Massiv – wie „4 Blocks“ sein Leben veränderte

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Seit Jahren ist Massiv vor allem in der Deutsch-Rap-Szene bekannt. Doch das änderte sich schlagartig, als die erste Staffel von „4 Blocks“ an den Start ging. Man sagt, es sei eine der authentischsten, besten und härtesten Serien, die jemals in Deutschland produziert wurde und die Schattenseiten unserer Hauptstadt wie keine andere Serie in Szene setzt. Und wir können dies nur bestätigen. Massiv, der in „4 Blocks“ Latif Hamady spielt, hatte mit Schauspielerei nie wirklich viel zu tun, doch überzeugt auch hier mit seinem Können, seiner nicht unbedingt gespielten Härte und seinem gleichzeitig vorhandenen Humor. Eine Kombination, von der wir hoffen, noch viel mehr zu sehen.

Wir haben uns mit Massiv getroffen und ihm natürlich Fragen zur zweiten Staffel gestellt, zu seinem Leben vor „4 Blocks“ und zu seiner Karriere als Rapper. Schon jetzt kann gesagt werden, dass die zweite Staffel im Herbst gelauncht wird und härter wird, als alles Vorangegangene.

Ajouré: Du bist mit dem Namen Massiv (ehem. Pitbull) wohl den meisten bekannt. Dann kam in 4 Blocks Latif Hamady dazu und bürgerlich heißt du: Wasiem Taha. Wie nennen dich denn deine engsten Freunde? Auch Massiv, oder doch eher Wasiem?

Massiv: Ja, also jetzt momentan nennen mich alle Massiv.

Gibt es „4 Block“-Fans, die dich auf der Straße Latif rufen?

Massiv: Ja, durchaus. Dass das solche Auswirkungen haben wird, hätte ich nicht gedacht. Leute sprechen mich an und wissen gar nicht, dass ich eigentlich Rapper bin. Da werde ich im Bauhaus, IKEA oder irgendwo an der Kasse mit Latif angesprochen. Zum Beispiel war da vor kurzem ein Sechzigjähriger hinter mir an der Kasse und meinte: „Latif, lass mal ein Selfie machen. Du bist ja in echt ein dufter Kerl.“ Die haben einfach Latif im Kopf und haben keine Ahnung von meiner Karriere als Rapper. Man scheint teilweise nur noch Latif von „4 Blocks“ zu kennen (lacht). Es ist aber durchaus schön so, es hat auch seine Vorteile, denn ich habe gemerkt, dass Menschen über 40, die dich anhalten, ganz anders mit dir sprechen und umgehen, als wenn du einfach nur ein Rapper bist. Da erscheint man seriöser und macht ein bisschen Small-Talk. Bei Hip-Hop ist das einfach ganz anders.

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Ajouré: „4 Blocks“ ist in Deutschland eingeschlagen, wie kaum eine andere Serie. Du als Latif Hamady hast eine der Hauptrollen. Wie schwer war es, ohne direkte Schauspielausbildung eine so gute Leistung abzuliefern? Ist dir das leicht gefallen?

Massiv: Freut mich, das zu hören. Ich hatte ja vorher schon einige Anfragen mit größeren und kleineren Projekten. Aber ich habe immer abgesagt, denn mir war wichtig, dass ich mich in meiner Rolle wohlfühlen kann. Dann kam das Drehbuch von „4 Blocks“ und mir war klar, dass das passt wie die Faust aufs Auge. Mir ist das natürlich nicht leichtgefallen. Im Gegenteil. Es war sogar sehr schwer, denn ich wollte nicht, dass die Leute Massiv sehen, sondern Latif Hamady.

Beim Casting war es zum Beispiel so, dass ich in einen Raum gerufen wurde, in dem drei Kameras standen. Man hat mir dann eine Baby-Puppe in die Hand gedrückt und gesagt: „Stell dir vor, du siehst dein Kind zum ersten Mal und es besucht dich gerade im Knast.“ Ich habe dann eine Mischung zwischen Trauer und Coolness gespielt und das scheint geklappt zu haben. Wahrscheinlich hat man erwartet, dass ich die ganze Zeit nur am Rumschreien bin, wie in der Anfangsszene, wo ich meine Frau zurechtweise, dass sie von der Couch runtergehen soll. Aber das hätte nicht so gut harmoniert mit der Gegenrolle von Abbas (Veysel Gelin). Darum bin ich eher der ruhige und bedachte Typ und Veysel ist der Durchdreher.

