Tim Oliver Schultz – Authentischer geht es nicht

        Tim Oliver Schulz    

Wir hatten im Laufe der Jahre viele Interviews mit Schauspielern und Musikern, doch selten war jemand so sympathisch und voller Elan wie Tim Oliver Schultz. Jung, frech, lustig und durch und durch belesen. Er lebt seinen Beruf, liebt seine Familie und Freunde, kocht für sein Leben gern und steht auf sein WG-Leben in Berlin-Schöneberg. Auch nach beinahe zwanzig Jahren Berufserfahrung ist er noch immer aufgeregt, wenn ein neuer Kinofilm mit ihm an den Start geht. Er stapelt trotz 250.000 Follower auf Instagram und 130.000 Facebook-Fans tief und erfreut sich über die Kleinigkeiten im Leben, weiß sich selbst perfekt einzuschätzen und legt größten Wert auf Authentizität. Wir haben uns Tim kurz vor dem „Heilstätten“-Start am 22. Februar 2018 geschnappt und ihn mit Fragen gelöchert.

Ajouré: Der Kinostart von „Heilstätten“ steht vor der Tür. Wie aufgeregt bist du? Oder hast du dich auf Grund deiner langjährigen Karriere und Erfahrung bereits an das ganze Drumherum vor einem Kinostart gewöhnt?

Tim: Ich bin schon aufgeregter als sonst, ich habe den Film ja selbst noch nicht gesehen, denn ich war in München beim Dreh, als er meinen Kollegen von Heilstätten gezeigt wurde. Ich freue mich also total, den Film endlich zu sehen. Besonders deshalb, da der Film ein Genre ist, das man nicht jeden Tag sieht. Es ist einfach ein Film, der sich etwas traut und darum freue ich mich besonders. Zum Start selbst muss ich sagen, ich glaube nicht, dass es ein Film ist, der die Zweimillionen-Marke knackt. Aber ich würde mich natürlich super freuen, wenn die Besucher ihn toll finden, denn wir haben sehr viel Herzblut reingesteckt.

Ajouré: In Heilstätten geht es um eine Gruppe mehr und weniger erfolgreicher YouTuber, die eine 24 Stunden-Challenge in den sagenumwobenen Heilstätten abhalten. Wir möchten an dieser Stelle natürlich nicht zu sehr spoilern, würden aber doch gerne wissen, ob du im echten Leben auch zu so einer Art Challenge an solch einem Ort bereit wärst.

Tim: (lacht…) Ich habe, als ich für den Film zugesagt habe, nicht gewusst, was eine YouTube-Challenge ist. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, habe mich dann mal informiert und fand das sehr spannend. Heute würde ich sagen, dass ich solch eine Challenge sofort machen würde. Ich würde es nicht zwingend filmen oder bei YouTube preisgeben, aber wenn Freunde sagen würden: „Lass mal in einen Bunker gehen und dort eine Nacht bleiben, denn da gibt’s gruselige Aktivitäten“, dann finde ich das ziemlich spannend und hätte da auch echt Bock drauf.

Tim Oliver Schulz

Ajouré: Diese Frage stellten wir auch deiner Schauspielerkollegin Nilam Farooq, die mit dir zusammen eine tragende Rolle spielt. „Heilstätten“ ist seit langem mal wieder ein deutscher Kinofilm, der die Genres Horror und Thriller bedient. Der Trailer sieht toll aus und auch der Film, den wir bereits sehen durften, hat es in sich. Nicht umsonst prägt den Trailer das Hashtag #TraustDuDich. Über die Heilstätten, die sich kurz außerhalb Berlins befinden, werden viele gruselige Geschichten erzählt. Einst eine Vorzeige-Tuberkulose-Klinik, dann kam der Krieg, die Sowjets rückten ein und heute sind die Heilstätten neben einer gern genutzten Location für Film und Foto auch Schauplatz einiger Verbrechen, sowie ein Ort, von dem viele Menschen berichten, es würde spuken. Wie gruselig war es für dich, in den Heilstätten zu drehen und glaubst du an die Geistergeschichten, die sich um diesen Ort ranken?

Tim: Also was vor Ort beim Dreh passiert ist, war schon mind-blowing und teilweise sehr grenzwertig, was wir dort erlebt haben. Ich glaube auch ohne Heilstätten an Übernatürliches und dass Dinge passieren, die wir nicht erklären können und somit Geister dafür verantwortlich gemacht werden. Und bei Orten, die so eine Aura haben, sei es durch Ruhe, irgendwelche Vögel, die darüber kreisen oder ein Wald, der spooky aussieht, oder vielleicht sogar Ruinen und deren abbröckelnde Wände, wird das Gefühl von Übernatürlichem natürlich gefördert. Ich verstehe durchaus, weshalb Leute dann sagen, dass es dort spuken würde. Und da alle diese Punkte bei den Heilstätten zusammenkommen, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass dort Dinge passieren, die wir als Spuken bezeichnen würden.

