Psychologie: Ist der Seitensprung wichtig?

        Seitensprung Psychologie    

Faszinierend, erregend, aufregend, abenteuerlich, belebend und süßlich. Die Konsequenzen andererseits bitter, vernichtend, manchmal lähmend und schockierend. Laut der Umfrage einer Dating-Agentur haben ihn 43 Prozent aller Deutschen schon erlebt: den sagenumwobenen Seitensprung.

Ein nicht zu verachtender Prozentsatz aller Fremdgeher erhält die Dreiecksbeziehung über gewisse Zeit aufrecht und baut sich den harmonisch gleichförmigen Kreis der monogamen Beziehung damit dauerhaft zu einem geometrischen Gebilde mit Ecken und Kanten um. Um einen Seitensprung zu begehen musst du nicht unbedingt ein Althippie sein, der mit einem Joint im Mund davon spricht, dass Liebe generell frei ist. 90 Prozent aller Deutschen halten Treue für den wichtigsten Wert in einer Partnerschaft. Viele Seitenspringer leben damit eine Doppelmoral: Sie gehen fremd, aber würden selbst im Dreieck springen, würde ihr Partner einen Seitensprung begehen.

Fünf Gründe, wieso du Monogamie vielleicht für richtig hältst und dich trotzdem nicht demgemäß verhältst.
 

1. Selbstbildstörungen – Seitensprünge, weil alles perfekt ist

Stelle dir folgendes Szenario vor: Du hast die ideale Frau gefunden mit der regelmäßig etwas läuft. Auch auf intellektueller und emotionaler Basis läuft alles rund. Eure Beziehung wirkt perfekt und befriedigt dich auf ganzer Linie. Trotzdem gehst du fremd. Nein, lass es uns anders ausdrücken: Gerade deswegen gehst du fremd. Seitensprünge trotz Liebesglück müssen nicht von Langeweile motiviert sein, sondern liegen oft an Bindungsängsten oder einem Selbstwertdefizit. Das Unterbewusstsein ist eine Dunkelkammer. Darin abgespeicherte Bilder zur eigenen Person entwickeln sich wie in Foto-Chemikalien solange weiter, bis sie in der Realität an Gestalt gewinnen. Sobald du aufgrund von vergangenen Ereignissen also ein Bild von dir selbst im Unterbewusstsein ablegst, das dir keine Idealbeziehung gönnt oder dich als Womanizer darstellt, wird es auch in deiner gegenwärtigen Realität Stück für Stück an Gestalt gewinnen. Nur wer sich für wertvoll hält, gönnt sich Dinge von Wert. Ein Selbstwertdefizit kann dich auf diese Weise in einer wertvollen Beziehung zur Wertzerstörung bewegen, so zum Beispiel durch einen Seitensprung. Auch Bindungsängste, oder ein konstruiertes Womanizer-Selbstbild hängen oft mit diesem Grundsatz zusammen. Vielleicht wird dein Bewusstsein Monogamie in einer wertvollen Beziehung also für richtig halten, aber dein Unterbewusstsein ermöglicht dir trotzdem nicht dich monogam zu verhalten.
 

