KARLSWRONG – Eine Klatsche für Lagerfeld

        KARLSWRONG    

Hübsch, intelligent, alt und frech genug, um mal kurz eine Ansage zu machen. Eine Ansage gegen niemand geringeren als Modeschöpfer, Designer, Fotograf und Wahlpariser Karl Lagerfeld. Ob sich der mittlerweile 84 Jahre alte Hamburger von seiner Meinung abbringen lässt, bleibt abzuwarten, aber die Chancen stehen vielleicht nicht schlecht. Denn Leonie Lencinas hat das Modelabel KARLSWRONG (Karl Is Wrong) gegründet und startete im Mai 2017 mit ihrem Onlineshop.

Die Base: Natürlich in Berlin. Der Style: Lässig, bequem und gleichzeitig elegant. Das Ziel: Die Jogginghose (Sweatpants) salonfähig machen.

Und dies bisher durchaus erfolgreich, denn auch Deutschlands Größen wie Jürgen Vogel sind schwer von dem, was Leonie da vollbringt, begeistert. Selbst privat besitzt er die komplette Kollektion, die momentan aus drei Teilen besteht. Nach den Dreharbeiten zur KARLSWRONG-Werbung fragte Jürgen auch dreist: „Kann ich die Hosen behalten? Sehr cool nämlich!“ Durfte er dann auch.

Wir haben uns also mit dem Lockenköpfchen Leonie am schönen Savignyplatz in Berlin getroffen und schlürften zu den ersten Schneeflocken einen Cappuccino im Szene-Café „Coffee Drink Your Monkey“, während wir ihr zwölf Fragen rund um ihr Leben und ihre Leidenschaft zu Design, Mode und Selbstständigkeit gestellt haben.

Ajouré: Du siehst ein bisschen müde aus Leonie. Lass mich raten – lange gearbeitet und dennoch nicht fertig geworden?

Leonie: Ja (lacht). Allerdings. Selbstständig sein ist doch durchaus eine Herausforderung. Es ist viel, viel Arbeit und konstanter Stress, denn du hast ab einem gewissen Punkt einfach kein Wochenende mehr. Und da dir mal ein Tag zum Runterkommen fehlt, bist du irgendwann dauermüde.

KARLSWRONG

Ajouré: Berlin ist ja bekannt für seine vielen kleinen Designer, die hier beinahe täglich aus dem Boden sprießen. Kurz darauf sind sie dann auch schon wieder weg, denn das Business ist hart. Wie bist du auf all das vorbereitet? Hast du einen Plan B, falls KARLSWRONG scheitert?

Leonie: Du hast da vollkommen Recht. Als ich vor zwei Jahren hergezogen bin, war ich auch erst einmal etwas abgenervt. Denn ich komme von meiner Modedesign-Ausbildung nach Berlin und habe das Gefühl, wenn du hier jemanden fragst „Was machst du so?“ dann ist irgendwie jeder Modedesigner, jeder ist Model oder Schauspieler. Alle machen eigentlich das Gleiche und du selbst fühlst dich dann so, als wäre das, wofür du lebst und so lange gelernt hast, nichts Besonderes mehr. Ich habe dann ein bisschen rumgeschaut. Und gerade hier in Berlin gibt es so viel Kreatives, und die Designer wollen ihr Inneres-Ich in ihre Kollektion bringen, sind ganz tiefgründig und bringen das dann in ihre Kollektion.

Aber das ist ja eigentlich nichts für den Kunden, sondern die machen ihre Kollektion, um sich selber zu präsentieren. Und ich glaube, dass das ein Grund ist, weshalb so viele Modedesigner scheitern. Nämlich, dass sie Mode für sich machen und nicht für den Kunden. Ich bin eine Frau und mache trotzdem Mode für Männer. Und da musste ich mich erst einmal reindenken. Ich möchte, dass der Kunde zufrieden ist, und ich bin der Meinung, wenn du dir erfolgreich einen Kundenstamm aufgebaut hast, dann hast du auch die Möglichkeit, langfristig Erfolg zu haben. Einen Plan B gibt es für mich nicht, denn wenn ich davon ausgehe, dass ich scheitere, dann kann es ja nur scheitern. Deshalb gehe ich davon aus, dass es klappen wird.

