Kolumne: Die Anziehungskraft des Bösen – Männer und die Jagd

        Anziehungskraft des Bösen    

Ach Berlin, eigentlich bist du ja echt die beste Stadt Deutschlands. Aber manchmal, nur so manchmal, da denke ich mir: „Wäre mir das jetzt auch woanders so passiert?“ Die Antwort ist ein ganz klares: „Wohl kaum.“ Wahrscheinlich lässt sich der Grund dieser Frage auf viele Gegebenheiten beziehen. Sei es bei Erlebnissen, die einem hier einfach so beim Spazierengehen am Kudamm passieren, beim Bierchen auf dem Bordstein in Friedrichshain oder beim Essen an einer Curry-Bude, die es ja nun wirklich zu genüge gibt. So viele verschiedene Menschen, Nationen und Mentalitäten. Alle sind sie anders und alle kommen damit klar, denn eigentlich interessiert es hier auch niemanden, wer wie ist und auch der Grund ist einfach egal. Ganz nach dem Motto: „Komm klar mit mir, oder lass es.“ Grundsätzlich eine der besten Eigenschaften dieser unterm Strich gar nicht so hässlichen Stadt.

Wir leben hier in der Single-Stadt Nummer Eins in Deutschland. Millionen von Menschen und jeder scheint irgendwie ein Single oder unverheiratet zu sein. Wenn auch manchmal nur für die eine Nacht. Single hin oder her, wer hier niemanden kennenlernt, dem ist wohl oder übel nicht zu helfen. Und nein, ich rede hier nicht von Tinder-Dates, den sogenannten Tinderellas, sondern vom Kennenlernen im Real-Life. Draußen. In Freiheit. In Echtzeit, wo man nicht viel Zeit zu überlegen hat, was man jetzt auf eine Frage antwortet oder wie man am besten einen unangebrachten Witz so verpackt, dass er am Ende des Tages doch nicht so anstößig ist und man nicht direkt wieder eine Abfuhr erteilt bekommt. Und überhaupt, wann hat hier in Berlin mal jemand eine Abfuhr erteilt bekommen? Denn ansprechen und reden kannst du hier ja echt mit jedem, ohne dass es direkt als Anmache gewertet werden würde. Doch genau hier kommen jetzt diese kleinen, wenigen Ausnahmen ins Spiel. Menschen, die auf den ersten Blick so ganz anders zu sein scheinen, als sie tatsächlich sind.

Jetzt kommen sicherlich gleich wieder die ganz schlauen und tiefgründigen Menschen um die Ecke, die behaupten, es kommt auf die inneren Werte an. Beruhigt euch an dieser Stelle bitte gleich wieder, denn ich behaupte hier nicht das Gegenteil, aber wen interessieren die inneren Werte und eine vermeintliche Intelligenz, wenn du die Frau oder den Mann, den du gerade in einer Bar gesehen hast, noch nicht kennengelernt hast? Vor allem, wenn es vielleicht nur um diese eine Nacht geht. Da geht es wohl oder übel nur um das Aussehen. Wie gibt er oder sie sich? Was hat diese Person für einen Kleidungsstil, welche Figur, raucht er oder trinkt sie? Haare, Haut und Location. Irgendwie spielen hundert Dinge eine Rolle, aber sicherlich nicht innere Werte, denn damit diese an Gewicht gewinnen, muss unser anvisiertes Opfer zunächst einmal kennengelernt werden. Und genau hier kommt dann Berlin ins Spiel. Eine Hülle und Fülle an Männlein und Weiblein, die angesprochen werden wollen. Und ja liebe Frauen, auch Männer dürfen angesprochen werden. Es liegt in Zeiten der Emanzipation nicht immer alles an uns. Ihr wollt gleichberechtigt sein? Dann verhaltet euch auch so. Doch darum geht es hier zum Glück nicht. Es geht viel mehr um die Frage, was für eine Art Frau oder Mann gefunden werden soll. Und die Antwort auf diese Frage steht und fällt mit der Location, die ihr euch für diesen Abend ausgesucht habt.

