Kolumne: Von Obstsalat und anderem Scheiß

        Kolumne: Von Obstsalat und anderem Scheiß    

Was war nochmal wichtig?

Neeeee, was könnte unser Leben manchmal einfach sein, würde es nicht diesen immer größer werdenden Haufen an Dingen geben, dir einem tagein und tagaus auf den Keks gehen. Waren all diese Faktoren so oder so ähnlich bereits früher vorhanden und haben wir sie nur nicht bemerkt, oder hat sich einfach tatsächlich vieles zum vermeintlich Negativen verändert? Ich kann solange ich will versuchen positiv zu denken, wenn meine Nervenstränge von Trash gerusht werden und es zunehmend anstrengender wird, diese auszublenden oder mit ihnen zu leben. Und das Beknackte an diesem unnötigen Stress ist, dass wir meistens nicht einmal selbst etwas dafürkönnen, denn oftmals liegt es in der Verantwortung unserer Umwelt, die uns das Leben versucht schwer zu machen. Da stellt sich die Frage, weshalb das so ist bzw. weshalb unsere Umwelt so anders denkt und handelt als wir. Ist fehlende Empathie die Antwort? Ist die moderne Zeit dafür verantwortlich? Sind die anderen einfach auch genervt und lassen ihren Frust an uns aus oder sind es gar andere Faktoren, die zunehmend eine größere Rolle spielen?

Monat für Monat überlege ich, über welches Thema meine nächste Kolumne wohl gehen könnte. Allein dieser Gedanke nervt mich bereits, denn es gibt viele Themen, von denen aber nicht immer jedes als Kolumne passen würde. Dann muss ich mir die Frage stellen, ob die Ideen zur nächsten Kolumne zu privat sein würden oder ob sich mit ihr jemand auf den Schlips getreten fühlt. Also fliegt eine Idee nach der anderen wieder raus und übrig bleiben Themen, die mir schon beim Gedanken daran den Schlaf in die Augen treiben. Also wieder von vorne nachdenken. Natürlich ist in diesem Moment alles um mich herum interessanter als ein Gedankengang zu einem neuen Thema. Ich bin also abgelenkt und nicht abgeneigt, meinen gedanklichen Entgleisungen nachzugehen und zack – der Redaktionsschluss ist in 24 Stunden und was ich nicht habe, ist eine Kolumne, geschweige denn ein Thema. Dafür hatte ich aber in den letzten drei Wochen viele tolle Gedanken – denen ich natürlich allen bis aufs Kleinste nachgegangen bin. Wann kommt zum Beispiel das neue iPhone? Ah, am 12. September. Ist es besser, als das neue Samsung Note 9? Wahrscheinlich nicht. Mal schnell bei Google suchen, was man so für Leaks finden kann. Ich nehme wohl das Samsung, aber das große. Google Shopping sage ich wohl direkt mal hallo. Und schon stelle ich fest, dass es das 512 GB Note 9 nirgends gibt. Um sicherzugehen, rufe ich mal in jedem Media Markt Berlins an. Gründlichkeitshalber auch noch in jedem Saturn, beim Samsung-Store am Ku’damm und natürlich den Samsung Support irgendwo in Deutschland, denn wofür gibt es sonst solche Hotlines. Es gibt das 512 GB Smartphone noch nicht – erst ab dem 12. September. Moment, da war doch die Apple Key-Note fürs neue iPhone. Ok, dann warte ich. Was ein Stress. Ich brauche Urlaub. Mal schauen, was die Lufthansa so zu bieten hat. New York, interessant. Oh, Los Angeles, da war ich auch ne Weile nicht. Mal schauen, was es kostet, wenn man beide Strecken kombiniert. Doch mit dieser Suche beginne ich besser erst morgen, denn es ist 16:15 und eigentlich habe ich Feierabend. Ich werfe also einen Blick auf meine tägliche To-do und merke: Morgen muss ich doppelt so viel arbeiten, damit ich das von heute erledigt bekomme. Besser, wenn ich den Wecker etwas früher stelle. Etwa eine Stunde. Oder besser eine halbe Stunde. Ok, 25 Minuten sollten reichen.

Wie der nächste Tag beginnt, sollte klar sein: Nervig. Und weil ich das weiß, bleibe ich lieber noch etwas liegen und lese Zeitung. Verdammt – ich muss raus. In 15 Minuten muss ich im Office sein. Und wieder: Stress. Wer war schuld daran? Klaro, ich. Ich versuche mich also zu bessern und bin der Meinung, dass ich in Zukunft weniger genervt sein werde.

Von wegen. Selbst wenn ich mich im Griff habe, habe ich keinen Einfluss auf das, was von außen kommt. Ich bin meinem Schicksal also ausgeliefert und bewaffne meine Nerven mit einer Teflon-Ummantelung, damit einfach alles an ihnen abprallen kann. Doch auch Teflon hat, wie ich feststellen muss, eine irgendwann begrenzte Belastbarkeit. Und los geht’s… Die nervigsten Dinge des Tages, die wir wohl alle kennen:

Ich mache eine kleine gedankliche Pause von der Arbeit und starte Instagram. Was mir entgegenflattert, sind Fotos von Essen, Fotos von Katzen und Fotos von Hunden. Oh, und die neuen Fingernägel sind wohl auch ganz hoch im Kurs, denn weshalb sollte man sie sonst fotografieren und online stellen? Ich könnte zu der Meinung gelangen, dass 50% aller weiblichen Instagrammer seit neuestem Foodblogger sind. Würde aber keinen Sinn machen, denn dafür haben sie mit 750 Follwern einfach viel zu wenig zu melden. Also weshalb fotografiert man ständig den bekloppten Salatkopf, der vor einem steht? Oder sein Entrecôte? Sein Glas Wein, Stück Brot oder gar den Brotaufstrich? Man muss sich das mal so vorstellen: Die Stories auf Instagram werden mittlerweile mehr angesehen, als die Bilder, die gepostet werden. Warum? Keine Ahnung, ist laut Umfragen aber so. Bewegtbilder sind halt einfach besser als Fotos. Du siehst also oben in den Stories ein Foto einer (dir unbekannten) Instagrammerin. Dieses Foto sieht heiß aus, auch wenn es sehr klein ist. Du denkst dir „hübsch, schaue ich mir an“ und klickst drauf. Und bäääm – ein Obstsalat. Dummerweise ist diese Userin nicht die einzige, die sowas postet, denn das würden deine Nerven ja überleben. Also schließt du Insta wieder und überlegst, was du stattdessen tun könntest.