Ajouré: Erzähl uns, wie es zu deinem Label gekommen ist. Wie ist KARLSWRONG entstanden? Und worin siehst du deine Stärken mit KARLSWRONG?

Leonie: Wenn man mich kennt, dann weiß man, dass ich eher so ein Girly-Typ bin. Hohe Schuhe und Kleidchen. Selbst in der Ausbildung habe ich mich nur für Design für Frauen interessiert und bei Männern weniger aufgepasst, denn ich hätte nie gedacht, dass ich das mal mache. Dann lernte ich in Berlin meinen Freund kennen. Er hat hier mehrere Cafés und hat sich dadurch angewöhnt, Jogginghosen zu tragen, denn in der Gastro ist es eh egal, was du anziehst. Mittlerweile ist er für seinen Style sogar bekannt. Immer eine schwarze Jogginghose und ein schwarzes Shirt. Da ich mich zu diesem Zeitpunkt in einer Selbstfindungsphase befand, fiel mir auf, dass der Style meines Freundes durchaus cool ist und auch ankommt.

Ich machte mich also schlau und fand heraus, dass zwar jedes Label Jogginghosen verkauft, aber einen Laden, in dem nur Jogginghosen verkauft werden, den gibt es nicht. Keine Anlaufstelle, die sich nur um das Thema Jogginghosen dreht, wo du viel Auswahl hast und welches entsprechend cool ist. Du hast zwar diese Sportmarken, die Jogginghosen machen, aber es sind halt Sporthosen und das sieht man auch immer. Und das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass es eine Nische ist, die es so noch nicht gibt. Es gibt hundert Labels für T-Shirts, Socken, Hosen, aber keins für Jogginghosen. Ich denke, das ist auch meine Stärke. Die meisten Labels machen einfach alles. Ich möchte aber ein Experte auf diesem einen Gebiet sein und konzentriere mich daher auch nur auf das Eine.

KARLSWRONG

Ajouré: Du unterstützt deinen Freund geschäftlich wo du kannst. Ist es umgekehrt genauso? Lässt du dir von ihm helfen oder willst du deinen Weg ganz alleine gehen?

Leonie: Nein. Man muss Hilfe absolut annehmen. Gerade auch in unserer Beziehung. Ich helfe ihm viel, aber er hilft mir genauso. Vor allem, wenn er die Hose selbst trägt. Er ist eigentlich mein bester Influencer, denn er kennt durch die Gastro sehr viele Menschen und ist ständig unterwegs. Und er ist als Jogginghosenträger bekannt und wird immer wieder gefragt, woher er diese coole Jogginghose hat. Und das hilft mir sehr, ebenso wie sein Netzwerk, da ich hierdurch immer wieder neue Leute kennenlerne, die mir weiterhelfen.

Ajouré: Warum Sweatpants? Jogginghosen gibt es doch schon wie Sand am Meer. Worin unterscheiden sich deine gegenüber den großen Sportlabels wie Nike, Adidas und Co?

Leonie: Naja, diese Marken sind eigentlich Sportmarken. Das darf man nicht vergessen. Eine KARLSWRONG ist keine Sport-Jogginghose. Du kannst natürlich Sport darin machen, aber ich würde es nicht empfehlen. Die Konkurrenz macht ausschließlich Sporthosen, die zwar mittlerweile stylisher sind, aber meiner Meinung nach sieht man einfach, dass es Sporthosen sind. Bei einer KARLSWRONG ist das ganz anders. Die meisten Jogginghosen sind aus einem Baumwoll-Jersey, haben diese matte Optik und beulen schnell aus. Typischer Jogginghosen-Look eben. KARLSWRONG-Hosen sind aus einem Viskose-Jersey. Dadurch sind sie glänzender in der Optik, sehen eleganter aus, sind schwerer im Material und legen sich dadurch besser um die Beine des Mannes an. Ich möchte ja keine Sporthose, sondern eine Alltagshose machen, die den Komfort einer Jogginghose hat.

