Lollapalooza Review – Berlin 2015

        Macklemore & Ryan Lewis waren am Samstag abend einer der Hauptacts.    

Die erste Frage, die sich vermutlich den meisten Musikfans am Anfang stellt, ist: Was bedeutet Lollapalooza? Eine exakte Bedeutung gibt es nicht. Der Begriff soll auf ein Zitat aus einem Film der drei Stooges zurückgehen und soll so etwas bedeuten wie “Etwas sehr Außergewöhnliches”. Beim Blick auf das Festival wird schnell klar, dass es einige außergewöhnliche Merkmale besitzt, sich aber sonst kaum von anderen Festivals unterscheidet.
 

Das Gelände

Die Musikfans können zwischen vier Bühnen wählen. Neben den zwei Main Stages gibt es die Alternative Stage und die Perry’s Stage. Der größte Vorteil ist, dass die Bühnen im Vergleich zum früheren Berlin Festival nun nicht mehr in den Hangars am Berlin Tempelhof stehen, sondern deutlich weiter vorne auf dem Rollfeld. Wer statt Live-Musik gerade Lust auf eine andere Art der Unterhaltung hat, konnte gemütlich über den “Grünen Kiez” mit seinen zahlreichen Ständen schlendern. Dort gab es Infos zum Thema Umwelt und diverse Workshops. Die Modefans fanden ihr Zentrum beim “Fashionpalooza” und auch für die Kids war enorm viel geboten beim “Kidspalooza” mit Skateboard-Halfpipe, diversen Sportplätzen, sowie einem Zirkuszelt. Der Zirkus auf dem Festivalgelände war dagegen eine Mischung aus Luftakrobatik und einer verrückten Mad Max Show mit Buggys, die quer über das Gelände fahren.
 

Die Organisation

Beim Blick auf die Gesamtorganisation des Lollapalooza fällt das Urteil zweigeteilt aus. Die Festivalplaner haben sich in mehrfacher Hinsicht völlig verschätzt und so den Samstag zu einem Chaostag werden lassen. Die Anzahl der Toiletten hätte schon ohne Probleme mit der Abwasserkanalisation und teils überlaufenden Toiletten nicht gereicht. So wurde aus der Not heraus der hintere Zaun zur längsten Freipinkelzone der Stadt. Erst am Sonntag war die Situation durch ausreichend Toiletten, die über Nacht aufgestellt wurden, deutlich entspannter.
Ähnlich verhielt es sich bei den Essensständen. Das Angebot war breit – von klassischer Bratwurst und Pizza bis hin zu vegetarischem und veganem Trendfood. Aber auch hier hatten die Veranstalter viel zu wenige Stände aufgebaut. Einmal anstehen für etwas zu Essen dauerte so lange, wie ein komplettes Konzert. Jedoch zeigten sich die Organisatoren vom Lollapalooza lernfähig und bauten für den Sonntag Zusatzstände auf, um diese Situation zu entlasten. Das bargeldlose Bezahlen ist zwar bequem, man verliert aber schnell den finanziellen Überblick und ohne ausreichende Essensstände hilft das auch nicht. Lediglich bei den Getränken gab es durchweg keine Probleme, egal ob Softdrinks, Bier oder Cocktails. Man kann nur hoffen, dass die Organisatoren aus dem Desaster am Samstag für das Lollapalooza 2016 die richtigen Schlüsse ziehen.
 
Lollapalooza Beleuchtung

 

Die Konzerte am Samstag

Der erste Act, der eine größere Anzahl von Fans vor sich versammeln konnte, war James Bay. Der Singer-Songwriter mit dem schwarzen Hut und dem Ghostbusters T-Shirt performte mit kraftvoller Stimme und Gitarre zahlreiche Folkballaden wie “Hold Back The River”. Wem diese Musik zu langweilig und uninspirierend war, wurde wahrscheinlich auch von den Mighty Oaks enttäuscht. Das Trio aus Berlin spielte ebenfalls melancholischen Folk, erreichte damit aber nur wenige Fans. Mit ihrer Musik störten sie dagegen unfreiwillig den Auftritt von MS MR auf der benachbarten Alternative Stage. Das allerdings war die Schuld der Organisatoren. Denn die Soundabgrenzung zwischen der Main Stage 2 und der Alternative Stage war grottenschlecht. So wurde der oft zu leise Sound auf der Alternative Stage mehrfach von der benachbarten Main Stage 2 überlagert. Darunter hatte nicht nur MS MR am Samstag zu leiden, sondern auch Clean Bandit am Sonntag.