Ich habe einen guten Freund, dessen Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte, also gebe ich ihm mal einen fiktiven Namen. Sagen wir Mark. Mark lebt natürlich auch in Berlin und kennt gefühlt mehr Menschen, als jeder andere in Berlin. Weshalb das so ist? Weil er jemand ist, der einfach jeden anquatscht, der ihm vor die Nase kommt. Sei es Mann oder Frau. Natürlich sind die Intentionen andere, wenn es sich um eine Frau handelt, aber unterm Strich redet er. Mit jedem. Immer. Überall und zu jeder Uhrzeit. Ich, der sich das Schauspiel immer anschaut, muss ständig grinsen, weil ich weiß, was gleich passiert. Eine Traube neuer Menschen bildet sich um uns, und wenn ich nach Hause komme, habe ich dank Mark wieder ein Dutzend neuer Leute kennengelernt. Und genau so war es auch, als wir wie üblich in einem unserer Lieblingsläden gelandet sind. Es war zwar erst Montag, doch wo steht, dass man nicht schon montags das Wochenende einläuten kann. Berlin halt. Wir fallen bei minus zwei Grad also in einen unserer Stammläden. Das Provocateur in Wilmersdorf / Charlottenburg. Irgendwie so an der Grenze. Ein Mix aus Hotel, sehr gutem Restaurant und Bar, wo, sobald niemand mehr isst, geraucht werden kann. Natürlich kennt man uns auch hier nach dem zweiten Abend, denn Mark ist ja dabei gewesen, und er macht auch nicht vor einer Freundschaft mit den Angestellten halt.

Anziehungskraft des Bösen

Ein Stammplatz direkt auf der einzigen und größten Couch des Ladens hinter der Bar ist uns also sicher. Der Platz, wo man im Prinzip alles im Blick zu haben scheint. Dort, wo dich wirklich jeder sieht, der in ins Pro(-vocateur) reinkommt. Der Plan für diesen Abend: Einfach nur kurz einen trinken gehen, denn ich muss am nächsten Tag arbeiten und wollte eh nicht wirklich raus. Ich chille mich in meinen zerfetzten Jeans und Hoodie also auf die Couch in eine Ecke, werfe meine Beine so halb auf das Couchende und Mark begrüßt, wie soll es auch anders sein, die Barkeeper, die mir zuwinken und grinsen. Ich also hart am Chillen und mein Handy in der Hand, denn ich muss ja wissen, was in den Nebenuniversen Berlins, der sogenannten „Heimat“, noch so los ist. Gin Tonic für Mark und Cuba Libre für mich. Es kann also losgehen. Mark: „Diggi, hast du die beiden Mädels vorne am Tisch gesehen?“ Ich, schon direkt genervt, weil ich wollte ja chillen, schau ihn an, grinse und sage: „Klar, von dem Platz hier fast unmöglich, die nicht zu sehen.“ Eine mit roten, die andere mit langen blonden Haaren. Die Gesichter konnte ich nicht erkennen, aber klar war, dass da zwei Mädels mit Champagner am Tisch sitzen. Und was bedeutet das für Mark? Klar: Feuer frei. Und so war es auch: „Ich geh mal hin.“ Und zack war er weg und ich versank wieder in mein Handy, um die letzten ruhigen Sekunden dieses Abends zu genießen. Außerdem würde Marks Redefluss durchaus für beide Frauen reichen. Ich war also fein raus. Dachte ich zumindest einen Moment lang.

„Diggi, das ist Lisa und Jeanette“ tönt es vor mir. Ich wusste, was das bedeutet, wende mich von meinem Handy ab und gebe beiden die Hand. Die Couch war nun also voll. Und ich hoffentlich auch bald, denn ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit dem, was gleich passieren sollte.

Wer waren die Mädels? Ich kann an dieser Stelle nicht behaupten, dass die beiden hässlich gewesen wären, denn das waren sie beim besten Willen nicht. Im Gegenteil. Eine der beiden hatte einen Beruf, den sie irgendwie nicht verraten wollte und die andere, Lisa die Blondine, war Fitness-Trainerin. Gebürtige Münchnerin, die nach Zürich zog und nun überzeugte Schweizerin zu sein schien. Der Grund des Umzugs (nicht, dass ich es wissen wollte): Geld. Denn sie verdient dort nach ihren Angaben natürlich das Dreifache. Leider war das an diesem Abend auch das einzige, wenn überhaupt, Intelligente, was sie von sich gab. Der Grund hierfür kann natürlich der Alkohol gewesen sein. Oder das Koks. Oder vielleicht auch einfach eine Unverträglichkeit bezüglich einer Kombination aus beidem. Sie war also am Reden. Und zwar beinahe mehr als Mark. Für mich bedeutete dies: Noch ein Cuba Libre, denn ich war im Begriff, in die Tischkante zu beißen. Selten habe ich so viel Stuss von einer einzigen Person gehört.

