Jerry Kwarteng: „Wenn man mich als echten Freund hat, kann man sich ein Leben lang auf mich verlassen.“

        Jerry Kwarteng    

An einem Dienstagmorgen um 10:30 stehen wir in Berlin-Friedrichshain vor dem Café Frau Honig, das von außen an eine grüne Oase in der sonst so grauen Straße erinnert. Hier treffen wir uns zum Interview mit Jerry Kwarteng, der in seinem Lieblingscafé bereits mit dem Rücken zur bodentiefen Fensterfront sitzend auf uns wartet.

Beim Betreten steigt einem ein herrlicher Duft von Kaffee in die Nase und man fühlt sich in dem detailverliebten Café sofort heimisch. Jerry steht auf und begrüßt uns mit seinem charmanten Hamburger Dialekt.
 

Ajouré: Du hast uns mit hierher in dein Lieblingscafé genommen. Was braucht es, damit du dich außerhalb deiner eigenen vier Wände wohl fühlst?

Jerry: Es muss eine warme Atmosphäre haben, sodass ich das Gefühl bekomme, als käme ich nach Hause und könne die Schuhe ausziehen.

 

Jerry Kwarteng

 
Ajouré: Du hast einmal gesagt, Hamburg sei in deiner DNA. Wie genau spiegelt sich das wider?

Jerry: Ich habe eine Zeit lang in den Staaten gelebt, was ziemlich hart und anstrengend war, weil die Leute in meinem Umfeld wollten, dass ich mehr so bin, wie sie. Ich habe darauf immer geantwortet, dass ich nun einmal nicht anders sein kann, als ich bin – ich bin nun einmal Deutscher, Hamburger, und das müssen sie genauso respektieren, wie ich sie und ihre Kultur, Religion und Lebensweise respektiere. Hamburger sind für mich noch einmal eine ganz besondere Art von Mensch. Wir sind irgendwie entspannter, obwohl man uns ja nachsagt, wir seien unterkühlt und nicht so freundlich – was wiederum auch irgendwie stimmt, denn wir wollen uns niemandem aufdrängen, das finde ich sehr angenehm! Wenn du erst einmal einen Hamburger geknackt hast, dann hast du ihn als Freund fürs Leben. So ist das auch bei mir: Wenn man mich als echten Freund hat, kann man sich ein Leben lang auf mich verlassen.

Ajouré: Wie lebt es sich denn so als Hamburger in Berlin?

Jerry: Ich sage immer, ich bin ein Exil-Hamburger. In der Tat hat es eine Weile gedauert, bis ich hier wirklich angekommen bin. Als Hamburger bin ich es gewohnt, dass sich Menschen freundlich gegenüber treten. Hier bin ich dann aber doch überrascht gewesen, wie unhöflich Berliner sind. Nach Berlin zu ziehen war damals aber eine ganz bewusste, logische Entscheidung, weil hier das Film-Business ist – emotional hat es aber gedauert, bis ich mit der Stadt warm wurde. Man sagt ja, es dauert in etwa ein Jahr, bis man in einer neuen Stadt so richtig ankommt – bei mir waren es vier!

Ajouré: Ist Berlin für dich tatsächlich so verrückt, wie immer alle sagen oder vielleicht sogar noch mehr?

Jerry: Ich glaube, jeder, der nach Berlin kommt, kann das finden, was er sucht. Wenn du verrückt bist findest du hier genauso Verrückte wie dich. Wenn du eher gelassener und ruhiger bist wirst du auch das in dieser Stadt finden. Ich finde Berlin hat einfach alles – und das alles auch in viel!
 

Jerry Kwarteng

 

Ajouré: Du bist in dem Projekt „Schwarze Filmschaffende Community“ engagiert. Wie kam es dazu?

Jerry: Es ging mit zwei Kolleginnen aus Österreich los, die diese Gruppe gegründet haben. Ich bin eingestiegen, nachdem sie mich gefragt haben, ob ich aktiv werden möchte – und ich fand das sehr wichtig. Es ist noch sehr einseitig, wie wir in den Medien gesehen werden. Es ist noch nicht möglich, dass schwarze Menschen als diejenigen teilnehmen, die sie auch in der Gesellschaft sind. Ich bin das beste Beispiel: Ich bin ein Hamburger Jung, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich sehe so jemanden wie mich aber nicht im Fernsehen. Ich habe Jura studiert, Schauspiel gemacht – ich bin nun wahrlich kein Typ, der ein Ausländer oder Flüchtling ist. Viele schwarze Familien leben schon seit fünf Generationen hier. In den Medien sind wir aber kaum vertreten und wenn, dann nur stereotypisch. Natürlich können das auch spannende Geschichten sein, man könnte uns aber auch anders darstellen – gerade das finde ich in der heutigen Zeit wichtig! Schwarze gab es schon vor dem 1. Weltkrieg in Deutschland – da frage ich mich, wie lange brauchen wir denn, um „deutsch“ zu werden!?

