Unplugged mit Samy Deluxe im Interview

        Samy Deluxe im Interview    

Wir sitzen heute mit Samy Deluxe im Berliner Soho House. Es ist draußen brühend heiß und Samy sitzt sehr entspannt uns gegenüber, um über sein neues Album SaMTV Unplugged zu reden, das am 31.08.2018 veröffentlicht wird. Aber wir sprechen mit ihm nicht nur über sein Album, sondern auch über 20 Jahre Karriere, Erfolge, Niederlagen und alles, was eben zu Samy gehört.
 

AJOURE´: Guten Morgen Samy, oder muss ich eher Guten Tag sagen, um 12 Uhr mittags?

Samy: (lacht) Eher guten Morgen. Ich versuche immer so lang wie möglich zu schlafen.

AJOURE´: Bevor es um dich geht, kommen wir erst mal zu dem, worauf sich Deutschland schon lange freut: Deinem MTV-Unplugged-Album, das Ende August erscheint. Es sind insgesamt vier Vinyls mit sage und schreibe 34 Tracks: Ziemlich viel BEST OF, oder?

Samy: Ja, wenn man so einen großen Katalog hat wie ich, ist das schon hart. Ich habe sechs Solo-Alben, zwei mit Dynamite Deluxe, zwei mit ASD und dann nochmal 6-7 Mixtapes. Dann sind noch die ganzen unglaublichen Features auf dem Unplugged-Album, die ja nicht direkt meine Songs sind, sondern von Künstlern, die mich gefeatured haben. Da kam natürlich jede Menge zusammen. Insgesamt haben wir 40 Tracks gespielt und sieben habe ich jetzt noch zurückgehalten, weil wir nicht mehr genug Zeit und Geld hatten, um das alles mischen und schneiden zu lassen. Wir hatten ursprünglich genug Geld, um 30 Songs zu produzieren, dann habe ich aus manchen Songs Medleys gemacht und das so hingekriegt, dass aus den 30 Songs dann die 34 geworden sind. Jetzt hoffe ich, dass alles cool läuft und dann können wir nochmal einen „Directors Cut“ machen, wo einfach noch eine halbe Stunde mehr zu sehen ist.

Von der Gesamtlänge haben wir jetzt auf der DVD und Blu-ray 2:50 h Film. Aber da ist auch im Gegensatz zu vielen anderen MTV Unplugged-Aufnahmen, die wirklich komplette Konzert-Filme sind, ein ca. zehnprozentiger Anteil Behind the Scenes, wie ist es entstanden und man ein bisschen was von den Proben. Ich fand es irgendwie cool, dass es auch ein bisschen Doku-Charakter hat und man nicht nur die ganze Zeit in dem Konzert sitzt. Wir haben drei Tage lang das Konzert gespielt und aus diesen drei Tagen habe ich mir ein Konzert zusammengeschnitten. Aber es hätte als reiner Konzertfilm ohne die Doku-Ebene für mich auch nicht funktioniert, weil ich eben dazwischen so viel geredet und lange Ansagen gemacht habe, dass man das so ätzend hätte schneiden müssen. Ich habe teilweise fünf Minuten lang zwischen den Songs geredet und ein halbes Stand-up-Comedy-Programm daraus gemacht. Es war schon witzig, aber am Ende funktionierte es jetzt fürs Album viel besser mit dem Flow, weil ich da, wo von einem Song zum anderen keine coolen moderierten Übergänge waren, jetzt einfach in eine andere Ebene springen konnte. Und das war auf jeden Fall leichter.

Samy Deluxe im Interview mit Tobias Bojko
Samy Deluxe im Interview mit Tobias Bojko

AJOURE´ Du hattest 15 hochkarätige Feature-Künstler mit dabei. Wie war die Zusammenarbeit? Gab es dabei besonders emotionale Momente?

