doch?

Glück kann man nicht kaufen, dieses Credo ist weit verbreitet. Und doch übt Geld einen großen Reiz aus und viele Menschen denken, wenn sie einmal reich sind, werden sie automatisch glücklich. Marcel Reich-Ranicki wird gerne mit einer Aussage zitiert, die er einmal gemacht hat: „Geld macht nicht glücklich, aber es ist besser, im Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“ Übersetzt bedeutet das wohl so viel wie: Geld ist nicht alles, aber ein gewisses Maß an finanziellen Mitteln sollte schon vorhanden sein, um das Leben angenehm zu gestalten. Also macht Geld irgendwie doch glücklich? Auf den Spuren einer Frage, die nicht nur Philosophen seit Langem beschäftigt…

Zwischen Belohnungssystem und Gewissen: Auf den Ursprung des Geldes kommt es an

Die Frage, ob Geld glücklich macht oder nicht, lässt sich nicht pauschal beantworten. Glück ist ein ebenso subjektives Empfinden wie die Definition von Reichtum. Wissenschaftler haben sich ausgiebig mit diesem philosophisch anmutenden Thema beschäftigt und herausgefunden, dass ganz konkrete Aspekte mit dafür verantwortlich sind, wie viel Glücksgefühl Geld auslösen kann.

Eine Studie mit dem Titel „Moral transgressions corrupt neural representations of value“ legt nahe, dass nicht unbedingt die individuelle Definition von Glück oder Reichtum für die Beantwortung der Frage relevant ist, sondern vielmehr der Ursprung des Geldes. Hier spielt das neuronale Belohnungssystem eine zentrale Rolle. Wurde der Reichtum auf eine Art und Weise generiert, der das individuelle Belohnungssystem anspricht, macht das Geld durchaus glücklich. Das bedeutet, dass wir mit einem ehrlich verdienten Gehalt zum Beispiel durchaus in gewissem Maße Glück und gute Gefühle kaufen können.

Dasselbe gilt für Geld, das auf ehrliche Weise gewonnen wurde. Glücksspiele basieren zum Beispiel darauf, dass ein Gewinn ganz gezielt das neuronale Belohnungssystem anspricht. Wenn wir also gerne in der Spielbank oder im Online Casinos Echtgeld setzen, tun wir dies, weil wir unterbewusst wissen, dass ein Geldgewinn sich positiv auf das Belohnungssystem auswirkt und damit wirklich glücklich macht.

Ganz anders sieht es mit Reichtümern aus, die auf unehrliche oder bewusst betrügerische Weise generiert wurden. Geldsegen, der uns unverdient zuteil wird oder wenn sogar der Nachteil oder Schaden eines anderen Menschen damit einhergeht, ruft das schlechte Gewissen auf den Plan. Natürlich ist das Empfinden hier an individuelle Moralvorstellungen gekoppelt, aber in den meisten Fällen ist der neurologische Reiz des schlechten Gewissens stärker als der Impuls für das Belohnungssystem, sodass die positiven Gefühle, die mit Geld einhergehen können, von den negativen Emotionen überlagert werden.

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Wichtig ist also nicht in erster Linie, wie viel Geld vorhanden ist oder welcher Wert materiellen Dingen und Reichtum im Leben beigemessen wird, sondern vielmehr, welchen Reiz der Erwerb oder der Besitz von Geld im Gehirn auslöst. Wissenschaftler sind sich übrigens weitgehend einig, dass das Glück, das durch die Stimulation des neuronalen Belohnungssystems erzeugt wird, nur von kurzer Dauer ist. Das Glücksgefühl ebbt schnell wieder ab. Langfristiges und tief empfundenes Glück lässt sich allein durch den Erwerb von Geld nicht generieren. Und doch schafft finanzielle Sicherheit die Grundlage für ein zufriedenes Leben.

Sicherheit im Alter als wesentlicher Faktor

Wenn es um langfristiges und tief empfundenes Glück geht, spielt Sicherheit eine große Rolle. Wer sich selbst und seine Angehörigen materiell gut versorgt weiß, empfindet meist Zufriedenheit, Sicherheit, inneren Frieden und damit auch Glück. Von zentraler Bedeutung für persönlich empfundenes Glück ist auch das Thema Sicherheit im Alter. Das hat eine aktuelle Studie im Auftrag der Initiative „7 Jahre länger“ ergeben. Im Rahmen der Studie wurde eine repräsentative Gruppe von Menschen der Altersgruppe über 60 zu ihrer Zufriedenheit befragt. Konkret ging es um sechs Kategorien: Freunde, Freizeit, Gesundheit, finanzielle Lage, Wohnsituation, Familie und Partnerschaft.