Wieviel Wahrheit steckt deiner Meinung nach in „4 Blocks“?

Ich sag mal so: Es ist eine Geschichte, sie soll unterhalten und es ist teilweise natürlich Fiktion. Aber das alles ist Berlin. Wenn irgendwo in Deutschland eine Weltstadt für seine Kriminalität bekannt ist, dann ist das Berlin. Hier wird geschossen, hier wird gestochen, hier gibt es arabische Großfamilien, die vielleicht auf andere Art und Weise ihr Geld verdienen. Das ist eine bekannte Sache. Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre als überall sonst in Deutschland. Hier herrscht eine andere Kultur. In Berlin gehst du mittwochs nachts um zwei Uhr am Kottbusser Tor raus, gehst was essen und trinken und gehst am Ende noch feiern. Es hebt sich im Vergleich zu allen anderen Städten komplett ab. Hamburg hat natürlich auch so eine ähnliche Szene, aber wir reden hier von der Reeperbahn und von Rotlicht. Da gehst du hin, die Leute kotzen links und rechts hin, und das hat nichts mit Kultur zu tun, denn das ist eher eine „Fun Ecke“. Berlin ist die einzige Stadt, wo man sowas wie „4 Blocks“ authentisch präsentieren kann.

Ajouré: Kannst du dich mit deinem Charakter Latif identifizieren?

Massiv: Sehr. Ich habe das Drehbuch schon fünf Monate vor Drehbeginn in meinen Händen gehabt und habe mir wirklich jede Rolle einzeln durchgelesen. Wer hat welche Rolle, wer spielt welchen Charakter, wie am besten und so weiter. Und da habe ich mir schon sehr gewünscht, die Latif-Rolle zu bekommen, denn diese Rolle passt am ehesten zu mir. Denn ich falle nicht in irgendwelchen Clubs rum, hure nicht rum, schlafe nicht mit irgendwelchen Frauen, sondern habe mein Stolz und meine Ehre. Und so kann ich ohne große Probleme nach dem Drehtag nach Hause gehen und mich auch am nächsten Tag noch im Supermarkt mit meiner Frau an meiner Seite blicken lassen. Das war mir persönlich wichtig, denn ich habe auch beim Rappen einen Gang zurückgeschaltet. Ich benutze seit drei Jahren keine Schimpfwörter oder Fäkaliensprache mehr und trotzdem bin ich damit sehr erfolgreich. Also jeweils immer TOP 10 und das möchte ich beibehalten. Ich möchte mich nicht für jemand anderen verkaufen, nur weil das jetzt gerade polarisiert.

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Ajouré: „Berlin spricht jetzt arabisch“ ist ein tragender Satz von Toni Hamady (gespielt von Kida Ramadan). Wie viel Wahrheit steckt dahinter?

Massiv: Ich denke, der Satz trifft in manchen Gegenden durchaus zu. Es war ja damals auch so, dass ein Türke in Kreuzberg nicht unbedingt Deutsch lernen musste. Und so ist es mittlerweile auch mit Arabisch. Wenn du in Neukölln Arabisch kannst, kannst du ganz normal einkaufen gehen. Du kannst zum arabischen Arzt gehen, dann mit einem arabischen Dolmetscher ins Jobcenter und hast am Ende des Tages noch keinen einzigen Satz Deutsch gesprochen.

Findest du das gut oder eher kontraproduktiv?

Ich finde, dass jeder der hier lebt, sich auch integrieren sollte. Und Integration bedeutet an erster Stelle, die Sprache zu lernen. Ist ja blöd, wenn einer zu mir in die Wohnung zieht und meine Sprache nicht spricht. Das geht ja nicht. Ich denke auch nicht, dass es den Menschen egal ist, ob sie Deutsch lernen oder nicht. Ich denke eher, es liegt an der Faulheit, denn man denkt: „Ok, es klopft ja keiner an meine Tür und zwingt mich Deutsch zu sprechen oder in die Schule zu gehen.“ Es gibt einfach keine Richtlinien, die einen vielleicht dazu treiben, die Sprache zu lernen. So etwas wie drei Tests und wenn du durchgefallen bist, wirst du abgeschoben. Sowas gibt es nicht.

Wie haben deine Eltern das denn gemacht, als sie damals nach Deutschland kamen?