Wir haken nach: Ist dir denn beim Dreh etwas aufgefallen oder passiert?

Irgendwann bin ich von dem Ort, wo sich der Großteil des Teams befand, zurückgelaufen. Ich hatte Feierabend, es war mitten in der Nacht und bin zurück zur Basis gelaufen, wo Maske und so war. Ich hatte mein Handy als Taschenlampe dabei, und dann ging der Akku leer. Es war wie im Film! Dann lief ich da lang und habe nichts mehr gesehen. Du hörst natürlich irgendwelche komischen Geräusche und fragst dich, woher das kommt, denn du siehst dort nachts einfach gar nichts. Null. Und wenn du dann noch durch dieses krasse und gruselige Gebäude läufst, dann wird dir schon anders.

Ajouré: Zum Heilstätten-Hashtag #TraustDuDich: Wovor hast du persönlich am meisten Angst?

Tim: Hmm… Also was so Phobien angeht, sind Spinnen das Schlimmste was geht. Ich finde Spinnen tatsächlich richtig schlimm. Ich kann dann auch echt aufspringen und kreischen (lacht). Aber ansonsten ist es vielmehr sowas wie Verlustangst von Leuten, die mir nahestehen. Und dann noch eine Art Angst vor dem Versagen. Ich glaube letzteres ist eine Art Berufskrankheit als Schauspieler, dass man denkt, man ist nicht gut genug. Ich werde für das, was ich in mir drinnen habe, bezahlt, bewertet und engagiert. Und wenn das nicht mehr so funktioniert, dann habe ich halt verkackt. In solche Ängste kann ich mich reinsteigern, das ist total furchtbar.

Tim Oliver Schulz

Ajouré: Du hast bereits als Zwölfjähriger mit der Schauspielerei begonnen. Wenn wir mal an Angus Jones (Two And A Half Men) oder Macauley Culkin (Kevin – Allein zu Haus) denken, die als Kind ebenfalls super erfolgreich waren und dann diverse Abstürze hinter sich haben, hast du manchmal Angst, dass auch dir so etwas passieren könnte?

Tim: Ehrlich gesagt nicht. Ich weiß nicht, weshalb ich in diesem Punkt so selbstbewusst bin, aber ich würde sagen, ich habe ein ganz gutes Standing und weiß, dass ich im nächsten Jahr nicht denke, dass ich es geschafft habe oder ich der Größte sei und könne mir alles erlauben. So war ich auch nie. Andererseits bin ich mit 10 Jahren in eine Agentur gekommen und hatte einige kleinere Rollen und mit 12 Jahren dann die erste große. Im Alter von 14 war ich schon scheiße, muss ich sagen. Das würde aber, glaube ich, fast jeder pubertierende Jugendliche von sich behaupten. Es war halt eine sehr assige Phase, ich weiß aber nicht, ob die durch die Schauspielerei kam oder begünstigt wurde, oder ob es einfach nur die Hormone waren. Heute habe ich aber einen Familien- und Freundeskreis um mich herum, der so cool ist, dass ich genau weiß, dass ich nicht abstürzen werde oder kann, denn meine Freunde und Familie sind echt richtig gut. Ich habe auch keine Angst in irgendwelche Drogenexzesse zu geraten, denn dafür bin ich überhaupt kein Typ.

Ajouré: Du hast mit deinen 29 Jahren beruflich bereits sehr viel erreicht. Deine Filmografie liest sich wie die Datenbank von der iTunes-Filmbibliothek, denn ein Film reiht sich an den nächsten. Wohin soll deine Reise gehen? Hast du beruflich denn noch irgendeinen Wunsch oder Traum offen?

Tim: Klar! Ich würde niemals von mir behaupten, dass ich alles erreicht habe, denn man will immer mehr und auch immer größer werden. Als ich vor 19 Jahren angefangen habe, hätte ich mir nie erträumen lassen, wo ich jetzt bin. Aber einfach nur, weil es nicht mein Traum war, sondern weil ich es einfach habe laufen lassen. Ich bin immer meinen Instinkten gefolgt und die haben mich dahin geführt, wo ich heute bin. Ich möchte gerne einen wahnsinnig schönen Liebesfilm machen, ich möchte gerne etwas Historisches machen, sowie eine Biographie und Theater, aber gerade für letzteres fehlt mir einfach die Zeit, denn ich kann nicht ein ganzes Jahr aus der Schauspielerei raus.