2. Gengesteuert – evolutionsbiologische Erklärung für den Seitensprung

Evolutionsbiologisch betrachtet, sind Lebewesen genetisch auf den Erhalt der eigenen Art programmiert. Wie ein Cheerleader-Trupp feuern dich deine Gene also dazu an, möglichst viele Nachkommen zum Arterhalt zu zeugen. Männer unterscheiden sich in diesem Zusammenhang von Frauen, die nur eine begrenzte Zahl an Kindern austragen können. Vor dem Hintergrund dieser limitierten Fortpflanzungsfähigkeit reicht auch ein einzelner Partner aus. Nicht so für Männer: Ein Limit gibt es für männliche Lebewesen nicht. Genau aus diesem Grund muss Mann mit möglichst vielen Frauen schlafen, um möglichst viele Nachkommen zu zeugen. Tut er das nicht, so ist er an das biologische und altersphysiologische Limit seiner Partnerin gebunden. Wenn sie zum Beispiel gerade schwanger ist macht Sex zum Arterhalt wenig Sinn. Sicher, du könntest abwarten, bis sie das Kind ausgetragen hat und wieder befruchtungsfähige Eier zur Verfügung stellt. Wieso solltest du aber wertvolle Zeit und wertvollen Samen vergeuden, wenn du mit einer anderen Partnerin bei einem Seitensprung schon jetzt wieder Nachkommen produzieren könntest? So denkt deine Genetik. Dem Arterhalt zuliebe will sie dich vom Treueideal befreien und zum Fremdgehen bringen. Du bist schließlich kein Seepferdchen. Lebenslange Treue liegt dir nicht in den Genen. Natürlich könntest du auch einfach zur Samenspende gehen und deinen Samen wahllos unter die Leute bringen: Nachkommen wären auch damit gesichert. Aber mache das einmal deinen Genen klar!

Erinnern wir uns an Sigmund Freud und seine nervige Angewohnheit alle menschlichen Aktionen auf Triebe zurückzuführen. Deine Triebe sind genetisch vorprogrammiert. Wenn wir Freuds Gedanken weiterverfolgen würde dich der unterdrückte Fortpflanzungstrieb letztlich in eine psychische Störung führen. Prophylaktisch machst du es deshalb wie ein Stier an dem das „Alte-Kuh-Syndrom“ beobachtet wurde oder wie eine männliche Ratte, die dem Coolidge-Effekt folgt. Nach einer bestimmten Zeitspanne begatten diese Tiere die Weibchen ihrer Gruppe nicht mehr. Sobald aber ein neues Weibchen die Gruppe erreicht werden die Männchen sexuell wieder aktiv. Diese genetischen Zusammenhänge des Seitensprungs sind tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Jetzt gibt es nur ein Problem: Du bist keine rein instinktgesteuertes Tier, keine Ratte und kein Stier. Anders als andere Säugetiere besitzen Menschen neben dem Überlebensinstinkt Werte, Gesetze und Ideale, die der Sozialisation entstammen. Aufgrund der Sozialisation kannst du Monogamie zwar für richtig halten, aber dich genetisch trotzdem nicht danach verhalten.
 

3. Zeit-Paradoxon – wie Konsumsucht zum Seitensprung bewegt

Die Lebenserwartung steigt. Zugleich leben Menschen in der westlichen Gesellschaft mittlerweile ein Leben bis in die Vollen. Heute schon mal auf Facebook geschaut? Der Nachbar postet Fotos von sich selbst beim Bungee-Jumping. Der alte Jugendfreund ist auf Weltreise und treibt sich gerade im tibetanischen Gebirge herum. Alle geben sie mit der Lebenswertigkeit ihres Lebens an und machen dir Angst etwas zu verpassen. Obwohl du dein Leben ganz okay findest, packt dich die Sehnsucht nach mehr. Das unmittelbare Umfeld zeigt dir schließlich, dass noch viel mehr drin ist. Die gegenwärtige Zeit ist eine Zeit des Überflusses. Beim Einkaufen brauchen Menschen mittlerweile mehrere Stunden um alle Brotsorten und Milchsorten zu überblicken. Für jedes Gelüst und jeden Geschmack gibt es eine andere Sorte. Das Konsumzeitalter zwingt den Menschen in eine Konsumsucht und zwar nicht nur, wenn es um Produkte geht, sondern auch in Sachen Emotionen und Liebe. Du bekommst ständig das Gefühl eines riesigen Marktangebots vermittelt. Wenn du dich nun für einen bestimmten Fernseher entschieden hast bezweifelst du deine Wahl oft noch am selben Tag, weil das Angebot einfach riesig ist und du Angst hast etwas noch Besseres zu verpassen.