Samy: Ja, die Feature-Gästeliste hat sich eben aus meiner Historie ergeben. Ich habe mich letztes Jahr hingesetzt und aufgeschrieben, was ich an Songs gerne drauf haben will und daraus hat sich meine Feature-Wunschliste ergeben. Und zum Glück haben auch alle zugesagt. Wir haben zusammen ein paar Songs gemacht, die noch nie gespielt wurden oder die es ewig lang schon gibt, wie zum Beispiel Malaria mit Stieber Twins und Max Herre. Das sind einfach so Momente, wo so eine andere Art von Herzklopfen entstanden ist.

Aber auch das Adriano-Ding mit Xavier Naidoo, das vor ein paar Tagen rausgekommen ist war so ein Moment, denn er war der Einzige der so halbwegs abgesagt hatte. Er hatte mich kurz vor der Aufzeichnung angerufen und gesagt, dass es wahrscheinlich nichts wird, da er privat verhindert ist und ich dann so: „Oh Gott!“ Dann hatte ich ihm nochmal geschrieben und gesagt dass Familiy immer first ist, aber er soll sich das gerade bei dem Song noch mal überlegen. Denn es ist eben nicht irgendein Pop-Hit, bei dem ich sein Goldkehlchen brauche, um eine Liebesmessage rüberzubringen, sondern das ist ein Song, der aktueller ist, als er in den letzten 20 Jahren je war. Er soll bitte versuchen alles zu tun, und dann hat er es auch geschafft und ist gekommen. Wir haben den Song auch tatsächlich nur einmal gespielt und danach musste er gleich weg. Aber das fand ich jedenfalls sehr schön.

AJOURE´: Wie kam die Songauswahl zustande und wie war die Organisation mit so vielen Künstlern?

Samy: Dadurch dass wir die drei Aufnahmetage hatten und den Zeitraum relativ früh wussten, war es dann alles machbar. Wir haben die Daten an alle Künstler und Managements rausgeschickt und dann kam auch gleich an den kommenden Tagen die Rückmeldung, wann wer Zeit hat. Also einfacher, als man sich das vorstellen würde. Es war tatsächlich fast schwerer, ein paar meiner eigenen Musiker zu bekommen, da ein Pianist und ein Drummer die Tage vor den Hauptproben noch in anderen Ländern auf Tour waren. Das war fast schwerer als die Superstars zu kriegen.

AJOURE`: Gibt es bei den vielen Songs, die du über die Jahre hinweg produziert hast, deinen persönlichen Lieblingssong?

Samy: Nein, eigentlich nicht. Ich habe so viel gemacht und ich bin nicht so der „Nach-hinten-schau“-Typ. Von den Songs, die ich jetzt auf dem Album habe, sind auf jeden Fall viele dabei, die auch fester Bestandteil meines Live-Repertoires sind und die ich immer spiele. Dann gibt es aber auch Sachen, die ich mit reingeholt habe, die ich noch nie live gespielt habe oder fast nie live spiele. Dementsprechend ist klar, dass es Songs gibt, die einem auf irgendeine Weise mehr geben als andere. Zum Beispiel gibt mir „Superheld“ jetzt inhaltlich mehr als meine Strophe bei „Füchse“, dafür hat „Füchse“ wiederum einen anderen Wert, denn es war mein erstes Ding, bei dem ich durch ein Feature bekannt wurde und mich alle Leute im Video gesehen haben. Deshalb ist es ein bisschen als wenn du mich fragst, welches deiner 34 Kinder jetzt dein Lieblingskind ist und welches das schlimmste. Das sagst du einfach nicht, da du alle liebst, aber klar hat man unterschiedliche Beziehungen.

Samy Deluxe

AJOURE´: Können wir uns nun auch auf eine Unplugged-Tour von dir freuen?

Samy: Genau ja, die Unplugged-Tour-Daten werden mit dem Release des Albums kommuniziert, das wird aber erst im nächsten Jahr sein, ich glaube ab März sind wir dann damit unterwegs.

AJOURE´: Du bist seit über 20 Jahren in sicherlich einer der härtesten Branchen im Geschäft. Hast du da auch Tage dabei, an denen du dir Gedanken machst, wie die Zukunft aussieht?