Ich habe also noch ganz viele Träume, die ich gerne probieren und erleben möchte. Aber im Endeffekt kann man als nächstes nur machen, was der Instinkt und das Bauchgefühl zulässt. Es ist natürlich ein Traum, wenn man sich die Serien und Filme selbst rauspicken kann, aber so ist es bei mir einfach nicht. Ich bin aber total glücklich wie es läuft und dass ich meine Miete zahlen kann und nicht jeden Job annehmen muss, der kommt.

Der offizielle Kinotrailer zu Heilstätten!

 
Ajouré: Die BZ schreibt über dich, du wärst zu schüchtern, um Mädels anzusprechen. Dein Instagram zeigt allerdings alles andere als einen schüchternen Tim. Wer lügt?

Tim: Ich glaube, beide lügen (lacht). Ich würde niemals behaupten, dass das, was mein Instagram-Profil zeigt, wahrhaftig ist, denn jeder sieht darin ja etwas Anderes. Ich mache die Bilder selbst, schreibe die Texte dazu und stelle sie auch selber rein, aber das ist wirklich kein selbstbewusster Typ, der da zu sehen ist. Ich mache irgendwelche Bilder, von denen ich denke, dass sie nett und authentisch sind und poste nicht in irgendwelchen Autos, die mir nicht gehören oder mit Mädels, die ich nicht angesprochen habe.

Ich habe aber in einer Bar auch so noch nie ein Mädel angesprochen mit: „Hallo, ich bin Tim, möchtest du was trinken?“ Vielleicht kommt der Moment ja noch zu irgendeiner Zeit des Abends. Ich bin momentan sowieso einfach glücklich, so wie es ist. Auf der anderen Seite freue ich mich aber auch immer sehr über Fanpost, die ich nach Hause geschickt bekomme. Da sind dann manchmal auch Telefonnummern und kleine Bildchen drin. Das finde ich super-süß. Aber ich habe noch nie jemanden davon zurückgerufen.

Ajouré: Für jeden kommt irgendwann die Zeit, in der man auch mal abschalten muss. Wie stellst du das für dich am besten an? Urlaub, Bücher, Familie?

Tim: Also am geilsten ist einfach Urlaub. Aber so oft komme ich nicht dazu, weil immer etwas anderes dazwischenkommt. Ob es entweder eine fuc#%/“$ Steuererklärung ist, ein Casting oder ein Dreh, Familientreffen und so weiter. Darum komme ich leider momentan noch nicht so viel in den Urlaub. Ich mache aber sehr gerne Sport, treffe mich mit Freunden und vor allem koche ich sehr gerne. Gerade beim Kochen kann ich gut abschalten, selbst wenn es nur ´ne Gemüsebrühe ist. Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen und ablenken.

Tim Oliver Schulz

Ajouré: Du sagst von dir selbst, dass du Berlin lieben würdest. Deshalb habe ich drei Sätze über Berlin für dich, die du kurz und knapp beenden kannst:

Berliner Wetter ist… ätzend!
Berlins schönster Platz ist… der Kiez. Wenn man seinen Kiez gefunden hat, hat man Berlin verstanden und einen Ort, wo man sich wohlfühlt.
Berlin ich liebe dich, weil… du dich traust, so wunderschön hässlich zu sein.

10: Wir wissen, dass du dich in deiner Freizeit auch mit gesellschaftskritischen Themen beschäftigst. Unter anderem überlegst du dir, was Männlichkeit heutzutage ist und was den Mann von heute überhaupt aus macht. Zu welchen Erkenntnissen bist du da bisher gekommen?

Tim: Ich finde, die Frage gewinnt immer mehr an Gewicht. Was ist männlich? Wie wachsen wir auf? Und was sind diese ganzen Attribute zum Thema „männlich“, die man noch vor 20 Jahren benannt hätte, im Vergleich zu heute? Damals hieß es, der Mann müsse stark sein, kräftig sein, eine eigene Meinung haben und die Richtung angeben. Wenn man aber jetzt 1000 Frauen fragen würde, was diese denn von ihrem Mann wollen, dann kommen wahrscheinlich von 950 Frauen völlig unterschiedliche Antworten, als das, was wir Männer als männlich bezeichnen würden.