Welcher Satz sich allerdings an diesem Abend nachhaltig in mein Hirn brannte, war, als sie sagte: „Ich mag Luxus. Ich bin die Schickeria und so. Ich bin Louis Vuitton, Prada und Gucci. Das ist ja ganz klar.“ (Für Hermès hat es wohl nicht gereicht?) Meine erste Frage nach diesem Geständnis war, wann sie denn wieder nach Hause fliegen würde. Zugegeben, die Frage kam nicht zwingend gut an, doch Wayne interessiert‘s? Es stellte sich also heraus, dass sie ihre Freundin mit Geheimjob nur für eine Nacht besuchen würde. Ich, sichtlich erleichtert, schlürfte an meinem Cuba und warf Mark die passenden Blicke zu. Eine Premiere bahnte sich an. Wir überlegten beide, wie wir die Top-Secret-Agentin und die personifizierte Schickeria wieder loswerden würden. Leichter gesagt als getan. Denn während die eine ununterbrochen am Labern war, grinste die andere immer passend zur moralischen Unterstützung in Richtung ihrer Freundin. Nicht, dass wir an dem Abend schon genug Gründe für eine demoralisierende Selbstzerstörung bekommen hätten, aber es ging noch weiter. Die Schweizer Fitness-Blondine mit Schickeria-Hintergrund erzählte stolz von ihrem ach so florierenden Instagram-Account und ihren 11,9K Followern.

So, nun kam also ich ins Spiel, denn ich bin ja ein kleiner Instagram-Suchti. Zumindest was das Stalken irgendwelcher Bilder angeht. Ich schaute mir also ihren Account an, sah die Elftausendneunhundert Follower, bemerkte aber, dass jeder ihrer recht sexy Fotos nur 40 bis 90 Likes vorzuweisen hatte. Ich sank schadenfroh in meine Couch ein, zündete mir eine Zigarette an, nippte kurz an meinem Cuba Libre, während ich ihr ins Gesicht sah und grinste. Auf die Frage, wo sie sich die ganzen Follower gekauft hätte, reagierte sie natürlich empört. Aus der Nummer kam sie dann allerdings nicht mehr heraus, als ich ihr Fakten auf den Tisch legte und ihr klarmachte, dass eine Blondine ihres Aussehens mit den hochgeladenen Bildern weit mehr als 40 Likes haben sollte, wenn sie schon knapp 12.000 Follower hat. Also war auch die Seite ein Fake. Frau und Seite passten also zusammen. Lustigerweise verlor sie bereits während dieses Abends knapp 400 Follower, was ein typisches Zeichen für gekaufte Fans ist.

Als beide auf die Toilette mussten, um die „Nase zu pudern“, zahlten wir. Wir konnten nicht anders und lachten uns tot. Selbst Mark war sowas hier noch nicht passiert.

Ich war an diesem Abend zum Glück schlau genug, um nicht zu erwähnen, wo ich wohne. Aber Mark dachte da anfangs nicht drüber nach, und so bezahlten wir und ließen die Mädels, wo sie waren. Auf der Couch mit einem Champagner in der Hand. Es war ja auch schon halb zwei und ich durfte am nächsten Morgen arbeiten. Aber sei es drum, ich war eine Erfahrung reicher. Mark sollte allerdings zwei Erfahrungen reicher werden, denn er kam nach Hause, legte sich schlafen und wurde dann unsanft aus dem Schlaf gerissen, als es an seiner Haustür klingelte. Und jetzt ratet mal, wer vor der Tür stand. Zwei völlig besoffene, zugekokste Hühner, die ihn zum Feiern abholen wollten. Morgens um vier…

Gute Nacht, Berlin.

Daniel Heilig, 37

Anziehungskraft des Bösen

Eine AJOURE´ ohne Daniel wäre wie ein Perpetuum mobile ohne die Bedeutung der Unendlichkeit. Seit dem Gründungsjahr schrieb Daniel unzählige Artikel und gehört zu den Grundpfeilern in der AJOURE´ Men.

 

Fotos: jacoblund; 1001nights / Getty Images; Daniel Heilig privat

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