Diese Konsequenzen des Konsumzeitalters und der Konsumsucht können sich auf jeden Bereich des Lebens erstrecken. Gerade wenn du seit Jugendtagen in einer ernsthaften Beziehung steckst, zweifelst du vielleicht bewusst oder unterbewusst irgendwann an deiner Partnerwahl und wirst von der brennenden Angst ergriffen etwas zu verpassen. So entwickelt sich die quälende Sehnsucht nach mehr, die sich schon fast nach Drogensucht anfühlt. Eine nicht zu unterschätzende Zahl von Drogensüchtigen weiß genau, dass das Konsum nicht gesund und die Sucht nicht erstrebenswert ist. Die Abhängigkeit zwingt sie trotzdem zum Konsumieren. Auf ähnliche Weise können den Menschen das Konsumzeitalter und die Konsumsucht zum sexuellen Konsum außerhalb einer festen Beziehung bewegen, obwohl er selbst sein Vorgehen nicht einmal für richtig hält. So viel zu den psychologischen Auswirkungen des Zeitgeists. Das Paradoxe daran: Wenn du dich auf dem Markt umgesehen und eine mögliche Alternative zum Altbewährten entdeckt hast merkst du häufig schon nach kurzer Zeit oder nach einem einmaligen Abenteuer, dass du trotz getroffener Wahl im Grunde nichts Großartiges verpasst. So kannst du Monogamie für wichtig halten, aber dich aufgrund von Konsumsucht trotzdem nicht monogam verhalten. Dass die Lebenserwartung immer weiter steigt, ist dem Seitensprung aus Konsumsucht noch förderlicher. Feste Beziehungen oder Ehen dauern bei steigender Lebenserwartung noch länger und je länger sie dauern, desto wahrscheinlicher ist das Gefühl bei riesigem Marktangebot etwas zu verpassen.
 

4. Angestaut – Seitensprung als Outlet bei emotionalem Messie-Verhalten

Kennst du die vielen Schubladen für Emotionen und Gedanken, die du in deinem eigenen Kopf mit dir herumschleppst? Annähernd jeder von uns hat diese eine Küchen- oder Wohnzimmerschublade, in die er alle Emotionen und Gedanken sperrt, mit denen er sich gerade nicht beschäftigen möchte oder kann. Emotionale Schubladen können relativ nützlich sein, denn Emotionen bringen das Leben ganz schön durcheinander. Wir sperren die Schublade zu und alles scheint wieder unter Kontrolle zu sein. Routine kehrt ein. Leider entspricht das Anhäufen von Emotionen einem emotionalem Messie-Verhalten. Wie in der Wohnung eines Messies fängt es aus unseren Emotionsschubladen zu stinken an, weil die Gefühle vor sich hin gären und dabei toxische Stoffe entwickeln.

