Dandy Diary – Zwei Berliner, die die Fashion-Szene gehörig durcheinanderwirbeln

        Dandy Diary    

Carl Jakob Haupt und David Roth sind gerade definitiv die coolsten und freshsten Typen, wenn es um Männermode geht. In ihrem Blog „Dandy Diary“ sagen die zwei Berliner nicht nur was hip ist – sondern sorgen mit ihren Aktionen, Kooperationen, legendären Parties und ihrer absolut coolen, unverblümten Schreibweise in der sonst so glamourösen Fashion Szene ebenfalls für jede Menge Aufsehen. Im Interview verrät Carl Jakob Haupt, wieso ein Pimmel immer geht, was total future ist und warum Großstädter cooler sind.

 

Euer Blog „Dandy Diary“ gehört zu den erfolgreichsten in Deutschland, ihr seid international Gesprächsthema. Was ist euer Erfolgsrezept?

Zunächst einmal unsere Positionierung: Zwei Hetero-Männer, die vegan leben, schreiben über Männermode – das gab und gibt es so noch nicht. Außerdem kamen wir zur richtigen Zeit. Als wir angefangen haben, gabs kaum Modeblogs. Das macht es natürlich leicht, herauszustechen. Noch dazu, wenn man so blendend aussieht, wie wir.

Auch wenn es oftmals so wirkt, als würden wir vieles auf dem Blog intuitiv machen, sind wir eigentlich sehr strukturiert, sehr straight, arbeiten konzentriert und planen unsere Aktionen gründlich und lang.

Mittlerweile nimmt das so viel Zeit in Anspruch, dass wir beide Vollzeit für Dandy Diary arbeiten. Früher haben wir das neben dem Studium und dem Job betrieben. Das würde heute nicht mehr gehen. Dafür ist zu viel zu tun.

 

Die Modeszene war bisher eher etepetete. Bis ihr kamt. Ihr pfeift auf Glamour und Glanz und zeigt, dass genau das auch Fashion ist. Braucht die Branche eine Revolution?

Nein, eine Revolution braucht sie wahrscheinlich nicht. Die Branche könnte aber trotzdem hin und wieder mal etwas kantiger sein, etwas weniger risikoscheu und spannender. Nicht immer nur Glamour und Champagner und diese kleinen Häppchen in Porzellanschälchen.

Sie langweilt uns schon sehr, die Modebranche. Deshalb schießen wir von Zeit zu Zeit etwas Zunder rein, um die Sache interessant zu halten.

 
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Wie muss man sich euer Leben vorstellen? Ist sogar euer Badezimmer hip?

Ich habe aktuell gar keine Wohnung, also auch kein Badezimmer, das besonders hip sein könnte. Das Badezimmer von David ist, wenn ich an dieser Stelle mal ein wenig indiskret sein darf, sehr unhip. Es gibt nicht mal ein Fenster.

Wie unsere Leben sonst so aussehen? Sie ergänzen sich in erster Linie sehr gut. David ist ein Frühaufsteher, um 7 Uhr ist er wach, fängt an zu arbeiten und screent die ersten Trends aus Japan und Südkorea. Ich stehe erst gegen Mittag auf, meist so gegen 11, manchmal später, selten früher. Ich erlaube mir den Luxus, keinen Wecker zu besitzen. Dann trinke ich einen Kaffee, schaue was es Neues in dieser gottverlassenen Modewelt gibt und schreibe meine Meinung dazu auf.

Dann haben wir eigentlich jeden Tag Termine mit Kooperationspartnern, Agenturen, Mode-Labels, unserem Event-Team und total vielen anderen Leuten, die irgendwas von uns oder wir etwas von ihnen wollen. Im Schnitt sind es zwei, drei Meetings pro Tag, um unsere Projekte voranzutreiben und neue zu starten. David macht dann irgendwann Feierabend und widmet sich seiner Pilzzucht. Ich arbeite meist etwas länger. Nachts kommen nicht so viele E-Mails und Anrufe, sodass ich in Ruhe schreiben kann. Außerdem wird man abends weniger blöd angeschaut, wenn man kistenweise Rotwein bestellt, als morgens.

