Das verrät uns Johannes Oerding im Interview

        Johannes Oerding Interview    


Wir trafen Singer-Songwriter Johannes Oerding in Berlin zum Interview und sprachen mit ihm über den Entstehungsprozess zu seinem neuen Album „Kreise“ und darüber, was bei ihm zuerst kommt: Melodie oder Text.

 

Ajouré: „Kreise“ ist dein bereits fünftes Album – was ist anders, was ist musikalisch gleichgeblieben?

 
Johannes: Ich glaube, es ist schon eine Fortführung vom letzten Album. Vom Sound her bin ich wieder etwas „live-iger“ geworden – d.h. ich habe schon gleich versucht, mit der Band die Songs einzuspielen, anstatt mich vorm Rechner zu verschanzen und in Kleinstarbeit alles selber zu machen. Und inhaltlich glaube ich, ist es einfach noch breiter gefächert, indem ich mit den Themen weiter weg bin von den klassischen Singer-Songwriter-Themen wie Liebe, und Trennung.

In den letzten zwei Jahren ist einfach so viel passiert – nicht nur bei mir und in meinem privaten Umfeld, sondern auch im Weltgeschehen, was mich dazu bewogen hat, viel mehr Themen zu beleuchten – bei „Weiße Tauben“ geht es zum Beispiel um Politik, bei „Love Me Tinder“ um digital vs. analog – also darum, Dinge gesellschaftskritisch zu betrachten – dann geht es auf dem Album aber auch um das Urbane mit „Leuchtschrift“ und um das Dörfliche mit „Hundert Leben“. Ich habe dieses Mal also die Themen, die mich berühren, breiter aufgestellt.

 

Ajouré: Hast du die Themen inhaltlich vorab geplant?

 
Johannes: Nein, die habe ich vorher nicht geplant gehabt. Das kam aus einem inneren Drang heraus, etwas sagen zu müssen. Ich hatte eigentlich nie Lust, über Politik oder Religion zu singen, weil ich das immer für sehr private Themen hielt, aber ich bin jetzt auch in einem Alter, in dem ich mich wahnsinnig dafür interessiere und eine Haltung entwickelt habe, wodurch ich dieses Mal auch den Drang hatte, das aus mir heraus zu lassen. Die Themen plane ich also vorab nicht, aber ich gucke am Ende schon, welche sich ähneln und welcher Song dann relevanter oder besser ist, damit es keine Überschneidungen gibt und jedes Thema nur einmal vorkommt.

 

Ajouré: Wie war der Entstehungsprozess zu deinem neuen Album?

 
Johannes: Das Gute daran war, dass ich kein Konzept hatte. Ich habe zwei Jahre lang geschrieben, mir Zeilen überlegt, Ideen gesammelt. Zwischendrin bin ich dann immer wieder mal an die Nordsee gefahren, wo ich sehr gerne bin, wenn ich mal meine Ruhe brauche, und habe mich dort in ein Hotelzimmer verschanzt, mich sortiert und an den einzelnen Songs weitergeschrieben. Vieles davon habe ich dann auch schon mit der Gitarre ins Handy eingespielt und aufgenommen, um die ersten Melodien festzuhalten. Dann kam natürlich irgendwann auch der professionellere Prozess hinzu, bei dem man ins Studio geht und die Songs in richtig, gut und schön einspielt und aufnimmt. Das hat bei uns auch ein paar Wochen in Anspruch genommen. Aber wenn die Vision zu einem Song schon ganz klar da ist, und die habe ich Gott sei Dank immer, dann ist das Abarbeiten eigentlich gar nicht mehr so ein Akt.

 

Ajouré: Deine Alben erscheinen tatsächlich im 2-Jahres-Takt: Setzt du dir bewusst zeitliche Grenzen?

 
Johannes: Dieses Mal war ich sogar ganz verrückt und habe zwei Jahre und vier Monate Pause gemacht. Da habe ich die Leute mal richtig warten lassen! (lacht) Für mich hat das immer Sinn gemacht! Ich hatte immer viel Output und viele Songs in der Zeit geschrieben gehabt. Mir wird aber auch sehr schnell langweilig – wenn ich eineinhalb Jahre mit dem selben Song-Material unterwegs bin, lechzt jede meiner Zellen danach, wieder einmal etwas Neues zu machen. Ich will dann auch wieder einmal Gänsehaut kriegen, wenn ich einen Song zum ersten Mal auf der Bühne spiele. Denn ob man will oder nicht: Wenn man einen Song jeden Abend über mehrere Jahre spielt, dann hat man natürlich nicht mehr die gleiche Verliebtheit wie am Anfang.