Ajouré: Welche Ziele möchtet ihr damit umsetzen?

Jerry: Ich glaube, was die Menschen im Fernsehen nicht sehen, kommt auch nicht in ihren Köpfen an und ich finde, dass das Fernsehen den Auftrag hat, Stereotype aufzubrechen, indem es die Realität einfängt. Mit dem Projekt möchten wir erreichen, dass mehr Schwarze, so wie wir sind, in den Medien vertreten werden – nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter. Es gibt wahnsinnig viele schwarze Regisseure und Regisseurinnen, die es schwer haben ihre Filme hier zu produzieren und zu veröffentlichen, weil sie eben andere Geschichten erzählen. Ich will den Sendern nahebringen, dass es auch eine tolle Möglichkeit ist sich ihrer Geschichten zu bedienen. Mit unserer Community haben wir es geschafft uns zu vernetzen, um miteinander auch zu kooperieren. Es können auch Filme aus einem deutschen Blickwinkel gemacht und mit schwarzen Schauspielern besetzt werden. Wir sind keine Meckerer, sondern wir wollen zeigen, dass es uns gibt und man sich unserer Möglichkeiten bedienen kann.
 

Ajouré: Du bist auch viel im Ausland tätig – wie unterscheiden sich internationale Produktionen von deutschen?

Jerry: Den Unterschied sehe ich nicht in den Produktionen, sondern mehr im Arbeiten. Sie haben einen Reichtum an Geschichten und sie lassen sich auch nicht so festlegen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir in Deutschland die Dinge zu verkopft angehen – weil zum Beispiel Komödien oder ein Film über unsere Geschichte um 1945 viel Geld einspielen. Wir machen tolle Filme, keine Frage – aber es gibt so viel mehr zu erzählen, als nur Krimis, Komödien und Geschichten aus der Nachkriegszeit. Und das sehe ich im Ausland – Filme, die auch mal verrückt sind und nicht viel kosten.
 

Jerry Kwarteng

 

Ajouré: Welche Rolle würdest du gerne einmal spielen?

Jerry: Ich würde gerne einmal eine Action-Rolle spielen – ein Agent wäre nicht schlecht!

Ajouré: Welches Erlebnis ist dir bei Dreharbeiten am meisten in Erinnerung geblieben?

Jerry: Ich hatte das Glück, aufgrund meiner „Exoten-Rolle“, die ich ja hier in deutschen Produktionen einnehme, schon bei vielen krassen Sachen mitzuwirken. Das war meistens im Independence-Bereich, wo es emotional schwierig für mich wurde gewisse Rollen überzeugend zu spielen. Aber das macht natürlich auch Spaß eine andere Seite, die in einem vielleicht verborgen liegt, vor der Kamera ausleben zu dürfen.

Ajouré: Beschäftigen dich deine Rollen auch noch nachdem die letzte Klappe gefallen ist?

Jerry: Während der Dreharbeiten versuche ich natürlich nicht aus der Rolle zu kommen. Manche Rollen wirken aber tatsächlich auch noch nach finalem Drehschluss nach.

Ajouré: Aktuell hast du im neuen Tarzan-Film einer Rolle deine Stimme verliehen. Wie war die Arbeit im Synchronisations-Studio für dich?

Jerry: Ich habe das schon einmal in einem viel kleineren Rahmen gemacht. Das war jetzt meine erste große Synchronarbeit und es war schon spannend. Es geht ja bereits damit los, dass die Technik eine ganz andere ist. Als Schauspieler erarbeite ich eine Rolle, die Texte und die Situation, woraus dann eine Emotion entsteht. Bei der Synchronisation fallen diese Arbeitsschritte weg und ich muss nur noch versuchen, die deutsche Emotionslage und richtige Stimme zu finden. Außerdem muss man natürlich auch den den richtigen Einsatz finden und die Stimmung transportieren. Das macht sehr viel Spaß und ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance dazu bekommen habe.
 

Jerry Kwarteng

 

Ajouré: Was sind deine Pläne für die Zukunft? Möchtest du bei der Schauspielerei bleiben oder hast du noch andere Träume, die du gerne verwirklichen möchtest?

Jerry: Oh, ich habe so viele Träume. Ich bin ein wenig stur – ich habe die Chance ins Ausland zu gehen und an internationalen Projekten teilzunehmen, das ist auch ganz spannend, aber ich möchte unbedingt in Deutschland arbeiten. Ich möchte, dass wir uns dahin entwickeln, dass Menschen wie ich auch normale und spannende Rollen spielen können. Mein großes Ziel, was aber wahrscheinlich noch etwas dauern wird, ist es, aus unserer Community heraus eigene Filme zu produzieren, die dem Publikum gefallen und die auch gebraucht werden. Als nahes Ziel versuche ich natürlich an neue, spannende Rollen zu kommen.

Ajouré: Danke, Jerry.

 

Fotos: Ajouré Redaktion; Paul Partyzimmer

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