Rolf Scheider: „Pariser holen aus allem noch das gewisse Extra heraus“

        Rolf Scheider    

Wir trafen den sympathischen Casting Director zum Interview in seiner Agentur und entlocktem ihm so manche Erinnerung an seine Zeit in Paris. Bei der Gelegenheit haben wir uns auch gleich noch ein paar Tipps von ihm geholt, was in keinem gut geführten Kleiderschrank fehlen darf.

 

¬ Ajouré: Seit bereits mehr als 40 Jahren bist du schon Casting Director. Was war das bisher spannendste Casting/Projekt?

¬ Rolf: Ich habe mittlerweile sicher schon an die 4.000 Castings gemacht und kann mich auch gar nicht mehr an alle so genau erinnern. Für eine Automarke habe ich einmal weltweit Zwillinge gecastet, die komplett unterschiedliche Charaktere haben sollten. Das war super interessant, hat zwar Monate lang gedauert, aber dafür ging es eben auch um die Welt.

Eine ganze Zeit lang habe ich auch die Models für die Dove-Werbung gecastet. Eigentlich ist jedes Casting super interessant, solange es abwechslungsreich ist. Interessant sind vor allem die Castings, die schon ein Story Board mit Tiefgang haben. Ansonsten ist jedes Casting auch immer wieder eine neue Challenge. Man muss die Models, Schauspieler, People an das Thema ranführen und mit ihnen die Rollen auch schon durchspielen, sie motivieren und das Beste aus ihnen herausholen. Das ist nicht nur ein einfaches „Hallo“ und „Stell dich mal kurz vor!“, sondern da steckt viel Arbeit dahinter. Das Tolle an dem Job ist, dass er super kreativ ist.
 

¬ Ajouré: Wie bist du eigentlich zu dem Beruf gekommen?

¬ Rolf: Eigentlich bin ich gelernter Großhandelskaufmann im Butter-Eier-Käse-Bereich. Ich habe dann auch noch einen Abschluss als Kosmetiker gemacht, wodurch ich Visagist geworden bin und nach Paris gegangen bin. Dort und in Mailand habe ich dann selber als Model gearbeitet. Vom Modeln ging es für mich dann beruflich in einer Model-Agentur weiter, wo ich Booker war und habe dann meine eigene Agentur aufgemacht. Ich habe ein gezieltes Auge dafür, wer Talent hat und es weit schaffen kann.
 

¬ Ajouré: Heutzutage lösen Celebrities und Influencer ja oftmals das klassische Model ab …

¬ Rolf: Ja, das stimmt. Die großen Werbungen werden tatsächlich in erster Linie mit Celebrities besetzt und mittlerweile auch mit Influencern. Heutzutage werden Models beim Casting auch direkt nach ihrer Anzahl an Follower gefragt. Durch das Internet hat sich das alles geändert. Von diesen zehntausenden Models, die es auf der Welt gibt, können vielleicht gerade einmal nur maximal 20 % davon leben.
 

Rolf Scheider

 

¬ Ajouré: Du hast lange Zeit in Paris gelebt und mit vielen Mode-Größen zusammengearbeitet. Wie war diese Zeit für dich?

¬ Rolf: 1975 bin ich in Paris angekommen – da lebten auch noch all die großen Modeschöpfer und sie alle hatten ihr eigenes Modehaus, wie beispielsweise Ungaro, Yves Saint Laurent und Sonia Rykiel. Während der Zeit habe ich auch als Modekorrespondent gearbeitet und habe für die Fashion-Produktionen die Kollektionen in den Häusern ausgesucht. Ich habe Yves Saint Laurent zwar nicht persönlich gekannt, aber wenn man sein Modehaus betrat, konnte man ihn vor Ort auch antreffen. Dort gab es für die wohlhabenden Kundinnen jeden Nachmittag auch noch Haute Couture-Shows mit richtigen Kabinen-Models. Das war schon eine tolle Zeit und ich habe noch all diese Erinnerungen daran – z.B. wie ich mit Gianni Versace bei einer Show Backstage stand und mir Gisele Bündchen dann ihren kleinen Hund in die Hand drückte, damit ich mit ihm Gassi gehe. Ich habe aber auch viele andere unvergessliche Backstage-Momente mit Topmodels wie Claudia Schiffer, Linda Evangelista, Nadja Auermann, Naomi Campbell oder Kirsten McMenany gehabt.
 

¬ Ajouré: Was kann man sich von französischen Männern abschauen?

¬ Rolf: Man kann natürlich nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt auch modische deutsche Männer und nicht jeder Pariser Mann ist automatisch auch immer gut gekleidet. Generell kann man aber sagen, dass Mode ein französisches Kulturgut ist, genauso wie Charme und diese gewisse Finesse. Paris hat auch einfach einen ganz eigenen Flair, der sich auf die Menschen überträgt. Dort sind irgendwie alle auch ein wenig mehr an Kultur interessiert. Pariser holen aus allem noch das gewisse Extra heraus und ihnen geht es stark darum, sich wohl zu fühlen.
 

¬ Ajouré: In einer Zeit, in der modisch scheinbar alles erlaubt ist: Was gehört dennoch in jeden gut geführten Kleiderschrank eines Mannes?

¬ Rolf: Unbedingt zeitlose Klassiker! Cashmere-Pullover, V-Ausschnitt, Polo-Shirts, blaue und schwarze Hosen, ein gut geschnittener Trenchcoat – damit kann man nie etwas verkehrt machen, das sollte die Basis sein. Saisonal kann man dann natürlich auch immer nach den aktuellen Trends gucken und wenn man sich darin dann selber auch wohlfühlt, dann kann man das ruhig auch kaufen, aber man sollte sich nie etwas aufschwatzen lassen. Wichtig ist es, ein Gespür für Mode zu entwickeln und nicht alles nachzumachen. Und man sollte auch darauf achten, dass die Kleidung den eigenen Proportionen schmeichelt.

Was mir auffällt ist, dass es immer weniger Individualität und Kreativität gibt. In den Läden hängt überall das Gleiche und das sieht man dann natürlich auch auf den Straßen. Besondere Stücke findet man eigentlich fast nur in ausgewählten Concept Stores, aber das ist dann oft kaum bezahlbar. Deshalb rate ich immer dazu, auf den Sale zu warten und dann zuzuschlagen. Denn so ein Total-Look von Gucci, Prada, YSL, Dolce&Gabbana und Konsorten kostet mal eben 3000 € und ich frage mich, wer hierzulande tatsächlich so viel Geld für nur einen einzigen Look ausgibt.

 

Foto: Artists & Casting Management GmbH

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