 
 

 

Ajouré: Uns ist zu Ohren gekommen, du seist Perfektionist. Feilst du da eigentlich auch manchmal zu lange an Songs herum und musst dich „zwingen“, sie irgendwann auch einfach mal beiseite zu legen und gut sein zu lassen?

 
Johannes: Ich gebe mir eine gewisse Zeit. Ich schreibe einen Song, dann lege ich ihn zur Seite und hole ihn nach ein paar Wochen schließlich wieder heraus, um zu gucken was nach wie vor gut ist und was weg muss, wo bleibe ich hängen, was stört mich immer. Dann versuche ich wirklich bis zum Schluss, also einer Deadline, die ich mir manchmal selber setze, diese Dinge zu beheben. Wenn ich also immer wieder an einer Stelle hängen bleibe und mir ein Ton nicht gefällt, dann muss das ausgebessert werden, sonst würde ich auch, wenn der Song erschienen ist, immer daran hängen bleiben. Da gebe ich mir schon Zeit. Womit ich aber keine Probleme habe, ist irgendwann eine Entscheidung zu fällen – Gott sei Dank! Ich eiere da nicht lange rum: Wenn wir z.B. zu zweit in einem Raum sitzen und einen Song so abgefeiert haben, Gänsehaut und eine Träne im Auge hatten, weil es so schön war, dann ist auch fertig!

Dann kann ich auch sagen: So, und nun raus damit! Was ich dieses Mal aber anders gemacht habe, ist, dass ich die Songs sehr lange für mich behalten habe. Ich habe sie nicht schon die ganze Zeit anderen Leuten gezeigt, weil jeder einfach immer eine Meinung hat oder das Gefühl, etwas sagen zu müssen – was ja auch okay ist, nur verunsichert das oft auch und man denkt dann viel darüber nach. Deshalb habe ich bei dem jetzigen Album einfach so lange gewartet bis eigentlich alles fertig war und es gar keine Chance mehr gab, Dinge zu ändern.

 

Ajouré: In dem Titelsong „Kreise“ singst du in den ersten Zeilen „Oft sind Anfang und Ende der gleiche Punkt“. Wie genau meinst du das?

 
Johannes: Wir saßen alle im Studio und hatten die Idee, über Kreise zu schreiben und uns überlegt, was uns dazu alles so einfällt. Und dann sprudelte es aus allen Leuten nur so raus und uns wurde bewusst, wie viele Sachen mit einem Kreislauf zu tun haben – so globale Dinge wie: Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Tag und Nacht, Jahreszeiten, geboren werden, sterben, der Lebenskreislauf, Beziehungen. So ziemlich alles besteht aus einem Kreislauf – und da, wo etwas auf einem Kreis endet beginnt auch wieder etwas Neues. Und wie wir aus der Mathematik wissen, gibt es auf diesem Kreis unendlich viele Punkte und jeder davon kann ein Anfang und ein Ende sein. Diese Vorstellung davon gefällt mir und die Tatsache, dass man da so viel hineininterpretieren kann. Das hat den Song für mich auch so wichtig gemacht. Alle, die den Song hören, finden darin ihre eigene Geschichte. Somit ist der geschlossene Kreis wiederum offen für Interpretationen.

 
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Ajouré: Stimmt es, dass du zuerst deine Texte schreibst und die Musik dann erst später dazu kommt?

 
Johannes: Das Meiste entsteht schon dadurch, dass ich erst ein Thema habe – einen ersten Inhalt, eine erste Zeile – und mich dann frage, wie das klingen könnte. Ich schreibe also erst die Texte und dann kommt die Musik dazu. Vor vielen Jahren war das aber noch anders – da habe ich erst die Musik gemacht und stellte dann immer fest, dass ich ja noch einen Text dazu brauche und habe schnell etwas geschrieben. Damals waren mir die deutsche Sprache und die Texte aber noch nicht so wichtig.