Meine Mutter spricht und schreibt perfekt Deutsch. Mein Vater eher so lala. Er hat fünf verschiedene Fremdsprachen gelernt, hat diverse Diplome in den verschiedensten Sprachen und hat in fünf verschiedenen Ländern studiert, wie Libyen, Irak und Jordanien. Er kam mit einem Stoß Diplome nach Deutschland und wollte Ingenieur werden, ist dann aber bei der Müllabfuhr gelandet und hat dort einen festen Arbeitsvertrag bekommen. Anschließend hat er noch einen besseren Arbeitsvertrag bei Mercedes bzw. der Metallgießerei in Landau bekommen. Dort hat er dann 22 Jahre in drei Schichten gearbeitet und war nicht einen einzigen Tag davon krank. Alte Schule halt. Und das finde ich sehr gut.

Ajouré: Kanntest du deine Schauspielkollegen bereits vorher? Oder hast du durch „4 Blocks“ neue Freundschaften geschlossen?

Massiv: Ich kenne Kida Ramadan schon seit locker zehn Jahren. Super Typ und ein sehr gechillter Mensch. Veysel kenne ich schon seit sechs oder sieben Jahren.

Macht es das leichter am Set, wenn man mit Freunden dreht?

Leichter am Set weiß ich nicht wirklich. Kida ist wie immer souverän und seriös und zieht sein Programm komplett durch. Aber bei mir ist es so, dass je ernster die Situation ist, umso mehr habe ich einen Lachflash. Das ist einfach so. Ungefähr wie damals in der Schule, wenn der Lehrer dir sagt: „Ruhe, nicht mehr lachen!“ Dann fängst du an dich zurückzuhalten, und dann musst du um so mehr lachen. Und mir passiert sowas oft am Set. Damit mache ich schon mal ganze Szenarien kaputt und wir müssen das 50 Mal wiederholen. Aber es ist dafür auch eine Top-Stimmung am Set.

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Ajouré: Wie wird denn die 2. Staffel im Vergleich zur ersten? Kannst du etwas spoilern?

Massiv: Also die erste Staffel war schon krass, aber man muss ehrlich sagen, dass zwischen den beiden Staffeln Welten liegen. Die zweite wird um ein Vielfaches härter, dagegen ist die erste Staffel Kindergarten. Im Nachhinein muss ich natürlich schon sagen, dass die erste Staffel Wahnsinn war, doch wie gesagt, alles Mickey Mouse im Vergleich zu dem, was im Herbst kommt.

Was genau ändert sich denn?

Man merkt ganz klar, dass die Regie und die Produzenten deutlich einen draufsetzen wollen. Angefangen beim Schnitt und den Kameraschwenkungen. Die Story selbst natürlich auch. Es hat mittlerweile einen Amerika-Style bekommen und da neben Deutschland auch Österreich und Schweiz „4 Blocks“ schauen, war klar, dass wir da noch eine Schippe drauflegen müssen. Die Leute erwarten das auch. Oftmals ist es ja so, dass die zweite Staffel einer Serie nie so gut und spannend ist, wie die erste Staffel. Und das soll und wird uns bei „4 Blocks“ nicht passieren. Wir werden die Erwartungen übertreffen.

Ajouré: Du kommst ursprünglich aus Pirmasens und bist ca. 1996 nach Berlin gezogen, um zu rappen. Wie schwer war der Anfang hier für dich?

Massiv: Relativ schwer, denn du kommst aus einer Klein- in eine Großstadt. Du siehst ganz viele Menschen auf einem Haufen, die Kultur ist einfach komplett anders und jeder will auf einmal was von dir, da gleichzeitig der Erfolg mitkam. Ich bin 2005 hier hergekommen und 2006 hat es mit der Musik direkt funktioniert. Da stand ziemlich schnell jede arabische Großfamilie unten vor der Tür. Das war so willkommen-in-Berlin-mäßig. Jeder wollte mir helfen und für mich da sein, aber die musste ich erst einmal alle abwimmeln und denen erklären, dass du auch ohne die kannst. Da musste ich mich mit meinen 130 Kilo schonmal durchsetzen.

Wo hast du hier zuerst gewohnt? Direkt Wedding, wo du heute noch bist?

Ja. Ich lebe immer noch im Wedding. Ich habe hier alle Menschen kennengelernt und zum ersten Mal einen richtig guten Döner hier gegessen und habe mich wohlgefühlt (lacht). Aber geh doch mal in Pirmasens einen Döner essen. Das kannste vergessen.