Neben der ganzen Arbeit in Berlin sind wir viel auf Reisen. Pro Monat sind wir sicherlich mindestens zwei Wochen unterwegs.

Unsere Arbeit ist irre abwechslungsreich und eigentlich ziemlich lässig. Wir werden ständig zum Essen eingeladen, halten unsere Meetings in der Sonne ab, treffen Geschäftspartner an den schönsten Orten der Welt und arbeiten mit koolen Marken zusammen. Und trotzdem können wir auf dem Blog unverblümt und im Zweifel mit voller Härte schreiben, was wir denken. Ich würde mit niemandem tauschen wollen.

 

Ein Riesenpenis steht in eurem Büro, ihr habt einen Fashion-Porno gedreht, ein sagen wir mal sexistisches Quartett entwickelt, bei der Show von Dolce & Gabanna in Mailand einen Nacktflitzer auf den Laufsteg geschickt – und habt damit ganz schön geschockt. Ist euch Sex so wichtig oder ein gutes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erlangen?

Sowohl als auch. Sex ist mir wichtig, mache ich gerne, ist ne tolle Sache. Und Sex ist ein probates Mittel für Aufmerksamkeit. Ein Pimmel funktioniert immer. Solange es funktioniert, machen wir das gerne. Wir werden uns aber nicht wiederholen. Es wird keinen zweiten Fashion Porno geben, beispielsweise mit einem homosexuellen Paar, wie uns von mehreren Seiten vorgeschlagen wurde. Das ist dann nicht mehr interessant. Das hatten wir ja schon so ähnlich. Wir machen dann lieber neue, andere Sachen. Und wenn man dann Nacktheit wieder einsetzen kann, machen wir das. Wenn es nicht passt, dann nicht. Wir sind da nicht dogmatisch, auch wenn ich Nacktsein super finde.
 

Ihr designt mittlerweile für verschiedene Firmen. Wäre ein eigenes Label nicht einmal eine logische Konsequenz – und wenn ja, wie würde die Kollektionsbeschreibung lauten?

Wir haben natürlich schon mal darüber nachgedacht, ein eigenes Label zu gründen. Aber eigentlich haben wir daran kein Interesse und auch gar nicht die Zeit dafür.

Wir haben außerdem nicht die technische Expertise, kennen uns mit der Produktion nicht aus.

Wir haben aber gewisse ästhetische Vorstellungen und bringen diese ästhetischen Ideen gerne in Projekte mit unterschiedlichen Designern, Marken und Produkten ein. Es macht Spaß, in verschiedene Felder zu stoßen: Mal designen wir einen Turnschuh, dann eine Lederhose, ein Hemd, einen Rucksack. So können wir uns austoben und limitieren uns nicht auf eine Marke.

 
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Was sind für euch die Go`s und No Go`s in der Männermode?

Go`s sind aktuell ganz klar: Alles, was funktional ist. Moderne Stoffe, High Tec, Bionic, dynamisch und modern. Alles, was die Körperfunktionen unterstützt und bestenfalls extrem sportlich aussieht. Beispielsweise Performance Schuhe, Shirts aus coolen funktionellen Materialien, Brustpanzer, Armbandagen… Und Mundschutz. Ist in vielen Ländern und am Flughafen sehr wichtig – wenn er auch noch nach Straßenkampf aussieht, umso besser! Damit kann man grad nichts falsch machen.

No Go`s: Wir beschäftigen uns ja eigentlich nicht so oft mit dem, was nicht angesagt ist. Was für mich aber grad nicht so richtig geil ist, sind Vintage und Second Hand. Das ist over. Nicht modern. Vintage ist vorbei – für den Moment.

 

Wir würdest du deinen eigenen Style beschreiben?

Momentan: Schwarz. Ist das einfachste, da ich ja gerade wohnungslos bin und aus dem Koffer lebe. Schwarze Drei-Viertel-Hose, klassisches schwarzes T-Shirt, das natürlich auf keinen Fall zu eng sitzen darf, alles ziemlich basic eigentlich. Und natürlich verschiedene Sneakers, aktuell am liebsten von Raf Simons.