Samy: Ja definitiv, also auf die Zeit gerechnet auf jeden Fall schon. Ich habe das Glück bzw. den Vorteil, dass Musik machen immer mein Hobby geblieben ist und dass ich mir mein ganzes Leben so eingerichtet habe, im Gegensatz zu vielen Künstlern in meinem Alter, die jetzt einfach einen guten Lebensstandard haben und sich dann aber pro Album überlegen müssen, ob sie wieder ins Studio gehen. Ich habe mir einfach mein Studio geholt und mir da meine Wohnung reingebaut. So habe ich ein paar 100 qm reine Musikfläche zuhause, die sich auch so aufdrängt, dass sie genutzt werden will. Dementsprechend habe ich nicht so den Zyklus, dass ich nach dem Album jetzt erstmal chille und dann irgendwann auf Tour gehe.

Ich habe drei Wochen lang nach der Aufnahme des Unplugged-Albums sehr akribisch an der Nachbearbeitung gearbeitet. Dann war aber alles im Mix und im Schnitt und ich hatte nichts wirklich zu tun. Da habe ich im Mai ein komplett neues Album gemacht. Ich hatte auch vor dem Unplugged-Album schon an zwei weiteren Alben-Projekten gearbeitet, bei denen schon ein großer Teil von Songs da war. Ich produziere tierisch viel und mache viel Songwriting, ich habe also jeden Tag in meinem Studio als Musiker irgendetwas zu tun.

Dadurch habe ich so einen ganz anderen Flow und es hängt nicht mehr alles vom Namen Samy Deluxe ab. Ich weiß natürlich, dass das immer noch meine größte Einnahmequelle ist und das andere eher mein Hobby. Aber alleine dieses Gefühl, wenn du den ganzen Tag etwas machst und es hat nicht alles mit Rap zu tun und Selbstdarstellung und „Ey, ich bin der krasseste Rapper“, sondern du kannst auch zum Beispiel mal Songs für die Fantas oder Nena schreiben und die Leute fragen bei mir an, meine Talente in ihre Projekte mit einfließen zu lassen, da habe ich dann ein anderes Verhältnis dazu. Aber klar, man ist gezwungen, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen, wie lange das gehen kann.

AJOURE´: Würdest du sagen, das ist das Erfolgsrezept, sich so lange im Business zu halten? Gerade in einem Genre wie Hip-Hop?

Samy: Also für mich funktioniert es auf jeden Fall. Sobald ich angefangen habe, es mehr als Hobby zu sehen und noch viel mehr Spaß zu haben als die Jahre zuvor, als noch so ein latenter Druck mitschwang, habe ich auf einmal echt mehr Spaß gehabt und auch viel mehr Geld verdient. Meine letzten beiden Jahre sind mit Abstand meine bestverdienensten Jahre seit Anfang meiner Karriere und ich habe damals ja echt eine krasse Zeit miterlebt, wo 150.000 oder 200.000 Platten ganz normal waren. Und selbst ohne das habe ich es irgendwie geschafft, mit dem Gesamtbild und dem Ding, was ich mache, mehr Geld zu verdienen als damals.

Und deshalb ist es cool, aber man kann sich so etwas ja nicht aussuchen. Entweder du tickst so oder eben nicht. Die meisten Leute, die ich in meinem Alter kenne – ich bin 40 Jahre – die haben einfach eine Familie, das ist bei mir schon ziemlich früh passiert. Ich war mit 23 Jahren schon Vater und verheiratet, dann aber auch mit 30 Jahren schon wieder geschieden. Mein Sohn ist dann in die Staaten gezogen und dadurch hatte ich dann auch ein bisschen Freiheit. Auch wenn es mit das Schlimmste ist, was mir passiert ist, dass er weggezogen ist, bin ich auf irgendeine Weise dann der Typ, der aus Nachteilen versucht, Vorteile zu machen. Genauso wie ich als einziger Dunkelhäutiger in meinem Viertel aufgewachsen bin und mich mein ganzes Leben lang bis ich so 15-16 Jahre alt war, schlecht gefühlt habe, weil ich so ein Außenseiter war, aber irgendwann was daraus gemacht habe, weil ich aus meinem Anderssein wieder einen krassen Vorteil den anderen gegenüber habe. Und wenn ich jetzt schaue, was mit den ganzen Leuten ist, die mich damals komisch behandelt haben oder so, die führen auf jeden Fall keine glücklicheren oder erfolgreicheren Leben als ich. Dann hat man das vielleicht ein wenig als Genugtuung.