Gerade in einer längeren und ernsteren Beziehung wird es von Zeit zu Zeit immer Probleme geben. Aufgrund von gemeinsamen Pflichten und Verantwortungen wie zum Beispiel denen für gemeinsamen Nachwuchs sperren wir problembehaftete Emotionen und Gedanken in ernsteren Beziehungen umso häufiger in unsere Messie-Schublade. Die gemeinsamen Pflichten und Verantwortungen gehen schließlich vor und lassen sich nicht kontrolliert erfüllen, solange die ganzen Affekte herumschwirren. In der Schublade häuft sich so, der Pflichten zuliebe, auf lange Sicht relativ viel Müll an. Zu diesem Müll gehören Enttäuschungen, Fehler des anderen und eigene Kränkungen, die längst als vergeben und vergessen gelten, aber niemals aufgearbeitet wurden. In manchen Fällen geht das emotionale Messie-Verhalten so weit, dass du in einem emotionalen Vakuum landest. Auch die Liebe für den anderen ist zuliebe partnerschaftlicher Routinen und Alltagskontrolle gemeinsam mit Kränkungen und Problemen in der emotionalen Messie-Schublade gelandet. Irgendwann ist die Schublade voll. Wenn sie zum Überquellen kommt mag das zwar die Liebe wieder befreien, aber frei sind jetzt auch unverzeihliche Fehltritte und Enttäuschungen. Die überquellende Schublade kann dich so zum Seitensprung aus niederen Affekten bewegen. Das Fremdgehen aus Rache, Enttäuschung oder ähnlichen Antrieben ist ein Mörder, der der Liebe die Kehle durchschneidet und aufgrund der niederen Mordmotivation eigentlich lebenslang hinter Gitter gehört. Weil ein so gearteter Seitensprung aber die emotionalen Messie-Schubladen leert und dich so von Emotionsballast befreit, empfindest du diese Art von Seitensprung vielleicht sogar als Befreiungsschlag. Ein Fehltritt dieser Art kann durchaus jemandem passieren, der Monogamie eigentlich für wichtig und richtig hält.
 

5. Egotrip – Seitensprung-Motivation durch narzisstische Ader

In jedem Menschen wohnt ein gefräßiger, fordernder, ständig jammernder Kerl, der seine dicken Finger nicht vom Kühlschrank der Komplimente und Bestätigungen lassen kann und die Fassung verliert sobald kein Honig mehr im Haus ist. Dieser Kerl ist das Ego. Es fordert permanent zum Füttern auf und wird unleidig wenn es über gewisse Zeit Diät halten muss. Am Anfang einer Beziehung ist für die Ego-Fütterung in der Regel noch gesorgt. Die Partnerin macht dir Komplimente und gibt sich dir auf mehr als nur eine Weise hin: emotional, intellektuell und sexuell. In einer längerfristigen Beziehung wird dein Ego allerdings auf Diät gesetzt. Routinen haben sich eingespielt. Eine Komfortzone ist eingerichtet und die Partnerin bemüht sich weniger um dich. Sie hat sich an dich „gewöhnt“ und schätzt dich gefühlt nicht mehr so wert wie am Anfang. Komplimente und Lob schrumpfen auf ein Gullivers-Reisen-nach-Liliput-Maß. Das gefräßige Ego machen sie daher nicht mehr satt. Am schlimmsten wird es wenn sich die Partnerin sexuell von einem abwendet. Man fühlt sich unterbewusst nicht mehr begehrt und will testen, ob man tatsächlich nicht mehr begehrenswert ist. Wenn sich das Ego kurz vor dem Hungertod befindet, bringt es dich zum Zweck des Selbsterhalts dazu für Nahrungszufuhr zu sorgen. Falls diese Nahrungszufuhr in der Partnerschaft dauerhaft ausbleibt, wendest du dich nach außen.

So traurig es ist, so sehr fühlst du dich als Mensch unterbewusst auf soziale Anerkennung angewiesen. Dies gleich in mehrerer Hinsicht, was dich letztlich zum Aufbau mehrerer Beziehungen bewegen kann. Du kannst dich zum Beispiel intellektuell und emotional noch immer von deiner Partnerin begehrt fühlen, aber wenn das körperliche Begehren auf der Strecke bleibt bekommst du trotzdem Probleme mit dem Ego. Wenn die Anerkennung auf allen Ebenen nicht mehr fühlbar ist, ist die Beziehung oft nicht mehr zu retten. Wenn es aber nur um das körperliche Begehren geht tut es oft schon ein einzelner Seitensprung. Hier setzt die Doppelmoral ein: natürlich will dein Ego deine Partnerin nicht auch fremdgehen sehen. Sonst wäre es nur noch mehr gekränkt. Dein Ego lässt dich Monogamie also für wichtig halten, aber hält dich unter Umständen davon ab, dich monogam zu verhalten.

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Foto: bowie15/iStock.com



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