Dennoch kommt es aber auch mal vor, dass ich den ganzen Tag mit einer Melodie herumlaufe oder sie immer wieder am Klavier spiele – das heißt, sie ist so gut, dass sie mich berührt, dass ich sie auf jeden Fall umsetzen muss. Auch jetzt sitze ich schon wieder am Klavier und spiele Harmonien, Akkorde oder Melodien und denke sofort daran, diese bereits für mein nächstes Album aufzunehmen, weil ich weiß, dass ich das nicht mehr loswerde und deshalb einen Song daraus machen muss. Daher gibt es auch diesen Weg, dass ich mich frage: Wonach klingt die Musik? Ist es traurig? Klingt es schön? Motivierend? Sehnsüchtig? Dann versuche ich, das richtige Gefühl dafür zu finden und dann findet sich so auch manchmal der Text zur Melodie.

 

Ajouré: Welcher Song ist dein liebster auf dem Album?

 
Johannes: Das ist schwer zu sagen und ist bei mir, wie sicher bei den meisten Menschen, immer auch situationsabhängig – je nachdem, wie man sich gerade fühlt. Aber ich erwische mich schon dabei, dass „Kreise“ auch mich mit einer Wucht abholt, weil es zwei große Gefühlswelten beinhaltet – zum einen eine Sehnsucht und Traurigkeit und zum anderen aber auch etwas Motivierendes und Hoffnungsvolles. Das sind Gefühle, die ich total wichtig finde und auch mag. Das alles taucht in dem Song auf und deshalb höre ich ihn auch total gerne und auch die Produktion und der Sound gefallen mir. Wenn ich dann aber auch mal Ruhe und etwas herunterfahren möchte und nachdenklicher bin, dann höre ich auch intimere Songs wie „Zwischen Mann und Kind“ oder „Freier Fall“.

 

Ajouré: Deine Freundin, Ina Müller, ist selber Musikerin. Tauscht ihr euch musikalisch aus?

 
Johannes: Ja, absolut! Es gibt natürlich schon einen kleinen Kreis, der mit in dem Entstehungsprozess involviert ist. Und gerade wenn sie auch vom Fach sind, ist das gut, aber ich habe auch bewusst Laien im engeren Kreis, die rein nach ihrem Geschmack gehen und mir ihr Feedback geben. Bei Ina ist das natürlich genauso, ich lege sehr viel Wert auf ihre Meinung. Sie hat gute Antennen für schöne Melodien, aber auch für Inhalte, die gut in Worte gefasst wurden. Da unterstützen wir uns sehr und sagen auch, wenn etwas z.B. grammatikalisch keinen Sinn macht. Sowas ist natürlich wahnsinnig viel wert.

 

 

Ajouré: Kannst du mit Kritik umgehen?

 
Johannes: Nein! Ich kann überhaupt nicht gut mit Kritik umgehen. In meiner Musik steckt so viel Persönliches und so viel, was mein Leben bedeutet drin. Wenn man jetzt übertreiben würde, könnte man sagen: Ich habe doch nur meine Musik! Und deshalb ist mir das auch so wichtig. Wenn jemand meine Musik nicht mag, fühlt sich das manchmal so an, als würde man mich persönlich auch nicht mögen. Das schaffe ich auch nicht immer abzulegen. Ich tu mich daher wahnsinnig schwer mit Kritik. Man will immer wie ein kleines Kind Applaus, für das was man macht, bekommen. Das ist aber natürlich nicht immer der Fall und ich muss mich daran auch immer wieder gewöhnen. Dann bin ich auch erst einmal ein, zwei Tage beleidigt, reflektiere dann aber in Ruhe und revidiere dann auch oft meine Meinung.

 

Ajouré: Wie gehst du mit Kritik speziell aus den Medien um?

 
Johannes: Da habe ich einen Schutzmechanismus eingebaut und versuche zu vermeiden das alles zu lesen. Also auch Konzert- und Platten-Kritiken lese ich eigentlich gar nicht mehr gerne, weil ich eben weiß, dass mir das sehr nahegeht und ich nicht die Chance habe, mich zu rechtfertigen. Natürlich ist Musik auch immer eine Geschmacksache – ich kenne das ja auch selber von mir, dass, wenn ich einen Song zur falschen Zeit höre, ihn auch ganz schnell mal schlecht finden kann. Und Kommentare aus dem Internet darf man nicht immer so ernst nehmen – ich vermeide das immer zu lesen. Umso mehr freue ich mich, wenn ich eine Tour spiele und sehe, wie viele Leute kommen, die wirklich zu 100 % Bock auf mich und meine Musik haben. Das ist dann das größte Kompliment.