Wie die Auswertung ergab, ist die individuelle Bewertung der persönlichen Finanzsituation ebenso entscheidend für Zufriedenheit im Alter wie die Möglichkeit der Teilhabe am Leben und die finanzielle Absicherung in gesundheitlichen Fragen:

„Das Einkommen ist ein wesentlicher Faktor für das Glück im Alter. Der Einfluss reicht über die finanzielle Zufriedenheit hinaus“, sagt Studienleiter Elmar Brähler, emeritierter Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Leipzig. „Finanzielle Ressourcen erleichtern die gesellschaftliche Teilhabe, sei es durch die Nutzung von Kulturangeboten oder die Finanzierung von Urlauben und Hobbys. Auch die Gesundheitsvorsorge über Zusatzleistungen ist einkommensabhängig.“

(Quelle: https://www.gdv.de)

Wer hier frühzeitig vorsorgt oder aufgrund seines Einkommens sorgenfrei auf das Alter blicken kann, ist in der Regel zufriedener und glücklicher als Menschen mit geringem Einkommen, für die das Thema Altersarmut ohne zusätzliche Vorkehrungen besorgniserregend präsent ist. Unter anderem sind zum Beispiel auch Eigentümer von Immobilien glücklicher und zufriedener als Menschen, die in der Mitte ihres Lebens und darüber hinaus in einem Mietverhältnis wohnen. Immobilien bedeuten finanzielle Unabhängigkeit und sind eine zusätzliche Sicherheit im Hinblick auf das Alter.

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Wieviel Geld macht denn nun glücklich?

Geld macht also doch glücklich, zumindest unter bestimmten Umständen und in einem gewissen Rahmen. Tatsächlich lässt sich das sogar recht genau beziffern, wie einige Wissenschaftler behaupten.

Dass sich subjektives Glück im Zusammenhang mit Geld recht konkret in Zahlen fassen lässt, erkannte vor mehr als fünfzig Jahren schon Richard Easterlin, der in einer Langzeitstudie zwischen 1946 und 1970 die subjektive Lebenszufriedenheit der Amerikaner erforschte. Die Ergebnisse seiner Studie definierten das sogenannte Easterlin Paradox, das besagt, dass Geld durchaus glücklich macht, aber nur so lange, wie es die Grundbedürfnisse des Menschen nach einem schützenden Dach über dem Kopf, Nahrung und Kleidung befriedigt. Für Menschen, die am Existenzminimum oder sogar darunter leben, ist Geld gleichbedeutend mit Glück. Ist die Existenz gesichert, sodass Existenzsorgen der freien Entfaltung eines eigenen Lebensstils Platz machen können, ist für die meisten Menschen das Maximum an Glücksempfinden erreicht, das Geld auslösen kann.

Studien aus jüngerer Zeit knüpfen an diese Erkenntnisse an. Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und Ökonom Angus Deaton aus Amerika haben festgestellt: Kann das Jahreseinkommen von 15.000 auf 30.000 Euro verdoppelt werden, löst dies ein starkes Glücksempfinden aus. Ähnliches gilt für eine erneute Verdoppelung von 30.000 Euro auf 60.000 Euro. Damit ist wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge das Maximum an wirtschaftlichem Glück erreicht. Denn eine weitere Steigerung des Jahreseinkommen führt nicht mehr zu einer signifikanten Verbesserung des subjektiven Glücksempfindens, so die Studie. Selbst ein enormer Gehaltssprung auf ein Jahreseinkommen von 100.000 Euro oder mehr steigert die Zufriedenheit und das Lebensglück nicht mehr pauschal. Ab einem gewissen Punkt können großer Reichtum und Konsum sogar negative Auswirkungen auf die Lebenszufriedenheit haben. Der wissenschaftliche Fachbegriff hierfür lautet „abnehmender Grenznutzen“.

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Ein wenig anders gelagert sind die Dinge allerdings, wenn der zusätzliche Reichtum eingesetzt wird, um mehr Freizeit und Lebensqualität damit zu finanzieren, zum Beispiel in Form von Haushaltshilfen. Angus Deaton hat nämlich eine konkrete Theorie, warum Menschen mit 120.000 Euro Jahreseinkommen nicht mehr glücklicher sind als diejenigen, die mit 60.000 Euro das ermittelte Glücksmaximum erreicht haben:

„Vielleicht ist das die Schwelle, über der es Menschen nicht mehr möglich ist, das zu tun, was für das emotionale Wohlbefinden am meisten zählt: Zeit mit der Familie verbringen, Krankheit und Schmerz vermeiden oder die freie Zeit genießen.“

(Quelle: https://www.focus.de)

 

Freiheit oder Freizeit: Von der Ambivalenz des Reichtums

Großer Reichtum stellt sich in der Regel nicht von selbst ein. Wer 100.000 Euro und mehr pro Jahr verdienen möchte, muss dafür viele Arbeitsstunden, möglicherweise auch unregelmäßige Arbeitszeiten und einen Verlust an Freizeit und Lebensqualität akzeptieren. Die schönen Seiten des Lebens wie gemeinsame Zeit mit der Familie und Freunden, Hobbys und Entspannung bleiben dabei häufig auf der Strecke. Wissenschaftler sprechen deshalb von einer Ambivalenz des Reichtums. Der finanzielle Spielraum wird größer, während die empfundene Lebensqualität aufgrund mangelnder Ausgleiche und Entspannung abnimmt. Außerdem sind einkommensstarke Tätigkeiten häufig mit großer Verantwortung und einem hohen Stresslevel verbunden.

Eine gesunde Balance aus wirtschaftlicher Freiheit und persönlichem Freiraum, um die Sicherheit und den Komfort des eigenen Vermögens zu genießen, scheint die Antwort auf die Frage zu sein, ob Geld glücklich macht.

 

Foto: Jacob Lund / stock.adobe.com