Ich persönlich finde, dass der Mann in den letzten Jahren in eine ganz große Krise gerutscht ist, was die Männlichkeit angeht. Man muss sich also überlegen, was Männlichkeit genau bedeutet und was man von uns will. Wir müssen einfühlsam sein und Gleichberechtigung ist immer mehr so ein Ding, von dem wir sagen, wir sehen das auch so, aber andererseits macht das etwas mit uns, das uns irgendwo rausschiebt. Es schiebt uns sprichwörtlich also aus unseren Männerschuhen, obwohl wir in denen gerne noch stehenbleiben würden.

Wenn ich zum Beispiel mit Jungs zusammen bin, dann reden wir ganz anders untereinander und über unterschiedliche Themen, als wenn Frauen dabei wären. Viele von uns sind ja ohne wirkliche Vaterfigur aufgewachsen, denn der war immer bis spät abends arbeiten und unsere Mütter waren zuhause. Wir hatten also keinen erwachsenen Mann an unserer Seite, der uns an die Hand nimmt und sagt: „Schau Junge, du bist ein Mann, du musst das so und so machen.“ Heute ist es so, dass Männer aber durchaus auch Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen.

Das beschäftigt mich alles sehr und darüber würde ich tatsächlich gerne mal mit den richtigen Personen sprechen. Ich denke, die moderne „Männlichkeit 2018“ liegt darin, dass wir alle diese Dinge von heute und damals hinterfragen können. Wir können uns die Frage selbst stellen, ob wir etwas männlich finden und ob wir uns damit wohlfühlen. Dies alles aussprechen zu können und Zugang zu seinen Gefühlen zu haben, das ist für mich eine neugewordene Männlichkeit von heute, die es damals so nicht gab. Diese ganzen Machos, die man so kennt, die funktionieren ja so nicht mehr wirklich. Natürlich ist es so, dass der Macho sozusagen irgendetwas mit den Frauen macht. Sie fühlen sich geborgen und so, aber so richtig wünschen tun sich die Frauen so einen Mann glaube ich nicht.

Ich bin ja ein super gefühlsduseliger Mensch, der bei seiner Mutter großgeworden ist, da mein Vater bis spät abends gearbeitet hat. Ich bin ein Harmoniemensch, der immer denkt, dass alles schön sein muss. Bin ich dann aber mit ein paar Typen zusammen, mit denen ich damals ein paar wilde Abende hatte, dann falle ich sofort zurück in meine instinktive Männlichkeit, wie Jungs untereinander halt so sind.

Gerade habe ich gehört, dass man Jungs in Kindergärten verbietet sich zu raufen. Man nimmt die beiden Jungs auseinander und sagt ihnen „vertragt euch“. Und ich sage dazu klar „NEIN!“ Jungs haben immer schon gerauft. Lasst die sich raufen. So hat man auch schon früher auf dem Bauernhof als Kind Probleme gelöst. Man musste sich nicht hinsetzen und sich zusammenreißen. Dann bekommt man heute am besten noch Ritalin für diese Kinder, und sie dürfen nicht mehr männlich sein und das auskämpfen. Es ist ein langes Thema, was mich sehr interessiert und worüber ich gerne mehr sprechen würde.

Ajouré: Auf was dürfen wir uns als nächstes von dir freuen? Steht für 2018 bereits etwas Neues an, über das du bereits sprechen darfst?

Tim: Es stehen einige Sachen an, über die ich nicht spreche möchte, weil sie einfach noch nicht spruchreif sind. Und es kommt ein ganz geiler Fernsehfilm in der ARD raus, in dem ich einen blinden Musiker spiele. Hier habe ich die Lieder auch selbst aufgenommen. Dann kommt noch Benjamin Blümchen mit mir raus, was auch sehr cool ist. Da spiele ich auch Gitarre und Musik, und darauf freue ich mich total. Ich kann zwar eigentlich nicht gut Gitarre spielen, wenn überhaupt nur drei oder vier Akkorde, aber für die Filme war es gut und es hat unglaublich viel Spaß gemacht.

Lieber Tim, vielen Dank für dieses ausgiebige, smarte und gleichzeitig so lustige Interview. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen und drücken die Daumen für den Kinostart von „Heilstätten“.

 

Fotos: KeremBakir; Nynja Dzdok van Heel; G-Star RAW

1 Kommentar
  1. Ein super interessantes und total ehrliches Interview.
    Ich finde Tim Oliver Schultz klasse, weil er einfach so natürlich und authentisch wirkt.
    Das konnte ich in Ihrem Interview wieder feststellen und sage, vielen Dank dafür!

Dein Kommentar dazu Abbrechen

Deine E-mail Adresse wird nicht veröffentlicht.