Neben bekannten Stars taucht auch der Gründer des Lollapalooza Festivals auf der Bühne in Berlin auf. Perry Farrell performt live, wie könnte es anders sein, auf der Perry’s Stage. Gemeinsam mit Ehefrau Etty Lau Farrell singt und trommelt der US-Rockmusiker, während die Beats vom französischen DJ Joachim Garraud kommen. So füllen sie schon kurz nach Beginn ihres Sets den anfangs noch fast leeren Bereich vor der Bühne und bringen die Area in kürzester Zeit zum Kochen. Da war es schwer, sich zu entscheiden, weil zeitgleich auch die Parov Stelar Band mit ihrem Songmix aus Jazz, Swing und Elektrosound performten, ebenso wie die Synthiepopper Hot Chip aus London.

Das Kultkonzert des ganzen Festivals war dann eindeutig die neugebildete Formation FFS. Der Zusammenschluss der schottischen Indierocker Franz Ferdinand mit den Sparks war eine großartige Glamshow, vollgepackt mit Selbst-ironie, wie etwa “Collaborations Don’t Work”. Trotz neuer Songs performten beide auch alte Hits wie den Rockklassiker “Take Me Out” von Franz Ferdinand oder “When Do I Get To Sing My Way” von den Sparks.

Abgerundet wird der Samstag zunächst von Deichkind, die mit rollendem Fass durchs Publikum fahren und mit “Bück Dich Hoch” das Publikum zum Ausrasten bringen. An den Libertines wiederum scheiden sich die Geister. Von vielen Kritikern geliebt, sind sie dennoch nicht massenkompatibel. Da kann Carl Barat noch so viel Rockcharme versprühen. Vor ihrer Bühne versammeln sich nicht annähernd so viele Zuschauer wie bei Headliner Macklemore & Ryan Lewis. Dort stört jedoch das viele Gequatsche, ein typisches Zeichen für einen Act mit nur einem Album, der als Headliner eine 90-Minuten-Show mit zu wenig SongMaterial spielen soll.
 
Lollapalooza Berlin 2015

 

Der Sonntag

Nach den erwähnten organisatorischen Verbesserungen am Sonntag wurde es zunächst ein eher chilliger Konzerttag. Nach Clean Bandit, die ohne ansprechende Akustik nicht auf Topniveau performten, waren zunächst die DJs auf der Perry’s Stage der große Anlaufpunkt. Dort ballerte Kygo eine fette Party ab, während die anderen Bühnen mit Acts wie Belle & Sebastian oder den Stereophonics nur schwer in die Gänge kamen. Nach den Beatsteaks mit ihrem rauen Berliner Kiezcharme und dem geschmeidigen Sam Smith mit seiner angenehmen Schmalzstimme begann das große Festivalhighlight, die Party von Seeed. Keine andere Band zog so viele Zuschauer an, performte mit so viel Power und erntete so viel Applaus wie die Berliner Dancehallformation.

Diese Partybombaststimmung konnte auch der vermeintliche Headliner Muse nicht annähernd toppen, auch wenn sie sich mit fetten Gitarrenriffs alle Mühe gaben. Nach rund einer Stunde war dort die Luft raus und hunderte Fans wollten schon das Gelände verlassen, wurden aber von Martin Garrix nochmal zur Perry’s Stage gezogen. Der DJ feuerte dort eine gigantische Lasershow, getoppt von heiß brennenden Feuersäulen, ab und hielt so viele Zuschauer bis zum Festivalende auf dem Gelände fest.
 

Fotos: Tobias Bojko, Stephan Flad

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