Kolumne: Verschenkte Lebenszeit

        verschenkte Lebenszeit    

Wie es der Zufall so will, stieß ich vor kurzem auf die aktuellen Zahlen bezüglich des Durchschnittsalters eines Mannes bis zum Jahr 2020. Dass wir Männer im Schnitt fünf Jahre kürzer leben als Frauen, dürfte uns nicht wundern, denn meiner Theorie nach könnten diese fünf Jahre durch die ausgeleierten Nervenstränge kommen, die unsere Frauen strapazieren. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und unsere durchschnittlichen 79,1 Jahre auf diesem Planeten in Sekunden zu berechnen. Hier geht verschenkte Lebenszeit bereits los, wie ich gerade feststellen muss. Sei es drum. Im Schnitt haben wir Männer im Alter von 80 Jahren also ungefähr Zweieinhalbmilliarden Sekunden auf unserem Buckel. Ich rechnete die Zahl, um sie begreifen zu können, in Euros um, was mich allerdings nicht wirklich weitergebracht hat, außer in Vorstellungen zu schwelgen, was ich wohl mit der Kohle anstellen würde.

Wie dem auch sei, eine so große Zahl scheint schwer begreifbar zu sein und anfangs erscheint sie übertrieben groß. Im Gegensatz dazu sind 80 Jahre aber eine eigentlich gar nicht so lange Zeit, was das Ganze wieder ziemlich überschaubar macht. Genauer gesagt erscheinen die Jahre sogar beinahe kurz, sieht man von den Momenten ab, in denen sich Tage zogen wie Kaugummis. Doch wann ziehen sich diese denn so elend lang? Immer dann, wenn wir etwas Unangenehmes tun mussten oder uns im Nachhinein sagten „darauf hätte ich auch verzichten können“. Mit steigendem Alter erscheint auch folgender Satz immer öfter in unserem Kopf: „Unwiederbringbare Minuten meines Lebens“. Bei uns Männern gibt es einen gravierenden Unterschied gegenüber Frauen. Wir vergessen all die schlechten Momente und alles was bleibt, sind positive Eindrücke und Erinnerungen. Das geht bei beendeten Beziehungen schon los. Der Mann denkt an all das Schöne, während die Frau in der Regel nur das Schlechte an uns im Kopf behält. Am Ende unserer Lebenszeit denken wir also an all die schönen Momente zurück und kommen nicht ansatzweise auf die Idee zu überlegen, wie viel Zeit wir unnötig verschenkt haben und wie viele weitere tolle Momente uns dadurch durch die Lappen gegangen sind. Sollten wir uns diese Sache vielleicht bewusst machen, solange wir noch etwas daran ändern können und die restlichen Jahre mit Personen und Dingen verbringen, die uns guttun und uns denken lassen, dass unsere kostbare Zeit gut angelegt und nicht verschwendet war? Natürlich sollten wir das. Die Frage ist nur „wie“? Wie finde ich vorher heraus, ob sich etwas lohnt oder nicht? Und genau das ist der Casus-Knaxus, denn es gibt zwei Antworten. Zum einen wissen wir so etwas durch bereits gemachte Erfahrungen, in denen wir schon Zeit unwiederbringbar verschwendeten und zum anderen durch Zeit, die wir für die Antwort noch verschwenden müssen. Ersteres ist bereits passiert und wir haben daraus gelernt (oder auch nicht) und letzteres muss getan werden, um zukünftig sinnvoll mit unseren Momenten umgehen zu können. Inwiefern? Wir sollten uns die Frage stellen, womit wir den ganzen Tag Zeit verbringen und was sich unterm Strich nicht lohnt, da es uns nichts bringt. Allem voran gehen hier die sozialen Medien wie Instagram und Facebook. Ich will die Zeit mal hochrechnen.

Wenn ein Mann mit 18 Jahren beginnt Instagram zu nutzen (ich weiß selbst, dass es viel früher losgeht) und diese Plattform nutzt bis er Mitte Vierzig ist, täglich „nur“ 20 Minuten online ist, um Bilder zu posten und Stories anderer anzuschauen, dann hat er, bis er 45 Jahre alt ist, hierfür 136 Tage nonstop verschwendet. Ohne zu schlafen. Rechnen wir Schlafzeiten mit ein, dann kommen wir auf fast das Doppelte. Unterm Strich fehlt uns dann am Ende unseres Lebens ein komplettes Jahr. EIN JAHR! Und die meisten unter uns sind um ein Vielfaches länger als 20 Minuten online. Und es ging nur um Instagram. Wie bitter wird diese Erkenntnis sein, wenn wir kurz vorm Fegefeuer stehen und es vorher nicht besser wussten. Noch böser wird die Einsicht, dass alles, was wir hier an Zeit verschwendeten, überhaupt nichts gebracht hat, denn sofern du kein Influencer bist und damit Geld verdient hast, war es einfach nur unnötig.