AJOURE´: Wie sehr hat sich der Hip-Hop in den letzten 20 Jahren verändert?

Samy: Genauso wie die Welt, glaube ich. Hip-hop ist einfach so eine Extension vom realen Leben, was auch immer das reale Leben beinhaltet. Natürlich auch unreale Sachen, aber ich glaube, Sachen verändern sich einfach so. Ich bin persönlich nicht so der Typ, der denkt, damals war es besser oder heute ist es besser, sondern ich glaube, Sachen verändern sich und in diesem Anders verändern sich dann manchmal die Gewichtungen von Gut und Schlecht. Also was gut und was schlecht ist oder was ist besser und was ist schlechter.

Aber wenn ich das auf Hip-Hop oder auch auf Sachen in der Welt beziehe, gibt es Dinge, die damals schlechter waren und heute besser sind, andersrum aber auch. Zum Beispiel konnte damals im Hip-Hop keiner Geld verdienen und selbst als Geld reinkam, waren wir alle so auf “keep it real“ und nicht über Geld reden, das wir alle haben. Fast alle, die ich aus der ersten Generation der „Großverdiener“ im Hip-Hop kenne, hatten mit Steuerschulden zu kämpfen, weil man irgendwie denkt, es ist eine Unart, sich mit Geld auseinanderzusetzen. Ein paar Jahre später checkst du aber, durch mich wird ja aber Geld verdient, deshalb sollte dementsprechend auch viel bei mir hängenbleiben, wenn alles durch mein Namen generiert wird.

Das ist jetzt besser für die Kids, wenn die anfangen, haben sie einfach mehr Business Savvy und Know-how. Auf der anderen Seite war das schöne Naive, das wir in der Hip-Hop-Szene hatten, auch voll nice, dass wir es jahrelang gemacht haben, ohne überhaupt einen Cent dafür zu kriegen. Ich habe zwischen 1995 und 2000, als unser erstes Album rauskam, Hunderte von Konzerten für maximal die Fahrkosten gespielt. Ich kann mich an keine einzige Gage erinnern, bei der wirklich mal mehr als 20 Euro bzw. D-Mark hängengeblieben wären.

Und das glaube ich, ist heute für die Kids schwer, denn sobald du irgendwas anfängst, auch wenn eine Leidenschaft mitschwingt, haben die aber das schon jetzt im Kopf, dass es ein Business ist. Die sehen zum Beispiel Kollegah und Farid, die verkaufen Hunderttausende, und dann ist das auch deren Ziel. Und wenn dann in den ersten 2-3 Jahren ihrer Karriere materiell nicht irgendwas Krasses passiert, dann wird auch die Leidenschaft schwinden. Das konnte bei uns damals nicht passieren, weil wir wirklich nicht von Geld ausgegangen sind.

AJOURE´: Leidet darunter aber nicht auch die Musik und die Kunst?

Samy: Ja, bei manchen eben. Deswegen gibt es viel Kram, der nicht cool ist, aber ich glaube insgesamt gibt es krasse Künstler, Rapper und viele neue Talente, Kids, die Evolutionsschritte quasi überspringen und die mit 17 Jahren jetzt schon irgendwo da sind, wo ich vielleicht mit 30 Jahren war. Also es gibt schon viel geile Kunst, aber natürlich muss man auch gerade jetzt in dem Zeitalter, wo so viel rauskommt – jede Woche alleine in Deutschland bestimmt 20 neue nationale Rap-Alben – da muss man dann schon ein bisschen aussuchen.