Mein Stil war in letzter Zeit eher prollig, an die modernen Marzahner Arbeiterklasse angelehnt und an die englischen Chavs. Jetzt, zum Winter hin, werde ich vielleicht etwas klassischer. Mit Rollkragenpullover, Lederschuhen und dem ganzen Shit.

 

Und was geht bei Frauen gar nicht?

Frauen finde ich generell super, gibt nicht vieles, was ich nicht mag. Aber um dabei zu bleiben: Vintage finde ich grad nicht cool. Nike Air Max sollte auch keine Frau mehr tragen, genauso wie Leggings. Das muss nun wirklich nicht mehr sein. Und bitte nicht zu viel Make-Up. Oh – und bitte sämtliche kaputten Boyfriend-Jeans wegschmeissen.

Weniger ist mehr. Lieber eine richtig gute Hose, als fünf schlechte. Oder gleich einen Rock.

Ganz besonders sexy ist natürlich vor allem ein eigener Stil. Eine Frau sollte sich, dasselbe gilt übrigens für uns Männer, nicht verkleiden oder Trends hinterherlaufen, die vielleicht gar nicht zu ihr passen. Das ist uncool. Das sieht man sofort.

Man braucht zu vielen Styles schon die passende Persönlichkeit. Und manchmal auch den entsprechenden Körper.

 

Ohne welche Dinge könntest du im Moment nicht leben?

Ich könnte wohl nur sehr schwer leben ohne mein iPhone. Das ist mehr oder weniger mein komplettes Büro. Darin habe ich alle meine Kontakte, gespeicherte Texte, Fotos. Weil ich viel reise bin ich außerdem sehr auf meinen unkaputtbaren Rimowa-Koffer in „Cabin Size“ angewiesen. Darin habe ich dann eine schwarze Stoffhose, ein Hemd, ein paar saubere Schuhe. Damit hat man nirgendwo Probleme, bekommt in jedem Restaurant einen Tisch und im Flugzeug im Zweifel ein Upgrade. Funktionierende Kreditkarten und meinen Reisepass habe ich auch immer griffbereit. Genauso wie Ladekabel und internationale Adapter.

Eigentlich braucht man nicht viel. Vor allem nicht viele Klamotten. Meine Garderobe zum Beispiel, tausche ich jedes halbe Jahr komplett aus. Darin gibt es keine Dinge, ohne die ich nicht leben könnte. Im Gegenteil.

 
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Ihr reist viel durch die Weltgeschichte, jettet von einer Fashion Week zur nächsten… Wo haben die Leute den besten Style?

Den avantgardistischsten und interessantesten Look haben die Menschen in London. Da sehen aber nicht alle gut aus, viele sind eher over the top, haben sehr starke, bewusst künstliche Looks. Modisch ist das sehr interessant, sieht aber nicht immer klassisch gut aus. In Kopenhagen hingegen sehen einfach alle total gut aus. Sie tragen die richtigen Marken, die richtigen Größen, die richtigen Farben. Und das wichtigste: sie besitzen eine ziemliche Lässigkeit. Und Mode, die mit Lässigkeit getragen wird, ist ja eh immer total cool. Zu viel Anstrengung schadet oftmals.

 

Braucht Deutschland ein Fashion-Make-over?

Definitiv! Die Deutschen sollten sich mehr mit ihrem Aussehen beschäftigten. Alle.

In Deutschland gibt es leider keinen so richtig ausgeprägten Sinn für Ästhetik, außer vielleicht im Autobau und der elektronischen Musik.

Das ist natürlich eine Generationen- wenn nicht gar eine Sisyphosaufgabe, den Deutschen einen guten Stil zu lehren.

Allein hier im Café in Berlin sind grad sieben Menschen vorbeigelaufen, von denen einfach niemand gut oder inspirierend aussah. Ich bezweifele, dass das in Paris so wäre.