Wie hieß dieses andere soziale Netzwerk noch gleich, welches kaum noch jemand benutzt? Ach ja richtig, Facebook. Mal schauen, ob sich hier was getan hat. Erster Beitrag: Fremdenfeindlichkeit. Zweiter Beitrag: Diesel-Gate. Dritter Beitrag: Trump. Vierter Beitrag: Die Instagramverlinkung eines Rote Beete-Auflaufs. Was all diese Posts (mit Ausnahme der Rote Beete) gemeinsam haben? Sie sind negativ. Und genau dieses negative Getue von Menschen mit gefährlichem Halbwissen schlägt sich auf unsere Laune nieder, denn viele von diesen „Postern“ haben von der Materie so wenig Ahnung, wie ich von Rote Beete-Auflauf. Mir bleibt also nicht viel übrig, als diesen Leuten zu „entfolgen“. Oder besser noch – ich lösche meinen Account. Facebook ist eh irgendwie fertig und für kaum noch jemanden interessant, es sei denn, er möchte etwas Negatives hinterlassen oder eine Petition starten, die auch niemanden wirklich interessiert. Dummerweise fällt mir in dieser Sekunde ein, dass das Löschen meines Accounts eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn zum einen dauert es mehrere Tage, bis der Schritt zur Löschung tatsächlich wirksam wird, zum anderen wird ein neu aufgetretenes Problem immer größer. Und zwar die Tatsache, dass sämtliche meiner Apps, Accounts, Mitgliedschaften und Webseiten mit einem netten Reiter namens „Mit Facebook anmelden“ bestätigt wurden. What The Fuck! Niemand, aber auch gar niemand hat einen Überblick darüber, mit welchen Seiten etc. man sich im Laufe der letzten Jahre via Facebook angemeldet hat. Und was ist dann mit meinen Spielständen, wenn ich Facebook lösche? Wohin verschwinden meine Daten? Kann ich das umgehen oder bin ich einfach am Arsch?

Wie ich bemerke, befinde ich mich noch immer in einer gedanklichen Pause, die ich vor circa einer Stunde gestartet habe und checke die Uhrzeit. Fast Feierabend. Wunderbar. Wo ist noch gleich meine Kolumne geblieben? Es muss morgen klappen. Schluss für heute.

Um den Nachmittag und Abend nicht unnötig zu verplempern, liegt eine Verabredung mit Freunden nahe. Gesagt, getan. Da sitzt man also nun in einer Bar mit einem Feierabend-Havanna-Cola, erzählt der Person gegenüber etwas und diese hat nichts Besseres zu tun, als alles was ihr sagt, direkt in Google einzugeben und gegenzuchecken und mit unsinnigen Phrasen deine Nerven zu quälen, die eh schon den ganzen Tag über gelitten haben. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, an die Namen dieser Freunde einfach ein …pedia dranzuhängen, denn sie sind anscheinend allwissend – so wie Wikipedia. Leute, es muss wirklich nicht alles online bestätigt werden, nur damit eine Unterhaltung am Laufen gehalten werden kann!

Ich will nicht behaupten, dass damals alles besser war, denn die Zeit, in der wir leben, bringt auch sehr viele Vorteile mit sich. Aber auch unsere Einstellung sollte mit der Zeit gehen, was am Ende des Tages bedeutet, dass man eben auch mal Neune gerade sein lassen muss, selbst wenn Google sagt, dass das alles andere als gerade sei.

Früher war auch vieles falsch, doch wir wussten es nicht besser und dennoch haben wir überlebt und uns (mit wenigen Ausnahmen) weiterentwickelt. Früher hat man für Dinge, die einem am Herzen lagen gekämpft, ohne online nach der nächstbesten Alternative zu suchen. Heute verabschieden sich Menschen aus Beziehungen und statt zu kämpfen, suchen sie online nach dem nächsten Partner. Wohin ist denn der Disney-Gedanke in uns verschwunden, den mein Kollege ständig sucht? Damit sind Situationen gemeint, die verfilmenswert sind, weil sie unter die Haut gehen. Situationen aus unserem Leben, die uns, wenn wir sie später einmal unseren Kindern oder Enkeln erzählen, Gänsehaut auslösen und uns ein Lächeln ins Gesicht treiben. Diese elementaren Momente verschwinden zusehends und wir sollten uns vielleicht Fragen, ob es nicht an der Zeit ist, weniger an Bildern von Salaten und dafür an unserem zwischenmenschlichen Handeln zu arbeiten. Die Zukunft wird es uns wohl danken.

Feierabend. Kolumne: Check.


Kolumne von Daniel Heilig

Daniel Heilig

Eine AJOURE´ ohne Daniel wäre wie ein Perpetuum mobile ohne die Bedeutung der Unendlichkeit. Seit dem Gründungsjahr schrieb Daniel unzählige Artikel und gehört zu den Grundpfeilern in der AJOURE´ Men.

 

Fotos: Delicious / stock.adobe.com; Daniel Heilig privat

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