Und dann sind da noch die Details. Es fängt schon bei den Taschenbeuteln an. Ich habe sehr viele Männer gefragt: „Was stört dich an Jogginghosen?“ Und immer wieder wurde mir gesagt, dass die Taschen zu klein sind. Männer haben ja keine Handtaschen und stopfen daher alles in ihre Hosentaschen. Und sie richten sich natürlich auch hin und wieder ihren „besten Freund“ durch einen Griff in die Tasche. Ihr Männer wisst schon was ich meine ;). Dafür sind die meisten Taschen eben zu klein. Deshalb dachte ich mir: „Ok, Hosentaschen sind super wichtig für Männer.“ Also habe ich sie aus Plüschvlies gemacht und sie sind extra groß. Generell sind meine Größen an die Männer angepasst. Sie haben also nichts mit den Standardgrößen zu tun. Bist du athletisch und eine normale Größe, dann hast du M. Schmal und zierlich eine S und bist du breit, hast du eine L. Und eine Überlänge hat jede Größe, somit passt sie dir so oder so optimal.

KARLSWRONG

Ajouré: Was dir ja sicherlich gefallen hat, ist, dass Jürgen Vogel total von deinen Hosen begeistert ist. Man sieht ihm das auch in dem neuen Werbeclip hierfür an. Wir haben den Clip gesehen und haben sehr gelacht. Die Idee dahinter ist gut, denn letztendlich nehmt ihr die Koryphäe der Mode schlechthin auf den Arm. Der Name „KARLSWRONG“ entstand ja auch nur deshalb, weil Karl Lagerfeld sagte, dass Menschen in Jogginghosen die Kontrolle über ihr Leben verloren hätten. Denkst du, er wird sich deinen Versuch, ihm vom Gegenteil zu überzeugen, zu Herzen nehmen und umdenken?

Leonie: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, würde er etwas darüber nachdenken, würde er sehen, dass dieses Sprichwort wirklich veraltet ist, weil die Mode ja so schnelllebig ist. Und er sagte diesen Satz glaube ich 2012 und da gab es auch noch keine coolen Jogginghosen. Es ging ihm wohl eher darum, dass diese grauen ultra-weiten Jogginghosen einfach nicht auf die Straße gehören. Aber KARLSWRONG Jogginghosen kannst du nicht mit diesen Jogginghosen vergleichen. Das ist eine komplett neue Art Jogginghose. Da würde ich sagen, dass er die vielleicht ganz gut findet und eventuell würde sie ihm sogar gut stehen.

Ajouré: Kommt die Berliner Fashion Week für dich in Frage? Oder bist du dafür einfach zu sehr am Anfang? Traust du dir das bereits jetzt zu?

Leonie: Die Berlin Fashion Week ist ja jetzt nicht mit einer FW in Mailand zu vergleichen und kommt für mich die nächsten zwei Jahre nicht in Frage. Auch weil ich einfach noch zu klein bin. Ich habe ja nur drei Hosen und damit eine Fashion-Show zu machen, wird bestimmt schwierig. Ich werde im nächsten Januar aber auf dem Gentleman’s Corner sein und die Promis vor einer Show einkleiden. Wenn ich Glück habe, wird der ein oder andere mit meiner KARLSWRONG abgelichtet. Meiner Meinung nach hat das viel größeren Wert als ein 15-minütger Run durch ein Fashion-Zelt. Ich habe lieber coole Leute und Influencer, die diese Hosen tragen, denn es ist einfach diese moderne Zeit, in der wir leben. Und da ist das eben das A und O.

Ajouré: Wie kommt es, dass deine Preise durchaus um einiges teurer sind als die der großen Markenhersteller?