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Ajouré: Du bist als Rapper erfolgreich und bekannt, jetzt auch noch als Schauspieler in der Rolle Latif Hamady bei „4 Blocks“. Hoffst du, dass weitere Aufträge für TV reinkommen, oder willst du es lieber beim Rappen belassen?

Massiv: Für mich ist alles, was zu mir passt, auch gut. Ob das Film oder Musik ist mir egal. Aber das Drehbuch muss stimmen. Das Geld alleine interessiert mich nicht genug. Da muss alles andere auch passen.

Wie viel mehr oder weniger Spaß hat das Schauspielern im Vergleich zum Rappen gemacht?

Rappen ist schon etwas Besonderes für mich. Das war der Startschuss für mich. Etwas Schönes in meinem Leben, was einfach meine Aggressionen rauslässt. Bei der Schauspielerei ist es so, dass du etwas ablieferst, dann nach Hause gehst und erst Monate später weißt, ob das, was du da gemacht hast, gut oder schlecht war. Beim Rappen lieferst du ab, kannst es am selben Tag noch hören und dann direkt schauen, was du vielleicht noch ändern möchtest. Beim Film geht das so nicht. Zumindest ist das meine erste Erfahrung.

Ajouré: Schreibst du deine Songtexte selbst?

Massiv: Ja. Ich schreibe sie alle selbst.

In welche Situation musst du dich versetzen, um neue Texte zu entwerfen?

Also bei mir ist es so, dass ich immer Bock habe zu schreiben. Wenn ich anfange zu schreiben und in einen Flow reinkomme, dann vertiefe ich mich in das Szenario, bau mir meine eigene Welt und nutze alles, was ich gesehen, gehört oder selbst erlebt habe. Ich lasse da alles mit einfließen. Ich kann mich da komplett gehenlassen.

Wieso hast du deine Sprache in den Texten verändert. Keine Schimpfwörter mehr und so?

Auch ich bin älter und reifer geworden. Und wenn ich draußen auf den Straßen Bilder mit Kids mache, wo eventuell die Eltern noch daneben stehen, dann sollen die, wenn sie mich googeln, sehen, dass auch ich mich verändert habe. Vielleicht dann sogar eine Art Typ sehen, den man als Vorbild nehmen kann. Ich denke, ich habe jahrelang harte Musik gemacht, wurde indexiert, hab Wellen gemacht und hatte eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Jetzt versuche ich zwar trotzdem diese Härte beizubehalten, aber gleichzeitig eher für Motivation zur Aufmunterung der Kids zu sorgen, dass die aufstehen und zur Schule gehen.

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Ajouré: Drei kurze Fragen – drei kurze Antworten:

Berlin ist hart, weil… es mit Abstand das Härteste in Deutschland ist.

Berlin ist für mich die beste Stadt Deutschlands, weil… es die einzige Stadt ist, wo du Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag um zwei Uhr nachts in einer Seitenstraße zwischen 30 Dönerläden raussuchen kannst, welche Soße du willst (lacht).

Berlin und ich haben gemeinsam, dass… wir weltoffen und multikulturell sind.

Ajouré: Du machst harte Musik und spielst eine sehr harte Rolle. Hast du trotzdem so etwas wie eine Herzensangelegenheit, für die du alles stehen und liegen lässt?

Massiv: Ich bin da immer für alles offen, was in diese Richtung geht. Gerade in unserem Internet-Zeitalter, wo man etwas Gutes tun kann, indem man einfach nur seine Reichweite nutzt. Für solche Dinge setze ich mich tatsächlich gerne ein. Auch wenn ich mal einen Neffen von irgendjemandem im Krankenhaus besuchen kann, dem es vielleicht sehr schlecht geht, dann mache ich das natürlich. Aber sowas poste ich dann nicht. Ich mache das aus Überzeugung und weil es für diese Person etwas bedeutet. Das muss man dann nicht an die große Glocke hängen, wie vielleicht andere das machen. Ich finde, wenn du spendest, solltest du es aus Überzeugung tun und nicht, um dich danach auf den Social-Media-Kanälen gut hinzustellen.

Ajouré: Was kommt 2018 von dir, neben der 2. Staffel von „4 Blocks“?

Massiv: Mein neues Album „M10 / 2“ kommt im September raus, wo auch viele Titel für „4 Blocks“ dabei sind.

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Fotos: Farido Davis

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