Samy Deluxe

AJOURE´: Wir wissen, dass dir der Hip-Hop in der Jungend ziemlich viele Werte vermittelt hat. Würdest du das über den heutigen Hip-Hop auch noch sagen können, dass er Werte vermittelt?

Samy: Es kommt darauf an, die Auslegung der Sachen ändert sich manchmal durch einzelne Personen, Trends oder Phasen, aber ich glaube, an sich kannst du zum Beispiel in meinem Verein bei DeluxeKidz von mir und meinen Breakdance- und Graffiti-Coaches immer noch „DIE“ Hip-Hop-Werte lernen. Aber klar, wenn du jetzt 16 Jahre alt bist und nur 187 Strassenbande hörst, wirst du irgendwelche anderen Werte vermittelt kriegen.

Ich will es jetzt nicht beurteilen, welche Werte für die Jugendentwicklung besser sind, aber Werte werden da auch vermittelt. Ob es gleich gut ist oder schlimmer, ist dann eben so eine Frage. Ich meine, ich habe damals „Grüne Brille“ geschrieben, das ist bis heute noch eine der krassesten Kiffer-Hymnen in Deutschland und hatte zwischenzeitlich deshalb auch mal einen Gewissenskonflikt. Und irgendwann dachte ich auch, Scheiß drauf, weil sich dann auch diese Szene so entwickelte, dass ich auf einmal so der Über-Samariter wurde, voll der Gutmensch im Gegensatz zu den ganzen anderen Gangstern.

AJOURE´: Hörst du im Privaten überwiegend Hip-Hop oder gibt es auch andere Musik-Genres, die dich immer wieder begeistern?

Samy: Nein, ich habe schon immer viel Musik mit Gesang gehört. In den Neunzigern habe ich viel Hip-Hop, R&B, Soul und Reggae gehört und ein bisschen ist es eigentlich auch so geblieben. Aber ich höre schon echt viel unterschiedliche Musik, auch Pop-Musik. Ich bin als Kind noch vor Hip-Hop mit Musik aus dem Radio aufgewachsen. Das heißt, ich kenne wohl jeden 80er und 90er Pop-Song auswendig. Von daher habe ich schon ein großes musikalisches Spektrum, was man glaube ich auch in meiner Musik hört. Gerade, wenn man das Unplugged-Album hört, dann checkt man, dass da verschiedene Einflüsse mit reingekommen sind.

AJOURE´: Du hast in deinem Leben schon eine Art „Extrem Achterbahn“ durchgemacht. Um es kurz zusammenzufassen: Du hast als junger Mensch für die Musik die Schule abgebrochen, auch mal eine Zeit lang Arbeitslosengeld bezogen, dann kam der Durchbruch mit Jan Delay, Beginner und Eimsbush und du hast plötzlich Millionen verdient. Daraufhin kam das Finanzamt und du musstest jahrelang Schulden begleichen. Wenn du zurückdenkst, würdest du etwas anders machen? Oder sind Geschichten, die das Leben schreibt, immer Geschichten, die auch gelebt werden müssen? #karma

Samy: In meinen Fall denke ich wahrscheinlich schon, aber wir haben auch sehr viele neue Künstler, und denen versuchen wir strukturell von Anfang an das so mitzugeben, damit das bei ihnen nicht so passiert. Ich bin mir nicht sicher, wie viele von 100 Leuten es schaffen würden, sich mit so vielen Schulden nochmal auf Null zu arbeiten und dann wieder so hoch zu kommen, dass sie irgendwann mit 40 Jahren sagen können, sie verdienen jetzt mehr als je zuvor. Ich glaube, dazu braucht man schon viel Power und Leidenschaft. Da muss sich auch Vieles überschneiden, damit es so gut geht.

Ich würde jetzt versuchen, jungen Leuten auf jeden Fall immer zu raten, dass man, wenn man in dieses Business geht, sich von Anfang an auch mit den Business-Aspekten befasst und einen Plan macht. Ich glaube, es ist ganz normal, dass wenn jemand in die Situation kommt, dass es auf einmal läuft, er glaubt, dass es für ihn immer auf diesem Level so weitergeht. Das habe ich schon bei so vielen Leuten gesehen, aber dann läuft es meistens nur ein oder zwei Alben und Kampagnen lang so gut und irgendwann ist einfach der neue Trend da.