 

Ajouré: Zurück zu Ina und dir: Ihr seid schon eine ganze Weile zusammen. Wie schafft ihr es, wo ihr beide ja so viel unterwegs seid, eure Beziehung aufrecht zu erhalten? Was ist euer Rezept?

 
Johannes: Ich glaube da gibt es kein Rezept – das ist typabhängig. Wenn man so ein Typ ist, der auch gerne mal alleine und eigenständig ist, und vielleicht auch so ein bisschen egozentrisch veranlagt ist, dann kann man sich auch gut alleine beschäftigen. Deshalb hat uns das auch nie gestört, wenn der eine mal vier Wochen irgendwo auf Tour ist und man sich nur mal kurz sieht. Ich sage immer, solange sich das gesund und normal anfühlt, gibt es keinen Grund zur Sorge und das hat es bisher auch noch nicht. Ganz im Gegenteil: Ich mag das sogar, dass ist so, als hätte ich zwei Leben. Einmal mein Musik-Leben, in dem ich im Mittelpunkt stehe und dann gibt es eben auch das andere Leben, das privater und abgeschirmter ist.

 

Ajouré: Im Herbst geht es wieder auf Tour. Was ist bis dahin alles geplant?

 
Johannes: Ich habe schon versucht, dass die Tour das große Ding sein soll und ich will mich bis dahin etwas zurückziehen – auch gerade live, sodass die Leute alles was neu ist erst bei den Konzerten erleben werden. Das ist aber natürlich nicht ganz einfach, gerade jetzt, wenn die Plattenveröffentlichung bevorsteht, steht man schon sehr in den Medien, gibt Interviews und macht TV- und Radio-Auftritte. Hier und da finden dann auch mal kleinere Live-Auftritte statt, aber im Grunde soll das auch die Ruhe vor dem Sturm sein, weil die Tour für mich dann das Highlight einer neuen Platte ist und auch die Essenz, live Musik zu machen und aktiv auf einer Bühne zu stehen.

Bis dahin werde ich mich fit machen und versuchen, weiterhin Nichtraucher zu bleiben, um Luft zu haben für die Tour. Ich glaube, wir werden uns etwas Besonderes einfallen lassen, damit die Tour noch eins aufs Album oben draufsetzt und damit nicht jeder Song wie auf der Platte klingt. Darauf können sich die Leute dann auch immer verlassen – auf das Live-Erlebnis, das noch einmal eine andere Ebene aufmacht. Nicht nur, weil man uns auf der Bühne sieht, sondern weil wir uns auch immer etwas einfallen lassen, was es so auf anderen Konzerten und bei anderen Live-Künstlern vielleicht nicht gibt. Ich lasse meine Fans bis dahin also etwas schmoren. (lacht) Ich weiß, das ist hart – ich bin selber ja auch Fan von Musik und mich nervt es total, wenn ich lange auf neues Material von meinen Heroes warten muss.

 

Ajouré: Wen hörst du denn persönlich eigentlich selber gerne?

 
Johannes: Ich mag z.B. Bruce Springsteen sehr gerne. Allerdings ist es nicht immer nur die Musik, die mir gefällt, sondern eben auch die Art und Weise, wie sie über Jahrzehnte beständig da sind oder wie sie sich durchgebissen oder zurückgekämpft haben. Udo Lindenberg ist auch ein schönes Beispiel dafür. Überhaupt auch dafür, eine eigene Sprache zu entwickeln, eine eigene Lyrik, die wir so in Deutschland bis dato nicht hatten – so ein bisschen dieser Straßen-Slang. Stevie Wonder mag ich einfach tierisch gerne als Komponist und Sänger. Und etwas moderner gedacht, weg von den ganz großen, höre ich auch gerne Ed Sheeran oder Bruno Mars. Das sind alles so Typen, denen es egal ist, ob sie einen Sound haben oder ob jeder Song anders klingt. Sie zeigen einfach, was in ihnen steckt und was sie können – egal ob Ballade oder mal ein Funk-Song. So sind meine Alben ja auch – jeder Song klingt anders und ich habe nicht nur diesen einen „Oerding-Sound“, sondern es geht dabei eher um die Inhalte.

 
Johannes Oerding cover
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Fotos: Marcel Schaar; PR/Amazon

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