Doch die Rechnung ist hier natürlich noch nicht fertig, denn es handelte sich um Instagram. Was noch fehlt? Facebook! Auch hier liegen die offiziellen Durchschnittszahlen pro Tag und User bei 21 Minuten. Also folgt auf ein verschwendetes Jahr direkt das zweite. Glückwunsch an dieser Stelle für die Erkenntnis, die ihr gerade bekommt.

Selbstverständlich könnten wir jetzt behaupten, dass es sich ja „nur“ um 40 Minuten pro Tag handelt, aber es ist letzten Endes die Gesamtsumme, die es ausmacht. Doch mit den sozialen Medien ist ja nur ein einziger Punkt genannt, der uns Zeit raubt. Es gibt viele Dinge, die das ebenfalls tun. Diskussionen, Schlangen im Supermarkt, stehen an einer roten Ampel. Einige Dinge sind unumgänglich, doch diese Dinge sollten so rar als möglich gehalten werden.

Wir sollten uns Gedanken darüber machen, was wir mit der Zeit anstellen könnten, die uns nachhaltig etwas bringt. Was uns gerne auf diese Momente zurückblicken lässt und von denen wir sagen, dass sich diese Augenblicke gelohnt haben. Fantasieren wir mal über mögliche Momente, die wir kreieren, indem wir unsere Zeit besser nutzen. Doch hier fangen die Probleme bereits an, denn oftmals wissen wir nicht, was so toll sein könnte, dass wir davon begeistert sind. Auch hier macht es die Erfahrung. Doch alles ist besser, als stumpf vor Insta-Stories zu sitzen, die am nächsten Tag wieder weg sind. Noch dazu von Personen, die wir nicht einmal kennen.

Durch das Reduzieren von Instagram und Co. sparen wir pro Tag etwa eine halbe Stunde. Und wenn ihr überlegt, mit wie vielen Dingen ihr noch Zeit sparen könnt, dann wird aus den 30 Minuten schnell eineinhalb Stunden. Zeit, in der ihr definitiv etwas Schönes machen könnt. Was „schön“ oder „gut und lohnenswert“ ist, müsst ihr natürlich für euch selbst entscheiden. Der eine hängt ans Ende des Trainings im Studio noch drei Saunagänge an und lernt hier vielleicht die Frau seines Lebens kennen (und weiß direkt vorher, wie sie ohne Klamotte aussieht), ein Anderer nutzt die Zeit und geht zwischen Feierabend und Couch noch auf einen Absacker in die Bar, die auf seinem Heimweg liegt und an der er seit Jahren dran vorbeiläuft, ohne einmal drin gewesen zu sein. Wieder andere nutzen die gewonnene Zeit im Reisebüro (ja, es geht auch ohne Internet) und lässt sich gedanklich schon einmal in Urlaubsstimmung versetzen, ganz ohne am Rechner zu vergammeln. Jetzt, da der Winter naht, öffnen in allen Städten Weihnachtsmärkte. Ein Ort, an dem sich Eheleute, Pärchen und viele Singles tummeln. So oder so, die Zeit außerhalb eurer vier Wände bringt euch mehr Positives, als andersherum. Schon einmal an Mikroabenteuer gedacht? Was das ist? Das findet ihr in dieser Ausgabe unter der Rubrik „Travel“. Eine Unmenge an Möglichkeiten, die euch alle einen Wow-Effekt bescheren werden. Und das ohne viel zu kosten oder Urlaubstage zu fressen.

Viel Spaß mit den gewonnenen Jahren eures Lebens.


Kolumne von Daniel Heilig

Daniel Heilig

Eine AJOURE´ ohne Daniel wäre wie ein Perpetuum mobile ohne die Bedeutung der Unendlichkeit. Seit dem Gründungsjahr schrieb Daniel unzählige Artikel und gehört zu den Grundpfeilern in der AJOURE´ Men.

 

Fotos: spaxiax / stock.adobe.com; Daniel Heilig privat

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