Selbst international haben wir das so, wie zum Beispiel bei 50 Cent, da dachte man, es wird nie ein größerer Rapper kommen. Das waren zwei Alben und dann war das Thema durch. Der ist zwar immer noch tierisch reich, aber nicht durch Musik, und in der Musikwelt spielt er auch eigentlich keine Rolle mehr. Er macht jetzt Fernsehen und hat damals mit den komischen Drinks sein Geld gemacht, also Business-Moves macht er schon super. Aber man muss eben echt sehen, dass die Zeit, die einem als Musiker gegeben wird, oft nicht so lange ist. Je nachdem, wie vielleicht auch deine Bandbreite ist, was du selber abliefern kannst. Ich habe da eben auch stilmäßig, inhaltsmäßig und skilltechnisch eine tierische Bandbreite, dass ich unterschiedliche Sachen machen kann und trotzdem noch ein roter Faden dringeblieben zu sein scheint.

Samy Deluxe

AJOURE´: Wenn du heute einen Spruch auf das Brandenburger Tor sprayen dürftest, welcher wäre es?

Samy: Oh, wenn ich irgendwo was hinsprühe, dann sprühe ich am liebsten meinen Namen dagegen, weil das so die Hip-Hop-Art ist. Man hinterlässt einfach so seine Marke, aber an sich, wenn es um eine Message gehen würde, dann mag ich gerade im Streetart eher die simple Symbolik, also sowas wie Liebe oder Herzen. Ich würde jetzt zum Beispiel nicht sowas wie: „Bekämpfe das kapitalistische System in all seinen Facetten“ sprayen. Ich meine, wenn dir was derbe auf der Seele brennt, dann schreib was immer du willst hin. Aber ich mag eher Messages, die irgendwie so leicht naiv und süß sind, ich finde das dann geiler, als was krass intellektuell Forderndes. Ich denke, Kunst sollte entweder, wenn die Message deep ist, subtil sein und wenn es plakativ ist, dann sollte es ein gutes Gefühl auslösen.

AJOURE´: Was ist die größte Schwäche, die du hast?

Samy: Ich weiß gar nicht, warum ich mich selber so betrachten sollte. Das ist vielleicht auch so ein Ding, was mich an Menschen an sich nervt: Meine größte Stärke, meine größte Schwäche… Ich glaube, ich bin viel zu intuitiv und viel zu sehr im Moment. Ich hab mich gar nicht so krass definiert.

AJOURE´: Dann wird dir die nächste Frage auch nicht gefallen: Was ist die größte Stärke an dir?

Samy: (schmunzelt) Dass ich keine Schwächen habe, dass ich meine Schwächen nicht kenne (lacht)

AJOURE´: Gibt es eine Botschaft, die du durchs Leben trägst?

Samy: Ja, ich glaube an Selbstverwirklichung. Ich mag einfach Leute und Umstände, die einen dazu bringen, sich selbst zu verwirklichen, und zwar immer wieder. Für mich ist das nicht nur so ein einzelnes Ding. Also zum Beispiel nicht: Ich habe mich mit 20 Jahren selbst verwirklicht, bin Rapper geworden und lebe jetzt einen 20 Jahre alten Traum. Sondern einfach jedes Jahr wieder schauen, was sind die Sachen in der Lebensphase, in der man jetzt ist, die einen triggern, bei denen man wirklich irgendwas fühlt und wo ein Excitement da ist. Und dann kann man mit dem Flow einfach gehen.

AJOURE´: Die perfekten Worte am Ende des Interviews. Herzlichen Dank für deine Zeit und ehrlichen Worte.

Samy: Sehr gerne.

 

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Fotos: Janick Zebrowski; Pascal Kerouche, AJOURE´ Redaktion

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