Leonie: Ganz großer Faktor: die Produktion. Die ganzen anderen Hersteller haben auf deren Schildchen „Made in China“ oder so stehen und dort ist es viel günstiger. Ich produziere nur in Europa und das schlägt sich auf den Preis nieder. Aber mir ist es wichtiger, qualitativ hochwertig zu produzieren und gleichzeitig die Umwelt zu schonen und meine Kunden mögen genau diese Qualität. Überleg doch mal, ich würde meine Hosen in China produzieren lassen. Sie hätten einen riesigen Weg nach Deutschland hinter sich. Das verschmutzt die Umwelt und heutzutage sollten wir darauf achten, die Umwelt zu unterstützen, anstatt ihr noch mehr zuzumuten. Außerdem möchte ich vermeiden, dass Kinder in Bangladesch meine Hosen nähen. Sowas unterstütze ich nicht.

KARLSWRONG

Ajouré: Kommt es schon einmal vor, dass du draußen beim Herumlaufen jemanden bemerkst, der Teile deiner Kollektion trägt? Oder wie man sich in der Öffentlichkeit über dein Produkt unterhält?

Leonie: Unterhalten nicht, aber gesehen schon. Ich freue mich immer, wenn ich hier in der Monkey sitze und dann sehe, wie jemand meine Hose trägt. Das ist dann schon sehr cool für mich. Da freue ich mich immer riesig.

Ajouré: Wie sieht dein Plan für die nächsten Jahre aus?

Leonie: Also, noch arbeite ich nebenher als Kellnerin, da ich mich gegen Investoren entschieden habe. Ich wollte das alleine schaffen. Der nächste Step für mich ist also, dass ich mich voll und ganz KARLSWRONG widmen kann und nicht mehr nebenher arbeiten muss. Dann möchte ich die Kollektion erweitern und auch noch die ein oder andere Farbe mit ins Spiel bringen. Ich möchte erreichen, dass KARLSWRONG in den nächsten fünf Jahren ein Label ist, welches man kennt und wo man sagt: „Ah ok – Jogginghosen.“ Ich sehe das bereits heute ab und zu an meinen Kunden. Die sagen nicht: „Ich habe eine Jogginghose an“, sondern: „Ich trage eine KARLSWRONG!“.

Ajouré: Warum nur Jogginghosen für Männer?

Leonie: Weil es für Frauen super viel Auswahl bei allem gibt. Männer haben es da viel nötiger, dass man ihnen mal eine schöne Jogginghose schenkt. Und Männer sind die treueren Kunden. Das weiß ich als Frau. Frauen kaufen die Hose vom Label A, die Bluse von Label B und so weiter. Männer finden ein Label cool und bleiben dann oft dabei. Sie werden immer wieder kommen, sind happy über ein gutes Kleidungsstück und schätzen das auch viel mehr als Frauen. Doch irgendwann kommt sicherlich eine Kollektion für Frauen, denn unheimlich viele Frauen fragen mich danach und es wäre ja blöd, wenn ich der Nachfrage dann nicht nachkomme.

KARLSWRONG

Ajouré: Änderst du den Style auch mal oder bleibt er so, wie er jetzt momentan schon ist?

Leonie: Also als nächstes wird auch mal Farbe kommen. Viele Männer wollen natürlich schwarz, aber viele wünschen sich eben noch eine andere Farbe dazu. Besonders mein schickes Modell für 159.- Euro geht extrem gut, und von daher möchte ich auch dieses Model erst einmal noch etwas ausbauen. Ich möchte außerdem noch eine Jogginghose entwerfen, die tatsächlich nur für daheim ist, aber ich wette, viele werden sie trotzdem auch draußen anziehen. Selbst dann, wenn der Schnitt etwas weiter ist. Denn es ist natürlich noch bequemer, wenn der Schnitt weiter ist. Warten wir es mal ab.

Liebe Leonie, wir bedanken uns ganz herzlich, dass du dir die Zeit für ein kurzes Interview genommen hast. Wir wünschen dir natürlich unglaublich viel Glück und Erfolg und hoffen, dass du weiterhin die Kraft, die Zeit und die Kreativität aufbringen kannst, um noch viel mehr dieser grandiosen Hosen zu entwerfen.

 

Fotos: Susanne Lencinas; Jana Schuessler

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