Aber das ist ja auch ein bisschen unsere Mission: den Deutschen einen Zugang zur Mode zu geben.

 

Ihr habt euch auch schon als Sänger versucht, mal im Boygroup-Style der 90er, mal kitschig in einem Christmas-Song – und nehmt euch, die Branche und andere damit selbst gehörig auf die Schippe. Fehlt es den meisten Menschen an Selbstironie?

Sicherlich. Aber Ironie ist eigentlich schon wieder out. Ich versuche mich gerade in Post-Ironie und einer aufrichtigen Ernsthaftigkeit. Auch unsere Songs und Videos sind nicht ironisch gemeint. Im Gegenteil. Sie sind eine Hommage. Ich finde die Backstreet Boys wirklich gut. Und was wir zeigen wollten: diese Mode, die die Jungs damals, Ende der 90er, getragen haben, ist wieder da. Das sind keine Vintage-Teile, die wir da in den Videos tragen, sondern Kollektionen aktueller Designer.

Unsere Musik-Projekte sollten nicht ironisch gelesen werden, sondern auch als Hinweis darauf, was wiederkommt, was zitiert wird, was jetzt schon wieder in ist. Wir haben uns nicht lustig gemacht über Boygroups. Nichts läge uns ferner. Wir haben einen Kommentar zu aktueller Mode abgegeben. Das ist nicht ironisch, sondern ernst.

 
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Die 90er sind gerade ein riesen Thema bei euch. Das beste Jahrzehnt?

Ne, definitiv nicht. Und es ist eigentlich modemäßig bei uns auch schon wieder vorbei. Die 90er sind abgefrühstückt. Wir sind jetzt bei den early 2000s. Die finden wir sauspannend.

Das beste Jahrzehnt, finde ich, ist übrigens immer das Jahrzehnt, in dem man gerade lebt. Alles andere ist Nostalgie. Und das ist schrecklich. Jetzt ist gut.

 

Schlaghose oder Skinny Jeans?

Im Moment würde ich sagen weder noch. Ein normal breites Bein, gerade geschnitten, etwas zu kurz. Das ist perfekt. Aber im Sinne der Avantgarde glaube ich, dass ich im Januar zur Fashion Week eine Schlaghose anziehen werde. Die kommt definitiv wieder. Vielleicht auch zu unserer Party. Wer weiß das schon?

 

Wie geht es weiter mit Dandy Diary? Was sind die nächsten Projekte?

Wir waren gerade in Schottland und haben dort einen Tweed-Hersteller besucht, aus dessen Stoff wir aktuell ein Produkt designen. Das kommt im Frühjahr 2015 raus und wird natürlich ziemlich super.

Im Oktober fliegen wir nach Indien und drehen zwei Videos, zu denen ich jetzt noch gar nicht viel sagen mag. Das Projekt machen wir auf eigene Faust, ohne Partner. Soviel sei schon mal verraten: Es werden ästhetische Kommentare zu aktuellen Marken.

Dann haben wir einen Turnschuh für Kangaroos designt, der wird Ende November auf den Markt kommen. Miky the Streaker, der für uns in Mailand bei D&G über den Laufsteg geflitzt ist, war da die ästhetische Inspiration. Den Schuh haben wir folglich „Streaker Sneaker“ genannt.

Außerdem haben wir Schmuck designt mit einem 3-D-Druck-Label. Die Vorlagen kann man sich von überall auf der Welt bei Dandydiary.de herunterladen und in einer lokalen 3-D-Druckerei ausdrucken – sei es in Buenos Aires, Tokio, London, New York. Überall. Ist total future. Bald drucken wir uns sicher auch unser Frühstück aus. Oder Jeans. Oder eine Freundin. Jetzt halt erstmal unsere Ketten. Es ist: ein Anfang.

Und natürlich machen wir im Januar wieder unsere Fashion Week-Party.

Es gibt genug zu tun. Wir haben noch was zu erledigen.

 

www.dandydiary.de

 
Dandy Diary
 

Fotos: Paul Aidan Perry

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